Scheidung

Wenn Scheidungskinder sowohl bei Papa wie bei Mama zu Hause sind

Mehr als nur zu Besuch: Kinder sind an zwei Orten daheim, wenn sich die getrennten Eltern die Betreuung teilen.The Latter Bergström

Mehr als nur zu Besuch: Kinder sind an zwei Orten daheim, wenn sich die getrennten Eltern die Betreuung teilen.The Latter Bergström

Die Schweiz will das Modell der alternierenden Obhut stärken – Väter übernehmen dabei mindestens ein Drittel der Betreuung. Studien belegen, dass diese Lösung Kinder gesünder und glücklicher aufwachsen lässt.

Ihre Lego hatte Laura de Cet im Haus des Vaters, ihre Playmobil in der Wohnung der Mutter. Die Sechsjährige selbst pendelte mit ihrem Trottinett zwischen den beiden Orten hin und her. Als Zuhause waren beide Orte für sie gleichwertig; an beiden verbrachte sie ab dem Zeitpunkt der Scheidung ihrer Eltern viel Zeit.

Erhalten auch heute noch die meisten geschiedenen Väter standardmässig ein Besuchsrecht von zwei Wochenenden pro Monat und zwei Wochen Ferien pro Jahr, verbrachte Laura de Cet zwei Nächte pro Woche und drei Wochenenden pro Monat beim Vater. Plus Ferien.

Den Begriff alternierende Obhut kannten ihre Eltern damals nicht. Sie wussten nur, dass sie es anders machen wollten als die Ex-Paare in ihrem Bekanntenkreis. «Wir hatten negative Beispiele im Umfeld», sagt Iris Bachmann, die Mutter der mittlerweile 18-jährigen Laura de Cet.

«Viele Frauen, die wir kannten, machten ihren Mann nach der Trennung fertig.» Diesen Weg wollten Lauras Eltern nicht gehen. Und wurden so zu Pionieren eines Betreuungsmodells, das heute weltweit immer mehr Anhänger findet und bald auch in der Schweiz stärkere Verbreitung finden dürfte.

Gemäss geltendem Recht muss sich der geschiedene Vater mit der Rolle des Wochenendpapis begnügen, wenn sich die Mutter gegen sein Engagement sträubt. Damit können auch Väter ausgebootet werden, die während der Ehe einen beträchtlichen Teil der Betreuungsarbeit übernommen haben. Laut Zahlen des Bundesamts für Statistik leisten Väter heute im Schnitt immerhin 37 Prozent der kinderbezogenen Arbeiten im Familienhaushalt.

Ab dem 1. Juli teilen sich Vater und Mutter in der Regel das Sorgerecht. «Das neue Sorgerechtsgesetz bringt zum Ausdruck, dass Paare sich zwar trennen können, als Eltern aber weiterhin gemeinsam in der Verantwortung bleiben», heisst es in der Neuerscheinung «Gemeinsam Eltern bleiben – trotz Trennung oder Scheidung».

Geteilte Sorge – geteilte Obhut

Das neue Gesetz gibt geschiedenen Vätern Schub, die in der Kinderbetreuung Verantwortung übernehmen wollen: Der Bundesrat ist der Ansicht, dass die gemeinsame Sorge nach der Scheidung die Möglichkeit für eine paritätische Betreuung eröffnet. «Die Einführung der alternierenden Obhut kann nur im Rahmen der gemeinsamen elterlichen Sorge erfolgen», heisst es in der Botschaft zum Unterhaltsrecht, das derzeit in parlamentarischer Beratung ist.

«Anders als in der Vergangenheit wird das Einverständnis der Eltern aber für diese nicht mehr zwingend vorausgesetzt.» Das heisst: Gerichte können prüfen, ob eine alternierende Obhut auch dann organisiert werden kann, wenn nur ein Elternteil sie beantragt. Diese Praxisänderung stärkt die Rolle der Väter und der Kinder.

«Ich habe heute noch eine sehr enge Beziehung zu meinem Vater», sagt Laura de Cet. Dies ist keine Selbstverständlichkeit: Häufig bricht der Kontakt ganz ab. Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen 30 und 60 Prozent der Scheidungskinder nach zwei Jahren keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater haben.

Um die Beziehung zu seinem Sohn gekämpft hat auch Bojan Lovrinovic*. Zum Zeitpunkt der Trennung von seiner Exfrau vor vier Jahren hatte er gerade seine Stelle verloren.

Während die Mutter des Kindes weiterhin zu 100 Prozent erwerbstätig war, kümmerte er sich in der Folge einige Zeit lang voll um seinen damals zweijährigen Sohn – und gelangte im Eheschutzverfahren an einen Richter, der eine alternierende Obhut verfügte. «Unser Sohn hat damit das Recht auf ein Leben mit beiden Eltern bekommen. So soll es auch sein», sagt Lovrinovic überzeugt.

Diese Haltung vertritt auch die Wissenschaft. Zusammenfassende Studien kommen etwa zum Ergebnis, dass Kinder, die in einer alternierenden Obhut leben, physisch und emotional gesünder sind, sich positiver verhalten und bessere akademische Leistungen erbringen. Vergangenen Monat veröffentlichten 111 Wissenschafter und Praktiker aus aller Welt gemeinsam in der Fachzeitschrift «Psychology, Public Policy, and Law» einen Konsensbericht, in dem sie festhalten, dass die alternierende Obhut nach aktuellem Forschungsstand unter normalen Rahmenbedingungen die beste Betreuungslösung von Kindern getrennt lebender Eltern ist. Sie empfehlen, die alternierende Obhut selbst für Kleinkinder unter vier Jahren zur Standardlösung zu machen.

Internationaler Trend

Nun sollen die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus aller Welt stärker in die berufliche Praxis, das Familienrecht und die Politik einfliessen. Der Ende Februar gegründete «Internationale Rat für die Paritätische Doppelresidenz» hat sich zum Ziel gesetzt, die Forschung voranzutreiben, bestehendes Wissen zusammenzutragen und Empfehlungen für die Praxis und Rechtsetzung abzugeben. Im Juli kommt es in Bonn zur ersten internationalen Konferenz zum Thema.

Verfügen künftig Richterinnen und Richter in der Schweiz häufiger eine alternierende Obhut, folgen sie damit einem internationalen Trend: Fachleute wie Edward Kruk von der University of British Columbia in Kanada sprechen von einem regelrechten Boom.

So gab es in Deutschland in jüngster Zeit deutlich mehr Gerichtsentscheidungen pro Wechselmodell. In Belgien, Frankreich und Australien wird dem Wechselmodell im Gesetz der Vorzug gegeben. Doch auch wenn die alternierende Obhut nur auf die gleiche Stufe wie andere Betreuungsmodelle gestellt wird – wie in der Schweiz vorgesehen –, kann dies einen grossen Effekt haben. Dies zeigt das Beispiel Schweden: Seit Ende der 90er-Jahre können Richter dort die alternierende Obhut anordnen. Seither ist die Zahl der Kinder, die im Wechselmodell leben, von weniger als 5 auf rund 30 Prozent gestiegen.

*Name geändert

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