Tierwelt

Wenn Schneckenhäuser falsch gewickelt sind

Links der König, rechts die normale fleckige Weinbergschnecke (Helix aspersa)HO

Links der König, rechts die normale fleckige Weinbergschnecke (Helix aspersa)HO

Etwa jede hunderttausendste Weinbergschnecke ist ein Schneckenkönig. Doch die Monarchen können keine Prinzen zeugen.

Es ist eine zweifelhafte Ehre, die dem britischen Politiker Jeremy Corbyn 2016 zuteil wurde: Eine seltene Weinbergschnecke, die Forscher in einem Londoner Garten gefunden hatten, wurde nach ihm benannt. Eigentlich ist es kein Kompliment für einen Politiker, wenn sich Forscher beim Anblick einer Schnecke an ihn erinnern. Doch in diesem Fall war das anders, denn die Schnecke Jeremy ist keine normale Schnecke, sie ist ein Schneckenkönig. So wird eine Schnecke bezeichnet, die ein verkehrtes Gehäuse hat. Normalerweise sind die Gehäuse aller Schnecken einer Art in die gleiche Richtung gedreht. Etwa eine von Hunderttausend Schnecken schlüpft wegen eines Fehlers im Erbgut allerdings mit einem verkehrt gewundenen Gehäuse und spiegelverkehrt angelegten Organen. Diese anatomische Besonderheit wird in der Fachsprache «Situs inversus» genannt und kommt nicht nur bei Schnecken, sondern auch beim Menschen vor. Häufig wird ein Situs inversus erst kurz vor einer Operation entdeckt, denn Betroffene haben keine Gesundheitsbeschwerden.

Keine adligen Kinder

Die royalen Schnecken sind wie ihre normalen Artgenossen Zwitter – sie finden aber praktisch nie einen geeigneten Partner für die Fortpflanzung. Das liegt nicht daran, dass die Monarchen sich für die Paarung mit dem einfachen Schneckenvolk zu schade wären oder dass sie das Herz am falschen Fleck haben. Vielmehr hindert sie eine physische Barriere am Paarungserfolg: Weil die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane ebenfalls spiegelverkehrt angeordnet sind, können sich die Schneckenkönige nur mit ihresgleichen vermehren. Da der Schneckenadel in der Natur aber extrem selten ist, ist es fraglich, ob es überhaupt je zu einer natürlichen Fortpflanzung zwischen zwei Königen gekommen ist.

Die britische Schnecke Jeremy hatte allerdings Glück, denn die Forscher, die ihn entdeckt hatten, starteten einen europaweiten Aufruf, um einen Partner für ihn zu finden. Tatsächlich fand sich in Mallorca ein weiterer König, die Schnecke Tomeu. Der Spanier wurde sofort nach London geflogen und Jeremy vorgestellt. Die beiden mochten sich und zeugten Nachkommen, die bis heute glücklich in England leben.

Die Kinder des adeligen Paares haben allerdings normale Häuschen. Dies weil der Situs inversus bei Schnecken einem ganz speziellen Erbmechanismus unterworfen ist: Nur die Mutterschnecke kann den Nachkommen das dominante Situs-inversus-Gen vererben. In diesem Fall war die Schnecke Tomeu die Mutter, sie hat zwei verschiedene Gene – je ein gesundes und ein Situs-inversus-Gen. Tomeu hat ihren Nachkommen zufällig nur das gesunde Gen vererbt. Das bedeutet, dass die Enkel von Jeremy und Tomeu auch normale Schnecken sein werden. Die Regentschaft der britischen Schneckenmonarchen ist damit schon nach einer einzigen Generation wieder zu Ende.

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