Schule macht krank: Diese Warnung sprach schon vor 120 Jahren der Neurologe Wilhelm Erb aus. Der Druck auf die Kinder in den Schulstuben sei riesig; Überlastung und Überforderung könnten gesundheitsschädigend wirken, heisst es in seiner Schrift «Über die wachsende Nervosität unserer Zeit».

Aus heutiger Sicht wirkt Erb wie ein Visionär: Parallel zur hiesigen Debatte über das Reformprojekt Lehrplan 21 finden weltweit jene Stimmen zurzeit verstärkt Gehör, die unserem Bildungssystem kritisch gegenüberstehen. Befeuert wird die Debatte durch den österreichischen Dokumentarfilm «Alphabet», der demnächst in der Schweiz zu sehen ist (siehe separater Text).

Den Kindern geht es nicht gut in der Schule: Diese Erkenntnis treibt wie damals Wilhelm Erb aktuell Gerald Hüther um. Als einer der «Alphabet»-Protagonisten spricht der deutsche Hirnforscher davon, dass es «noch nie so viele kranke Kinder» gegeben habe.

«In der Phase, in der die Grundschüler für die weiterführenden Schulen ausselektiert werden, steigt der Anteil von ADHS rapide an», sagt der Forscher von der Universität Göttingen.

Es gebe zudem zu viele Kinder, die an psychosomatischen Erkrankungen leiden und viel zu viele junge Menschen, die ihre angeborene Entdeckerfreude und Gestaltungskraft irgendwann verloren haben, die Schule gar nicht abschliessen und deren Talente unentdeckt bleiben. Hüther bezeichnet Schulen als «Abrichtungsanstalten».

Für eine chinesische Schule liesse man den Begriff wohl noch gelten. Denn diese stellt man sich landläufig genau so vor, wie es «Alphabet» zeigt: Gebeugte Rücken, gesenkte Köpfe, pauken bis tief in die Nacht, alles auf Leistung, Wettbewerb und Disziplin ausgerichtet. Wenn Hüther das Wort «Abrichtungsanstalt» verwendet, meint er aber deutsche, englische, unsere Schulen mit.

Selbstverständlich muss das in einen Kontext gesetzt werden. Schulen funktionieren in der Regel nach dem System Belohnung – Bestrafung.

Für Hüther sind das «Dressurmethoden», die in den letzten Jahrhunderten entstanden, als man Heranwachsende an die Funktionsweise von Maschinen anpasste.

Dies sollte aber im Zeitalter der automatisierten Prozesse nicht mehr länger das Ziel der schulischen Bildung sein. Heute seien nicht mehr brave Pflichterfüller und Funktionierer gefragt, sondern umsichtige Menschen, die kreativ mit den neuen Arbeitsbedingungen umgehen, sagt er.

Doch um die Kreativität ist es nicht gut bestellt. Denn junge Menschen werden weiterhin zu gleichförmigen Wesen gemacht.

Eine in «Alphabet» zitierte Langzeitstudie über sogenannt unangepasstes Denken zeigt, dass Menschen mit zunehmendem Alter nur noch eindimensional denken.

Unangepasstes Denken gilt als wichtige Voraussetzung für Kreativität. Es ist die Fähigkeit, eine Frage auf viele Arten zu interpretieren und nicht nur linear zu denken.

Unter den 1500 Teilnehmern der Studie erreichten 98 Prozent der Drei- bis Fünfjährigen die nötige Punktzahl, um als Genie im unangepassten Denken zu gelten. Fünf Jahre später (Alter 8 bis 10 Jahre) war der Anteil der Genialen auf 32 Prozent abgesackt.

Im Alter von 13 bis 15 Jahren erreichten noch 10 Prozent das Level genial. In einer zusätzlichen Gruppe von 200 000 Erwachsenen ab 25 Jahren, die einmalig getestet wurde, waren nur noch 2 Prozent Genies im unkonventionellen Denken.

Die Studie illustriert: Alle Menschen verfügen über die Fähigkeit, unangepasst zu denken. Im Lauf des Lebens verkümmert diese Fähigkeit aber. Der Schluss liegt nahe: Schule fördert die Gleichschaltung.

Wie könnte es auch anders sein: Schliesslich lernen Schüler auch hierzulande in den meisten Schulen im Klassenverband zur gleichen Zeit den gleichen Schulstoff. «Lehrer organisieren das Lernen.

Sie bestimmen, wer zu welchem Zeitpunkt was lernen soll», sagt Schulkritiker Andreas Müller im Gespräch mit der «Nordwestschweiz».

Müller setzt mit «seiner» Schule, dem Institut Beatenberg oberhalb des Thunersees, seine Vision einer anderen Schule um.

Müller anerkennt die «gute Tradition» des Schweizer Schulsystems, das sich auch international sehen lassen kann. «Ich bin aber der Ansicht, dass sich das Schulsystem im Hinblick auf gesellschaftliche Entwicklungen anders aufstellen muss», sagt er.

So stellt Müller kurzerhand vermeintlich unverrückbare Pfeiler des Schulsystems infrage, etwa den Sinn, Kinder in Jahrgangsklassen zu unterrichten.

«Der Jahrgang ist ein untaugliches Element als Einteilungskriterium», sagt Müller. Aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung seien die Sozialisierungsdifferenzen und damit auch die Entwicklungsdifferenzen unter den Kindern eines Jahrgangs sehr gross geworden.

Andreas Müller arbeitet mit flexibleren Organisationsformen des Unterrichts, kooperativen Formen des Lernens. Alles, um die Lernfreude der Kinder zu erhalten. Denn wie eine Studie der Universität Wien zeigt, nimmt die Lust am Lernen mit zunehmender Schuldauer rapide ab.

Allzu häufig gehe es beim Lernen um Dinge, die mit der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen wenig zu tun haben, schreibt Müller in seiner Neuerscheinung «Bock auf Lernen».

«Die Aufgabe der Lernenden beschränkt sich darauf, erraten zu können, was der Lehrer hören oder sehen will, um stante pede eine Antwort aus dem Hut zaubern zu können, wenn man gefragt wird», heisst es weiter. So entwickelten Kinder in der Schule die Kernkompetenz, sich in den schulischen Abfrageritualen clever zu verhalten.

Dass Lernen auch anders geht, zeigt in «Alphabet» André Stern. Der 42-jährige Franzose hat nie eine Schule besucht und sich sämtliches Wissen aus eigenem Antrieb selbst angeeignet.

Der Autor, Musiker und Gitarrenbauer ist international unterwegs, um über seine Erfahrungen zu sprechen. So aussergewöhnlich sein Werdegang, so banal will Stern seine Geschichte verstanden wissen:

«Was ich erlebt habe, ist nicht mein persönliches Verdienst. Meine Geschichte zeigt vielmehr exemplarisch auf, wie viel Vertrauen man in die spontane Veranlagung des Kindes zu lernen haben kann», sagt der Bildungsaktivist am Telefon aus Paris.

Im Bemühen darum, dem Kind zu helfen, verschütteten wir allzu oft die spontane Veranlagung des Kindes, bedauert Stern.

Spricht man mit Exponenten der Bildungsdebatte, fällt schnell einmal der Begriff selbstwirksam. Vor Schuleintritt hätten Kinder ein hohes Mass an Selbstwirksamkeit, sagt Daniel Hunziker, Mitbegründer der Initiative Schulen der Zukunft.

«Sie machen selbst Erfahrungen, setzen eigene Ideen um und drücken ihre eigene Kreativität aus.» Einmal in der Schule, sei es für die Lehrpersonen aufgrund übervoller Lehrpläne und gesellschaftlicher Erwartungshaltungen schwierig, die Selbstwirksamkeit zu fördern, sagt der Schweizer, der jahrzehntelang als Lehrer und Schulleiter gearbeitet hat.

In den kommenden Jahren soll in der ganzen Schweiz der Lehrplan 21 eingeführt werden. Glaubt man warnenden Stimmen, ist der Lehrplan inhaltlich überfrachtet. Dass regelmässige Monitorings die Leistung der Kinder messen, dürfte Schulkritiker auch wenig erfreuen.

Doch Andreas Müller wie Daniel Hunziker orten im harmonisierten Lehrplan auch Potenzial. Hunziker sagt gar: «Der Lehrplan 21 bietet die Chance, eine kindgerechte Schule zu machen.»

Neu ist nämlich nicht mehr vorgeschrieben, was Kinder wissen, sondern, was sie können müssen. Der Paradigmenwechsel wird mit dem Wort kompetenzorientiert ausgedrückt.

«Es geht also nicht mehr um eine Wissens-Ablieferung, sondern die Kinder sollen Wissen in kompetentes Handeln umsetzen können», sagt Hunziker erfreut. «Das geht in Richtung Selbstwirksamkeit.»

Auch in der Überprüfung dieser Kompetenzen ortet er eine Chance: Da im Lehrplan 21 keine Jahrgangsklassenziele formuliert sind, sondern Zyklus-Mindestanforderungen, bietet sich laut Hunziker die Möglichkeit, dass Kinder unterschiedlich – entsprechend ihrer Entwicklung – lernen und arbeiten können. «Die Umsetzung hängt von den Lehrmitteln, den Lehrpersonen und der gesellschaftlichen Akzeptanz ab», ist er sich bewusst.

Dass auch unter Eltern und Pädagogen ein Bedürfnis für eine neue Art von Schule besteht, dass in der Schweiz sogar eine neue Bildungsbewegung an Fahrt gewinnt, davon ist Hunziker überzeugt – und das grosse Interesse an den Bildungskongressen von «Schulen der Zukunft» bezeugt dies auch.

Schulpioniere wie Müller und Hunziker sind derzeit an Schulen in der ganzen Deutschschweiz gefragt: Sie zeigen dort, wie kompetenzorientiertes Unterrichten und Lernen gehen könnte.

(Quelle:YouTube/vipmagazin)

Trailer: Alphabet