Generationen-Serie

Wenn Urgrosi mit ihrer Urenkelin unter einem Dach wohnt

Vier Generationen wohnen gemeinsam in einem Haus. Kann das gut gehen? Zwei Familien erzählen, wie es ist, wenn die Urgrossmutter mit ihren Urenkeln im gleichen Haus wohnt.

Drei rote Schaufeln scheppern über den Stallboden. Mit routinierten Griffen schiebt Roger Béguelin (35) den Kühen das Heu unter ihre kauenden Mäuler, rennt die Treppe hoch, lässt Nachschub durch eine Luke in den Stall platschen. Zügig wirbeln auch die zwei kleineren Schaufeln von Clara (3 ½) und Remy (2) durch die getrockneten Gräser. Als sie ineinander putschen und Remy auf dem Hosenboden landet, lacht im Dunkeln des Stalls Grossvater René. Er kennt die Szenerie seit langer Zeit: Vor dreissig Jahren waren es seine Kindern, die mit ihm auf dem Hof Bilstein handierten.

Heute leben hier vier Generationen unter einem Dach. Dafür hat die Grossfamilie Béguelin ihr Zuhause vor einem Jahr komplett umbauen lassen. Das vierstöckige Gebäude ist auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten: Zuunterst, in einem Studio wohnt das älteste Familienmitglied, Urgrossmutter Marie. Drei Mal pro Tag steigt die 89-Jährige die Treppe hoch in die Wohnung von Sohn René und Schwiegertochter Dora: Zmorge, Zmittag, Znacht essen sie gemeinsam. Eine Etage höher versammeln sich die beiden jüngeren Generationen an ihrem Küchentisch: Lucie und Roger mit den drei Kindern. Sie bewohnen die beiden obersten Stockwerke.

Getrennte Wohnungen

Der Ausblick ist imposant: Der Bauernhof thront hoch über dem Dorf Beinwil im Kanton Solothurn. Zwischen steilen Jurahängen eingeklemmt, zählt der Ort an der Strecke zum Passwang rund 300 Einwohner. Der Kindergarten ist aufgehoben, die 14 Primarschüler besuchen die noch einzige Gesamtschule des Kantons. Das Dorf sei überaltert, die Jungen zögen weg, sagt der 64-jährige René. Anders auf dem Hof Bilstein. Der jüngste Bewohner, Yann, ist erst gerade sieben Wochen alt. Während er in einer Babyschale schlummert, rüstet seine Mutter Lucie (31) den Salat für das Mittagessen. Ein Stock tiefer steht ihre Schwiegermutter Dora (65) ebenfalls in der Küche. Lucie Béguelin sagt: «Das war eine der Bedingungen. Leben wir alle unter einem Dach, müssen die Wohnungen getrennt sein.» Das sei mit ein Grund, weshalb das Zusammenleben der vier Generationen in ein und demselben Haus nun gut funktioniere.

Vor dem Umbau lebte das jüngere Paar in einer Wohnung im Dorf. Tagtäglich steuerte Roger Béguelin sein Auto die schmale Strasse zum Hof seiner Eltern hoch. Als sein Vater ihm die Betriebsleitung übergab, tauchten Fragen zur Wohnform auf: Wer bleibt, wer zieht weg vom Hof? Der Betriebsleiter sollte vor Ort sein, sagt der 35-jährige Landwirt. Doch wohin gehen dann die Eltern, die vierzig Jahre den Bauernhof führten? «Vater braucht etwas zu werkeln, Mutter wäre aber den ganzen Tag hindurch in einer Wohnung alleine gewesen. Und meine 89-jährige Grossmutter würde durch einen Wegzug regelrecht entwurzelt.» Diese Vorstellungen behagten Roger Béguelin nicht. Seine Frau Lucie stand der Idee eines Mehrgenerationenhauses von Anfang offen gegenüber. Bedenken hatten nur seine Eltern. Auf dem abgelegenen Hof ist ein Auto unabdingbar. Was, wenn sie nicht mehr fahren können? Lucie Béguelin erinnert sich: «Vor allem meine Schwiegermutter sorgte sich, dass sie uns eines Tages zur Last fallen könnte.»

Nach dem ersten gemeinsamen Jahr auf Hof Bilstein fällt die Bilanz jedoch positiv aus. Die räumliche Aufteilung und die Abmachungen im Vorfeld weckten keine falschen Erwartungen. Vieles hat sich dennoch erst im Alltag ergeben. Spontan beaufsichtigte Marie ihre Urenkel wiederholt im Sommer. Sie, die es stets nach draussen zieht, spazierte mit Clara und Remy ums Haus, wenn die Eltern auf dem Hof oder im Garten eingespannt waren. Bis heute erscheint die 89-Jährige zudem pünktlich um 16.30 Uhr im Stall, greift zum Besen und beginnt zu wischen. Halten die Kleinkinder die Mutter auf Trab, übernimmt deren Schwiegermutter spontan die Stallwäsche. Im Gegenzug fährt Lucie sie ab und zu zum Arzt. Und: Könnte sich Roger Béguelin die Arbeit nicht mit seinem Vater teilen, «ginge es schlicht nicht», sagt er. Er müsste einen Arbeiter einstellen.

Trotzdem, auch die beste Planung kann innert Kürze von Emotionen untergraben werden. Wie hat es Familie Béguelin im Alltag geschafft, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu finden? Die 65-jährige Dora sagt: «Jeder muss rücksichtsvoll sein. Den eigenen Kopf durchzusetzen, funktioniert nicht.» Zentral sei es zudem, die Jüngeren «einfach machen zu lassen», ergänzt ihr Mann René. Er kenne diverse Landwirtschaftsbetriebe, bei denen die Übergabe des Hofes desaströs endete. Der Grund sei stets derselbe gewesen: «Väter, die ihren Söhnen permanent dreinreden und ihre Abläufe weiterhin durchstieren wollen», sagt der 64-Jährige Landwirt. Nicht selten hätten die Nachfolger dem Betrieb jeweils den Rücken zugedreht. Ganze Lebenswerke zerschellten am Zwischenmenschlichen, Familienbanden brachen.

Wie zu Gotthelfs Zeiten

Durch die demografische Entwicklung ändern sich die Familienkonstellationen. Mit der steigenden Lebenserwartung nehmen auch jene Fotos zu, auf denen Urgrosseltern ihre Urenkel in die Kamera halten. Dass sie mit ihnen zusammenleben, dürfte indes äusserst selten sein.

Wie viele Vier-Generationen-Haushalte existieren, ist nicht bekannt. Die Strukturerhebung des Bundes von 2015 zeigt jedoch, dass in knapp 38'000 Haushalte Familien mit Angehörigen aus mindestens drei Generationen leben. Das ist etwa ein Prozent aller Schweizer Privathaushalte. Zudem hat eine Umfrage des Bundesamtes für Statistik gezeigt: Die Mehrheit der erwachsenen «Kinder» lehnt es ab, ihre Eltern bei sich aufzunehmen, wenn diese nicht mehr alleine leben können. Das befürworten lediglich ein Drittel der Männer; bei den Frauen ist es mit einem Viertel noch weniger. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass Frauen tendenziell stärker durch die Pflege von betagten Angehörigen eingebunden sind.

Das seltene Wohnmodell findet sich bei Familie Schenk im tief verschneiten Emmental. Wer von der Gemeinde Röthenbach über Wiesen und durch den Wald zu ihrem Hof hochfährt, sieht auf den ersten Blick, dass hier mehrere Generationen leben. Eine Holztafel verweist auf die Geburt von Tochter Livia (4 Monate), ein paar Meter weiter ist ein Rollator vor der Eingangstür parkiert. Der pensionierte Landwirt Hans Schenk (67) öffnet die Tür. Wir betreten einen Haushalt, der von vier Generationen gleichermassen geprägt wird. Der Alltag der Einzelnen ist dadurch noch enger verflochten als bei der Familie Béguelin im Kanton Solothurn. Gleich neben dem Wohnzimmer hat Urgrossmutter Johanna (91) ihren Raum. Ein Stockwerk höher nächtigt ihr Sohn Hans mit seiner Frau Helen (55) und im Erdgeschoss lebt wiederum deren Sohn Ueli (30) mit seiner Frau Christine (30) und Tochter Livia.

Das Wohnzimmer mit dem grünen Kachelofen ist der Mittelpunkt des Hauses. Hier, am grossen Tisch, kommt die ganze Familie zum Mittag- und Abendessen zusammen. Meistens kocht Helen; seitdem ihr Mann Hans pensioniert ist, tischt auch er manchmal etwas auf.

Was bei grösseren Wohngemeinschaften am Kühlschrank hängt, fehlt bei Schenks: der Ämtliplan. Bei den gemeinsamen Mahlzeiten bespricht die Familie, welche Arbeiten anstehen. Während der pensionierte Landwirt Hans seinem Sohn zur Hand geht, kümmern sich die beiden Bäuerinnen Helen und Christine um das «Sahlenweidli». Der Familie Schenk gehört jenes Haus aus dem 17. Jahrhundert, in dem die SRF-Dokusoap «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten» gedreht wurde. Heute können Gäste im Sahlenweidli in die Vergangenheit reisen: Gekocht wird über dem Feuer, das Plumpsklo liegt über der Jauchegrube und Wasser plätschert nur draussen in den Brunnen. In diesem historischen Haus hatte der heute 67-jährige Hans Schenk einen Teil seiner Kindheit verbracht. Erst als er sechs Jahre alt war, zog die Familie auf einen nahegelegenen Hof mit fliessend Wasser und Strom.

Neben der Vermietung des Gotthelfhauses ist dieser Biobauernhof mit 150 Schafen und Lämmern die Haupteinkommensquelle der Familie. Zusätzlich arbeitet der 30-jährige Ueli noch drei Tage pro Woche als Automechaniker. Seine Frau Christine sagt: «Mein Mann und ich könnten die Arbeit in Spitzenzeiten nicht bewältigen, würden die Schwiegereltern nicht mithelfen.»

Skeptische Freundinnen

Auch Christine ist auf einem Bauernhof aufgewachsen – in einem Haushalt mit vier Generationen. Als sie mit ihrem Mann bei dessen Eltern eingezogen ist, hätten einige ihrer Freundinnen die Nase gerümpft, sagt Christine. Sie zeigt sich davon unbeeindruckt: «Sie stammen halt nicht aus einer Bauernfamilie – oder haben ein schlechtes Verhältnis zur Schwiegermutter.»

Ganz aus freien Stücken ist die Wohnform allerdings nicht gewählt. Mit dem Eintritt in die berufliche Selbstständigkeit haben Ueli und Christine den Betrieb umgestellt: Statt Kühe stehen seit drei Jahren Schafe im Stall. Die notwendigen Umbauarbeiten verschlangen die finanziellen Polster. Ein zweites Wohnhaus zu bauen, war aus finanziellen Gründen schlicht nicht möglich. «Wir suchen Lösungen innerhalb des Hauses», sagt Ueli. Die Zimmer der einzelnen würden als Rückzugsorte respektiert.

Mit der Geburt von Livia ist der Platz aber noch enger worden. Dennoch sei es nie zur Frage gestanden, die 91-jährige Urgrossmutter in einem Altersheim anzumelden. Deshalb sitzt «s’Grosi», wie sie auch nach der Geburt ihrer Urenkelin von allen genannt wird, heute noch am grossen Tisch und erzählt von längst vergangenen Tagen. Von früher – als sie noch wie zu Gotthelfs Zeiten im Sahlenweidli lebte.

Meistgesehen

Artboard 1