Spaziergänge – Lommiswil SO

Wie der Vater, so die Tochter – bis der Geduldsfaden reisst

Ein Ort, zwei Stunden Zeit, keine festgelegte Route. Teil 12 der Serie «Spaziergänge» führt durch Lommiswil im Bezirk Lebern.

„Was machen wir morgen?“ Die Standardfrage, wenn ich meine Tochter am Freitagabend vom Bahnhof abhole. Meine Standardantwort: „Wir schauen spontan.“ Irgendwas Lustiges wird uns schon einfallen. Darin haben wir Routine. Und deshalb ernte ich schon fast verwunderte Blicke, als ich ihr eröffne: „Du, ich habe einen Plan.“

Die Frage ist nur: Wie soll ich es einer 10-Jährigen schmackhaft machen, mit mir zwei Stunden lang ziellos durch ein Dorf zu spazieren, das beide nicht kennen, und von dem zumindest sie sicher noch nie etwas gehört hat? Ehe ich meine Verkaufsargumente, die eigentlich besser zu einer Kaffeefahrt in den Schwarzwald passen würden, richtig sortiert habe, ist meine Tochter bereits Feuer und Flamme: „Ich komme mit! Haben wir die alte Kamera noch? Und darf ich sagen, wohin wir gehen?“

Klar darf sie (siehe Tecknau). Weil die alte Kamera unauffindbar ist, besorgen wir uns rasch eine neue. Fahren nach Lommiswil. Parkieren bei der Heilig-Geist-Kirche. Und zotteln los. Via Friedhof Richtung Hauptstrasse. Unbemerkt bleiben wir nicht. Als wir an einer verlassenen Bäckerei anhalten und die nach unten gekippten Buchstaben ins Visier nehmen, kommt uns eine Frau entgegen. „Fotografiert doch etwas anderes“, ruft sie uns von weitem zu. „Das ist doch kein schönes Motiv.“ Ich überlege kurz, ob ich vehement widersprechen und ihr den Charme des Morbiden erklären soll. Ich belasse es bei einem kurzen Smalltalk.

„Also ich find die Buchstaben cool“, wird meine Tochter später sagen. Sie sitzt mittlerweile auf einem ausrangierten Ledersessel am Strassenrand und will sehen, ob ich „schon wieder“ dieselben Bilder gemacht habe wie sie. Sie nickt zufrieden.

Nach einer Stunde und 20 Minuten stehen wir am Bahnhof von Lommiswil. Hier, viel später als gedacht, reisst ihr der Geduldsfaden. „Papi, können wir zurück zum Auto? Ich habe keine Lust mehr.“ Machen wir doch, kein Problem. „Aber Papi, nicht, dass du überall anhältst und fotografierst.“ Nein, nein, natürlich nicht. Fünf Minuten später kreuzt eine verspielte, anhängliche, schwarze Katze unseren Weg. Macht 15 Minuten Pause. 100 Meter weiter rettet meine Tochter heldenhaft eine flügellahme Biene von der Bahnhofstrasse. 5 Minuten Pause. Nicht zu vergessen die Kuhweide. Und die Süssigkeiten im Volg. Nach genau zwei Stunden sind wir zurück beim Auto. Wie geplant.

Und ich habe wirklich (fast) nichts mehr fotografiert. Wie versprochen.

Nächster Halt: Nenzlingen BL

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Autor

Patrik Schneider

Patrik Schneider

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