Sie bockt. Hat keine Lust mehr. Stellt sich quer. Gegen was? Gegen fast alles. Und sie wird – wahrscheinlich gerade deswegen – bedroht.

Sie ist die 28-jährige Laurie Penny. Feministin und Journalistin, die in Brighton aufgewachsen ist und in Oxford englische Literatur studiert hat. Sie schreibt in ihrem Blog «Penny Red» und für diverse englische Zeitungen über Pop-Kultur, Politik und Feminismus. Und hat sich im angelsächsischen Raum längst und heftig zum Aushängeschild einer neuen Emanzipation geschrieben.

Sie hebt ihre Stimme und schmettert der Welt klug und scharfsichtig Missstände entgegen. Sie stellt die unbequemen Fragen und zeigt in klarer, manchmal sehr derber Sprache, was ihrer Meinung nach komplett schiefläuft.

Da wäre einmal die sexuelle Unterdrückung der Frau, die schön sein, sich fügen muss und ja nicht aufbegehren darf. Die restriktiven Geschlechternormen hat sie satt.

Heterosexuelle Liebe? Keinesfalls als Norm. Und Männer? Die tun ihr zuweilen auch leid, weil sie im Dilemma stecken. Das Problem sei die vorherrschende soziale Konstruktion von Männlichkeit, sagt die Engländerin in einem Interview mit der TagesWoche. Generell schuld an der gesellschaftlichen Misere sei das vorherrschende kapitalistische Patriarchat.

Frauen, so erklärt sie im Interview weiter, sollen einsehen, dass sie nicht immer schön, nett, angepasst und begehrenswert sein müssen. Das Ziel sei: sich selbst sein zu dürfen.

Dies alles beschreibt die 28-Jährige gerade in ihrem aktuellen Buch «Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution», das im Februar auf Deutsch erschienen ist. Und: Sie fordert eine Meuterei zur Befreiung der Frauen. «Es ist kein kuscheliges Wohlfühlbuch über Sex, Shopping und Schuhe», schreibt sie in der Einleitung.

Das hat auch keiner erwartet. Wird die Jungfeministin – die in internationalen Medien omnipräsent ist – doch derzeit (vor allem in Amerika, England und Deutschland) als Vorstreiterin eines neuen Feminismus gefeiert. Die Blogeinträge und Kolumnen gespickt mit Wutanfällen zu Genderthemen und spätestens ihre Streitschrift «Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus» (2011) haben gezeigt, dass sie energisch versucht, eine neue feministische Debatte anzureizen.

Gegen die laute, rotzige Penny wirkt die deutsche Anne Wizorek, die seit dem Hashtag «#Aufschrei» auf Twitter mit einem eher entwaffnenden, unspektakulären feministischen Engagement auffällt, geradezu wie ein Hüpfmädchen auf einer Blumenwiese.

«Als Leitfaden zum Glück in einer abgefuckten Welt taugt dieses Buch nicht,» schreibt Penny in ihrer Einleitung weiter. Stattdessen schreibt die Neofeministin so ehrlich über ihren Selbsthass, wie es die meisten nur verschämt ihrem Tagebuch anvertrauen würden.

Penny hatte eine Essstörung, war mit 19 Jahren wegen ihrer lebensbedrohlichen Magersucht in einer Klinik. Während ihres Studiums lebte sie ohne festen Wohnsitz und ohne Geld.

Sie vögelte Jungs. Viele Jungs. Und küsste Mädchen. Auch viele. Sie war nur «vorübergehend hübsch». Penny wurde vergewaltigt. Dies alles schreit sie in die Welt. Unverblümt, direkt. Wir können es Satz für Satz, Wort für Wort in ihrem Buch lesen. Mit Authentizität angelt sie sich ihre AnhängerINNEN.

Zwangsläufig fragt man sich: Müssen Frauen mit ihren persönlichen Erlebnissen – in Pennys Fall mit extremen – auftrumpfen, um aufzufallen? Ist sie überheblich, wenn sie sich von einer Art Jägerhochsitz über den Mainstream-Feminismus oder Mainstream-Journalisten mokiert? Wie stark benutzt sie ihre «abgefuckten» Erlebnisse, um Aufmerksamkeit zu generieren?

Sei es so. Erstens lesen sich diese privaten Episoden aus der dunklen Welt gepaart mit wissenschaftlichen Ergebnissen, untermauert von klugen Aussagen bekannter Feministinnen, sehr amüsant.

Und zweitens, auch wenn man ihr Überzeichnung vorwerfen könnte, die Frau hat eine Message. Sie will etwas verändern. Sie ist laut, wo andere still sind. Sie will eine Revolution. Formuliert mit absoluter Radikalität, dass es anders werden muss. Für Frauen, Männer, für alle.

Trotzdem: Wie dieser Aufstand genau aussehen soll, dafür hat sie noch kein Rezept. Sie weiss nur, dass sie gerne eine bessere Welt hätte. Und das ist doch schon mal etwas.

So fordert sie bereits in der Einleitung «Fangt an!». Und auch im Nachwort leuchtet uns als Letztes die Aufforderung «Fangt an!» entgegen.

«Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution», Edition Nautilus, 24.50 Franken