Hallo! – Ja, Sie. – Was ist? – Passen Sie doch auf. Es geht auch Sie an. – Warum denn? – Es geht um Werte. Und die gehen uns alle an.

Hier müsste jetzt ein «Hääääh?» als Antwort stehen. Aber das wäre nicht richtig. Wer diesen Text zu Ende liest, wird sehen, dass das nicht geht.

Also: Werte. Sie sind überall. Wir leben in einer Wertegemeinschaft. (Oder in mehreren.) «Europa» sei ein «Europa der Werte», begründete die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Haltung, als die deutsche Öffentlichkeit (oder Teile derselben) Flüchtlinge aus Ungarn nicht so umarmend willkommen heissen wollte wie sie.

Was sie genau damit meinte, muss wohl zweifelhaft bleiben. Dass man nicht einem ersten Impuls nachgeben soll, sondern um eine Ecke weiter denken. Vielleicht meinte sie das. Oder dass der Europäer nicht zusehen kann oder darf, wenn arme Menschen auf dem Budapester Bahnhof leiden – und im Extremfall zu Tode kommen. (Unter uns: Er kann sehr wohl – der Europäer, sogar ganz gut.) Sie meinte es auf jeden Fall appellativ. Oder anders: Sie schob den Unverständigen eine Erklärungspflicht zu. Wie könnt ihr nur?

Man könnte jetzt weiter diskutieren. Berechtigt oder nicht berechtigt? Welche Werte? Und so weiter. Aber eigentlich ist aus der Beschreibung dieser Situation schon ziemlich viel klar geworden. Wie wir mit Werten umgehen. Und auch: Warum wir ohne Werte nicht können.

Wert-Gerede? Ja, aber …

Notorisch unbestimmt, sei das, sagen viele. Wert-Skeptiker oder Werte-Leugner. Und sie haben wahrscheinlich nicht ganz unrecht. Denn Werte sind – wohl für die meisten von uns – Ergebnisse von Be-Wertungen. Ein «Wert» ist etwas, das «mehr wert» ist als anderes. Da können auch alle zustimmen. Dann gibt es noch die andere Sicht. Unser Autor, Andreas Urs Sommer, nennt sie «Wertontologen». Also Leute, die Werte «ontologisieren», ihnen ein «Sein» zusprechen. Es gab sie – die Werte – schon, bevor man über sie geredet hat. Sie wurden gewissermassen entdeckt.

Das klingt jetzt verrückter, als es ist. Denn viele, die heute mit ihren «christlichen Werten» kommen, argumentieren genau so. Denn «christlich» sind sie, ihre Verfechter, nur noch in den wenigsten Fällen. Das Christentum selbst hat nie von «Werten» geredet, die es biete. Nur vom «Glauben», den es einfordert. Was gemeint ist mit den «christlichen Werten», ist schon klar. Nächstenliebe, Toleranz, Verständnis für Menschen in Not … – ach, Sie meinen, gerade nicht? Eher irgendetwas gegen den Islam?

Tatsache ist, dass die «christlichen Werthe» von einem ins Spiel gebracht wurden, der gegen sie wetterte. Friedrich Nietzsche wollte ja gerade alles «umwerthen». Bei ihm ging es um die Verneinung des Leibes, das Hoffen aufs Jenseits, das Ressentiment gegen die Starken, die hier halt das Sagen haben. Das war für ihn das «Christliche».

Werte anstatt Gewissheiten

Historisch ist der Fall klar. «Werte» kamen auf, als es mit den Gewissheiten vorbei war. Nicht nur, aber vor allem mit den religiösen. «Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit» haben den Gehorsam gegen die von Gott eingesetzten Fürsten und Könige ersetzt. Die feudale Gesellschaftsordnung mit ihren festen Zuordnungen, aus denen es fast kein Entkommen gab, konnte nur mit der Berufung auf Dinge, die eben «mehr wert» waren, aufgelöst werden. Auch die Menschenrechte sind «Werte». Auch wenn sie Schillers Tell «vom Himmel herunterholen wollte» und sie «ewig» nannte und «unveräusserlich».

Die Geschichte hat uns gelehrt, dass es da ein Problem gibt. «Freiheit» und «Gleichheit» – beides zusammen liess sich nicht bewerkstelligen. Von «Brüderlichkeit» war gar nicht mehr die Rede. Ist das schlimm? Die Antwort ist wie immer: «Ja und Nein». Ja, weil die Sache gut gemeint war. Mit diesen drei Schlagworten sind drei «zentrale Werte» einer Gesellschaft abgedeckt. Nein, weil die Aufgabe ja noch im Raum steht. Und sich immer deutlicher herausstellt, dass zwischen Werten eben gerade das gemacht werden soll, was sie ermöglichen: Gegenseitige Verrechnung. Wie viel Solidarität soll sein? Wie viel Gleichheit soll der Freiheit abgefordert werden?

Wer das Buch von Andreas Urs Sommer lesen will (und das wird wärmstens empfohlen, weil man daraus auch sonst «philosophisch» viel lernen kann), sollte mit der «Nachbemerkung» beginnen. Ja, es ist unfair, beim Kriminalroman den Täter zu verraten. Aber hier ist es dienlich. Sommers erste Idee war, dem «Krebsgeschwür des Wertegeredes» eine starke Therapie zu verpassen. Dieser Impuls dürfte dem einen oder anderen Nachdenklichen sympathisch vorkommen. Aber «Werte» entpuppen sich in der Tat als unverzichtbar. Wir brauchen sie, damit wir miteinander reden können. Nicht als «Fundament» oder als «Unverhandelbares» oder dergleichen. Sondern als «Projektionsflächen», auf denen man etwas eintragen kann. Wir können etwas eintragen, aber alle anderen auch. Mein Wert – dein Wert – dann kann es mit dem Denken und Verhandeln losgehen.