Mode

Wenn Milch und Algen am Kleiderbügel hängen

Baumwolle wird immer knapper. Chemiefasern sind zwar preisgünstiger, aber für viele Konsumenten aus ökologischen Gründen keine Alternative. Neue Garne aus Algen, Milch oder Brennnesseln sind in der Textilbranche gefragt

Die Rechnung ist simpel: Mit der wachsenden Bevölkerung wird auch der Bedarf an Kleidung immer grösser. Weltweit werden heute jährlich knapp 75 Million Tonnen textile Rohstoffe verarbeitet. Rund die Hälfte davon sind Naturfasern wie Baumwolle, Seide oder Wolle. Der Rest sind Chemiefasern.

Noch steigt zwar die Produktion von Baumwolle, der Anteil des Rohstoffs im weltweiten Fasermarkt sinkt aber bereits. Zudem belastet der heute intensive Baumwollanbau die Umwelt. Neben langen Transportwegen sorgen ein hoher Wasserverbrauch vor allem in regenarmen Gebieten und Insektizide für eine negative Ökobilanz. Nicht nur Kirsten Brodde, Buchautorin und ehemalige Textilexpertin bei Greenpeace, sieht deshalb bereits ein Ende der Baumwolle kommen: «Im Kleiderschrank von morgen muss mehr hängen als nur Baumwolle.»

Chemiefasern sind zwar preisgünstiger, aber für viele Konsumenten aus ökologischen Gründen keine Alternative. Längerfristig dürften auch diese Fasern bedingt durch die steigenden Rohölpreise teurer werden. Also sind innovative Fasern gefragt, etwa aus rasch nachwachsenden Rohstoffen wie Algen, Hanf, Bambus oder Bananen.

Brennnesseln – Seide der Armen

Für die Nutzung alternativer Naturfasern setzt sich in der Schweiz seit 2008 die IG Niutex ein. Sie fördert den ökologischen Anbau und die Verarbeitung von Naturfasern mit möglichst regionalem Fokus. «Die Nutzung aller Naturfasern ist leider stehen geblieben, weil Baumwolle den Markt dominiert», sagt Tom Porro von der IG Niutex. Dabei bieten Fasern wie etwa aus Brennnesseln sehr wohl Vorteile. Einst «die Seide der Armen», waren Nesseln noch während des Ersten Weltkrieges als Baumwollalternative bekannt. «Sie sind mehrjährige Pflanzen, wachsen gut nach und gedeihen auch hierzulande», so Porro.

Vor allem aber sind sie qualitativ hochstehend und atmungsaktiv und müssten insofern interessant sein für die Textilbranche. Laut Porro ist man kurz vor dem Durchbruch. Er hofft, dass es deshalb zu einer Renaissance dieser alternativen Faser kommt, aber auch von Flachs und Hanf.

Erste Versuche mit Hanf hat das Schweizer Label für Shirts und Strickwaren, «Erfolg», gewagt. Demnächst kommt eine kleine Kollektion von Pullovern und Jacken aus Schweizer Hanf auf den Markt, die mit der Traxler AG, einem Garnspezialisten, umgesetzt wurde. «Allerdings mussten wir die Faser mit Bio-Baumwolle anreichern, weil sie sonst zu sehr auf der Haut kratzt», erklärt Designerin Sandrine Voegelin.

Mit dem Material bereits mehr Erfahrung hat der Naturmode-Anbieter Hess Natur aus Deutschland. Der Öko-Pionier verarbeitet inzwischen eine ganze Palette von alternativen Naturfasern. Neben Hanf, Ramie und Bambus auch Bananenfasern. Rohstoff hierfür sind Abfälle von Bananenplantagen, die sonst im Müll landen. Auch der deutsche Outdoor-Hersteller Raffauf stellt Kleidungsstücke aus der Abaca genannten Faser her. Die Fasern sind robust und wasserresistent.

Besonders innovativ sind Textilien aus Milchfasern. Sie sind weich, seidig, antibakteriell und weil pH-neutral auch für Allergiker und Menschen mit Hauterkrankungen ideal. Für die Faserherstellung werden keine Chemikalien benutzt und schon gar keine Milch, die sonst als Lebensmittel verwendet würde. Anke Domaske, Erfinderin der Faser «Qmilch», verwendet minderwertige Milch, die nicht für Lebensmittel verarbeitet werden darf. Bereits seit 1930 werden Kaseinfasern hergestellt, allerdings in einem Verfahren, das sehr ressourcenaufwendig war. Mikrobiologin Domaske aus Hannover hat nun ein Verfahren entwickelt, bei dem gerade einmal zwei Liter Wasser nötig sind, um ein Kilogramm Milchfasern herzustellen. Die Kleider ihres Labels Mademoiselle Chi Chi kommen an – sogar bei Prominenten wie Mischa Barton oder Ashlee Simpson.

Ebenfalls fast grenzenlos verfügbar sind Algen. Das macht sie zu einem interessanten Rohstofflieferanten, den bereits verschiedene Labels nutzen, so zum Beispiel das Berliner Label Mayer. Der daraus gewonnene Stoff fühlt sich noch weicher an als Baumwolle, vor allem aber ist er sehr hautverträglich, schliesslich werden Meeresalgen schon seit dem 19. Jahrhundert in der Thalasso-Therapie verwendet.

Nicht immer wirklich ökologisch

Der Naturrohstoff Bambus steckt mittlerweile in vielen Textilien. «Allerdings wird er nicht immer ökologisch verarbeitet», kritisiert Isabel Rosa Müggler, Designforscherin an der Hochschule Luzern. Oft handelt es sich um Viskose, also chemisch hergestellte Zellstofffasern. Zudem braucht Bambus lange Transportwege, obwohl rein klimatisch gesehen der Rohstoff auch hierzulande angebaut werden könnte. Dass es auch anders geht, hat Müggler in einem Projekt gezeigt, in dem sie die technischen und ästhetischen Potenziale des Materials erforscht hat.

Die Palette der Naturfasern dürfte sich in Zukunft noch erweitern. Gute Ergebnisse hat man unter anderem auch mit Mais, Lotusblumen, Soja und sogar Krabbenschalen gemacht. «Es gibt viele Bestrebungen, Alternativen zu Baumwolle zu fördern», sagt Isabel Rosa Müggler. Noch sind die Preise für solche Textilien zu hoch, um als wirklicher Ersatz von Baumwolle in grossen Mengen verarbeitet zu werden. Erst eine ernsthafte Verknappung von Baumwolle und Wasser würde wohl für ein wirkliches Umdenken sorgen, glaubt Müggler.

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