Nahtoderlebnis

Wer gestorben ist, ist noch lange nicht tot

Alle wollen wissen, was nach dem Tod kommt. Ein britischer Arzt untersuchte es wissenschaftlich. Er fand raus: Nahtoderfahrungen wie die Wahrnehmung von weissem Licht oder Schwebezustände gleichen sich.

Die Linie auf dem Monitor verläuft völlig flach: Herzstillstand. Der 57-jährige Sozialarbeiter aus dem britischen Southampton ist klinisch tot. Dennoch erlebt er glasklar mit, wie die Notfallmediziner um sein Leben kämpfen, während er selber losgelöst und friedlich an der Decke des Raumes schwebt. Er hört, wie das automatische Notfallprogramm einsetzt, wie eine Computerstimme zweimal sagt «shock the patient» und sieht von oben, dass der Mediziner, der ihn behandelt, eine Glatze hat.

Der Patient überlebt und kann später als Studienteilnehmer über seine Wahrnehmungen berichten. Zur grossen Freude von Sam Parnia: Der Intensivmediziner startete vor sechs Jahren an der englischen Universität Southampton eine grosse Studie über das Bewusstsein während der Wiederbelebung. Genauer: Parnia, heute an der Universität Stony Brook in der Nähe von New York tätig, wollte endlich wissenschaftlich untersuchen, was mit dem Bewusstsein passiert, nachdem sich das Hirn verabschiedet hat.

Die Ergebnisse der Studie namens «Aware» (Awareness during resuscitation) publizierte er kürzlich in der Fachzeitschrift «Resuscitation». Nach Angaben der Universität Southampton ist es die weltgrösste Studie zu Nahtoderfahrungen: 2060 Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten, wurden von Parnia und seinen Kollegen in 15 ausgewählten Kliniken in den USA, Grossbritannien und Österreich untersucht.

Das helle Licht beim Entschweben

Der eingangs erwähnte Sozialarbeiter mit seinen detaillierten Wahrnehmungen ist dabei ein wahres Juwel für Parnia: «Seine Schilderungen geben uns einen sehr starken Hinweis, dass es ein ‹Bewusstsein nach dem Tod› gibt», sagt er im Telefongespräch. Genau diese Frage treibe uns doch alle um: «Haben wir eine ‹Seele›, eine ‹Psyche› oder ein ‹Selbst›, irgendetwas, das unabhängig vom Körper auch nach unserem Tod weiter bestehen kann?»

Tatsächlich gleichen sich die Schilderungen von wiederbelebten Herztoten auffällig: Viele berichten, wie sie losgelöst von ihrem Körper an der Decke geschwebt und das Geschehen von dort aus in völliger Klarheit beobachtet hätten. Andere schwärmen von hellem, freundlichem Licht, frohen Farben, von verstorbenen Verwandten, die sie herzlich in Empfang nehmen, einem wahren Schlussbouquet.

Auch der bekannte Schweizer Gospelsänger Bo Katzman hatte vor 40 Jahren als 22-Jähriger ein ähnliches Erlebnis. Nach einem schweren Motorradunfall lag er im Schockraum. Die Ärzte kämpften um sein Leben. Katzman selber, so erzählt er später in Interviews, sei bei vollem Bewusstsein gewesen. «Mein Körper lag auf dem Operationstisch. Ich schwebte an der Decke.» Er habe gewusst, dass er tot sei, ohne darüber traurig oder wehmütig zu sein. Er kriegte mit, wie der operierende Professor aufgeregt rief: «Jetzt hat es ihm die Pumpe abgestellt! Bringen Sie sofort den Elektroschock-Apparat!» Als er den Chirurgen viel später fragte, nickte dieser: «Ja, genau so ist es abgelaufen.»

Das Feuerwerk der Neuronen

Medizinisch gesehen sind solche Erlebnisse gar nicht möglich: Das Hirn stellt ungefähr 30 Sekunden nach einem Herzstillstand seine Funktion ein, Katzman hätte die Geschehnisse im Notfallraum also genauso wenig mitbekommen können wie der Sozialarbeiter aus Southampton.

Neurologen tun solche Erscheinungen gerne wissenschaftlich als letzte Zuckungen des Gehirns ab. Sie können es sogar beweisen: Letztes Jahr gelang es einem Westschweizer Forscherteam um den Neurologen Olaf Blanke, an Rattenhirnen zu messen, dass im Moment des Sterbens die Neuronen noch ein letztes Mal wild aufflackern und ein wahres Nervenfeuerwerk losschiessen. Jetzt aber der grosse wissenschaftliche Beleg, dass das Bewusstsein die Neuronen gar nicht wirklich braucht. «Die Studienergebnisse lassen darauf schliessen, dass die Wahrnehmungen der Patienten nach einem Herzstillstand mit der Realität übereinstimmen», fasst Parnia zusammen. Das bedeutet, auch wenn wir gestorben sind, sind wir irgendwie noch da. An sich ist das eine überwältigende Erkenntnis, die lang ersehnte Antwort.

Die Tafeln unter der Decke

Allerdings schrumpfen beim genaueren Hinsehen die Anfangszahlen von 2060 Herzstillstand-Patienten in Nullkommanichts auf 330 zusammen – denn nur gerade ein Sechstel von allen Patienten überlebte. Aus medizinischen Gründen konnten die Forscher dann noch 140 der überlebenden Patienten ausführlich befragen. Von diesen Befragten wiederum gaben dann noch immerhin 55 Patienten (39 Prozent) an, sie könnten sich an Gedanken oder Erlebnisse erinnern, die sich während der Zeit ihres Herzstillstands und ihrer Wiederbelebung ereigneten. Von so klaren Wahrnehmungen, dass sie tatsächlich faktisch überprüfbar waren, berichteten dann allerdings nur zwei Patienten.

Dabei hatte Intensivmediziner Parnia ein raffiniertes Tool eingesetzt. Er liess Tafeln mit ausgeklügelten Zeichen mit der Schrift nach oben auf sehr hohe Regale legen, sodass sie einzig für jemanden sichtbar waren, der zufälligerweise unter der Decke schwebte. Pech nur: Der einzige der beiden Patienten mit klaren Erinnerungen, der auch bei der zweiten Befragung antworten konnte – der Sozialarbeiter aus Southampton – war ausgerechnet in einem Raum ohne Bildtafel wiederbelebt worden. Er konnte also den wissenschaftlichen Beweis nicht wirklich liefern.

Das muss frustrierend sein. «Aber nein, absolut nicht. Ich bin nicht enttäuscht, sondern sehr glücklich mit den Ergebnissen. Die hohe Sterblichkeitsrate war mir von Anfang an bekannt», sagt Parnia. Wenn er Hunderte von überprüfbaren Wahrnehmungen erwartet hätte, so hätte er mindestens 10 000 Patienten in die Studie einbeziehen müssen. Parnia findet jedoch: «Die Zahlen sind aussagekräftig genug. Sie zeigen immerhin, dass da etwas ist, das weiter erforscht werden muss.» Eine weitere wichtige Erkenntnis aus der Studie: Narkose- und Schmerzmittel schränken während der Rettungsmassnahmen das Gedächtnis der Betroffenen ein und zerstören viele Wahrnehmungen. «Unser einziger Patient ist daher nur eine Reflexion des Ganzen.» Parnia glaubt, dass sich weit mehr Patienten erinnern könnten, wenn er mit psychologischen Hilfsmitteln ihrem Gedächtnis wieder auf die Sprünge helfen könnte.

Eine Studie allein, sagt er, könne nie alle Fragen klären. Sie bestätige zwar einen Aspekt, werfe aber zugleich viele neue Fragen auf. «Dennoch beweisen die Ergebnisse, dass ein Bewusstsein unabhängig von der Hirnfunktion möglich ist.»

Das Leuchten vor dem Erlöschen

Ob uns das aber die grosse Frage beantwortet, was nach dem Sterben kommt? «Wirklich neue Erkenntnisse oder gar Beweise erhalten wir nicht», lautet die nüchterne Einschätzung von Stefan Nadile. Der Soziologe an der Universität Bern schreibt seine Dissertation darüber, wie Menschen eine Nahtoderfahrung erlebt haben und in ihrem Leben integrieren.

Nach den Studienresultaten fragt er sich nun, wie in diesem Fall Tod und Sterben definiert werden müssten. «Das Sterben», so hat Nadile nach all seinen Nachforschungen für sich beschlossen, «stelle ich mir ungefähr so vor, wie wenn man bei einem Laptop den Stecker zieht – dann leuchtet das Lämpchen noch einen Moment, bevor es erlischt.» Wann aber nach dem totalen Erlöschen was kommt, bleibe offen: «Um das zu messen, fehlen uns die Instrumente wohl noch», vermutet Nadile. Er überlegt kurz, schmunzelt und sagt, wir seien einfach viel zu ungeduldig. «Dabei müssen wir nur abwarten: Eines Tages finden wir es garantiert heraus.»

Reanimationsspezialist Sam Parnia behauptet: Viel mehr Leute müssten gar nicht sterben, wenn Reanimation überall optimal durchgeführt würde. Sam Parnia: «Der Tod muss nicht das Ende sein». Scorpio-Verlag 2013. 400 S., Fr. 29.90.

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