Wir und die anderen – nehmen wir cool, solange es nichts zu fürchten gibt. Erst wenn man uns Angst einjagt, wendet sich das Blatt. Genau das haben amerikanische Sozialpsychologen getan: Sie sprachen mit Studenten über Heimat und Einwanderer. Und mit der Hälfte der Studenten zuvor über den Tod. Die reagierte ungleich schroffer gegen Kritik an ihrem Land und grenzte sich deutlicher von Fremden ab.

Die Glocken der Heimat

«Heimat», «Scholle», «Volk» ist wie ein tief schwingender Klang einer schweren Glocke. Sofort denkt man auch ans altehrwürdige Gestühl, an den Kirchturm, worin die Glocke hängt. Es gibt Wörter wie Türme, zwischen denen es hallt und wallt. «Heimat», «Scholle», «Volk» ist da, wo der Mythos weht.

Mythen stehen unverrückbar wie die Berge gleichen Namens bei Schwyz – und auf dem Fresko im Nationalrats-Saal. Mythen lassen sich nicht zersetzen, nicht einebnen… sagen die, die politisch Mythen gern pachten und Andacht dafür verlangen. Es ist auch wahr: Heimatglocken lauschen wir weichgestimmt, überall auf der Welt. Vor allem Eidgenossen; ihr Heimweh war europaweit als «Schweizerkrankheit» bekannt während der Reisläuferei. Sind die Glocken verhallt, gibt’s in der auffrischenden Luft dann auch Musse genug, die Dinge kühl zu betrachten.

Wind bei schwerem Gemüt

Zuerst der Berg in Schwyz: Es heisst die Mythe, von lateinisch «meta» (feminin), nicht der Mythen. «Meta» bedeutet immerhin so viel wie «etwas Aufragendes». Einebnen muss das kein Mensch; das erledigt im Lauf der Zeit die Erosion von allein. Der Piz Cengalo über Bondo erteilte uns gerade diese Lektion.

Bleibt die andere Säule, die niemals stürzt, weil sie bereits den Seelenboden ausmacht: die «Scholle». Wer wäre etwa nicht mit der Scholle «verbunden»? Doch nur der Luftibus, Leute mit windigem Geist. Existenzen wie Schirmflieger, wie diese fein behaarten Samen vom Löwenzahn, die der Zufall in alle Windrichtungen bläst. Mal dahin, mal dorthin – bis zum Tod.

Ach, den gibt’s ja auch noch, diesen Spielverderber mit seiner Karnevalssense, vergessen wir so leicht. Listig hängen wir ein Schild vor die Tür: «Bin länger verreist» – der Kerl findet uns trotzdem in jedem Loch.

Todsicheres wird locker

Das zu wissen, ändert nun viel. Tief greift der Tod in unsere Haltung oder Einstellung. Mit knochiger Hand lockert er bis dahin «todsicher» geglaubte Dinge, sobald wir uns mit ihm befassen. Je mehr der Tod uns schreckt, desto deutlicher klammern wir uns an «Heimat», «Scholle», «Volk». Das ist nicht amtlich, aber wissenschaftlich.

Begonnen hat es mit Ernest Becker (1924–1974), dem amerikanischen Sozialanthropologen und Schriftsteller. Seit der Antike fürchten Menschen den Tod und grübeln an Wegen herum, ihm ein Schnippchen zu schlagen, ihn zu überdauern. Becker aber formulierte darüber in «Dynamik des Todes» eine Theorie. Das Buch gewann den Pulitzer-Preis, kam zu einem Kurzauftritt in Woody Allens «Stadtneurotiker» und beeinflusste das Leben vieler Leser, darunter den jungen Bill Clinton.

Rund zwei Jahrzehnte später stolperten drei Sozialpsychologen über Beckers Buch: Sheldon Solomon, Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski. Ende der 80er-Jahre entwickelten sie die «Terror-Management-Theorie», untermauert durch zahlreiche Befragungen. 2015 publizierten sie darüber ihr Buch «The Worm at the Core», letztes Jahr auf Deutsch 2016 erschienen unter dem Titel: «Der Wurm in unserem Herzen».

Akteur sein im Drama

Wieder machte das Thema Furore, um abermals relativ rasch aus der Tagesaufmerksamkeit gedrängt zu werden. Das dürfte die drei Autoren am wenigsten überraschen. Dass der Tod den Menschen mürbe macht und zu den lächerlichsten Handlungen treibt, seinen Geltungsdrang einerseits verfeinert, anderseits völlig übersteigert, ihn jedenfalls pausenlos am Wickel hält, beschämt zu viele, als dass sie sich am Feierabend ruhig mit einer solchen Lektüre befassen können, ehe sie friedsam seufzend die Leselampe löschen.

Genau das haben die drei Sozialpsychologen in Hunderten von Studien festgestellt. Dreissig Jahre nach Beckers Theorie, schreiben sie, lägen «erdrückende Beweise vor, dass das Wissen um die eigene Sterblichkeit Ursache für eine möglicherweise lähmende Todesfurcht ist, die Menschen dadurch zu beherrschen versuchen, dass sie sich als wichtige Akteure im kulturellen Drama wahrnehmen». Ein gesundes Selbstbewusstsein mildere Angst im Allgemeinen und Todesangst im Besonderen.

Handkehrum entdeckten die Autoren, «dass ein unterschwelliges, ja sogar ein nicht wahrnehmbares Aufmerkenlassen, das uns an den Tod gemahnt, das Festhalten am eigenen kulturellen Wertsystem, die Hinwendung zu charakteristischen Führern und das Vertrauen in die Existenz Gottes verstärkt. Damit nicht genug, verstärkt es auch unsere Abneigung gegen Menschen, die unsere Überzeugungen nicht teilen, manchmal sogar bis an den Punkt, an dem wir deren Ableben als tröstlich empfinden können.»

Kriminelle härter anfassen

Die Psychologen befragten Leute zu ganz verschiedenen Themen, sprachen aber zu einer Gruppe aus der Schar zunächst vom Tod, auch ihrem eigenen Tod, während sie die andere Gruppe ohne solche «Einstimmung» direkt befragten.

Es zeigte sich, dass Leute Kriminelle härter bestrafen würden, die zuvor den eigenen Tod vor Augen hatten. Studenten konnten Kritik am eigenen Land weniger ertragen, nachdem ihnen ihre endliche Existenz vor Augen gehalten worden war. Nicht-Zugehörige zu «Heimat», «Scholle», «Volk» wurden unbarmherziger beurteilt. Und: Wer Angst vor dem Tod hat, kauft dickere Autos.

Geniestreich in der Höhle

Woher rührt diese Urangst? Der Mensch ist sich, so wie es ausschaut, als einziges Lebewesen seiner Endlichkeit bewusst. Als ihm das erstmals in der Höhle schwante, erfand er in einem kulturellen Geniestreich die Transzendenz, seine überhöhte zeitlose Bedeutung. Dies schlicht, um sich Tag für Tag mit genug Kraft der Existenzmühsal zu stellen und – noch schlichter –, um daran nicht irrezuwerden.

Das gelte heute noch, sagen die Autoren. Im aufgenötigten Druck zur Globalisierung bekommen die Leute den Eindruck, die Welt löse sich auf wie ein fauler Fisch. Am Rand ihrer althergebrachten Welt erhöben sich Wellen und Ströme, die am Ende alles fluten. Das Gefühl eines bald unbeherrschbaren demoskopischen Schwalls.

Zwei Dinge spielten eine wichtige Rolle, solche Ängste zu bewältigen, schreiben die drei Autoren: die Geborgenheit in einer Kultur, «die für Sinnstiftung und eine umfassende Ordnung sorgt, sowie das Gefühl jedes Individuums, ein bedeutungsvolles Leben zu führen.» Kann man das individuell lernen?

Die US-Psychologen raten zur Lektüre Epikurs. Epikur sagte: «Die Sterblichkeit macht das Leben genussreich.» Das deuten wir – mit Shakespeare – auch so: «Wenn die Musik der Liebe Nahrung ist, spielt weiter!»