Anastasia massiert meinen Körper. Meine Augen sind geschlossen, ich bin tiefenentspannt. Endlich wieder mal. Ich denke an nichts. Wohlbefinden – das war lange Zeit ganz schön weit weg.

Ich bin ins Kranzbach gefahren. Eine Rückszugsoase in Bayern und eines der besten Wellnesshotels in Deutschland. 15 Kilometer von Garmisch-Partenkirchen entfernt, direkt an der Grenze zu Tirol. Das Steinhaus, besser gesagt das Schloss, wurde vor 100 Jahren von der adeligen Mary Isabel Portman aus London erbaut. Das Kranzbach ist ein geschütztes Bergtal, das Hotel steht am Fusse der Zugspitze, Deutschlands höchstem Berg (2962 m ü. M.).

Wo könnte man besser vor den kleinen und grossen Herausforderungen im Leben fliehen? Die Selbsterkenntnis, die sich an die Oberfläche durchkämpfte, war verheerend: Ich arbeite zu viel, bin ständig am Handy, kann nicht abschalten und nicht allein sein. Um das alles erträglicher zu machen, lebe ich zeitweise ungesund – esse falsch, rauche hin und wieder und trinke zu viel vom Falschen.

Nun möchte ich von Montag bis Freitag diese Laster ablegen. Ich wähle das Detox-Programm. Fünf Tage Hardcore-Verzicht, fünf Tage Entgiftung. Erst über die Stränge schlagen, und dann in kürzester Zeit für alles büssen wollen. So ist der Mensch. Aber mit dieser Frage will ich mich nicht aufhalten.

Einmal zu Ende denken

Damit sich die Wirkung des Detox voll entfalten kann, reise ich allein. Das Umfeld warnt: «Da wirst du depressiv» oder «Im Wellness sind doch nur Paare». Ich bin der Überzeugung, dass es allen guttun würde. Sich wieder einmal mit sich zu beschäftigen. Gedanken, die im Alltag versanden, zulassen.

Dr. Müller ist die Ärztin im Haus, sie begleitet die Detox-Gäste. Es ist eine Reduktionskost, 1000 kcal am Tag. Morgens einen warmen Gluten-freien Getreidebrei und eine Kanne Ingwertee. An der Saftbar darf man sich aus Karotten, Stangensellerie, Apfel und roter Beete einen Saft pressen. Mittags gibt es ein leichtes Gericht, Fisch mit Gemüse oder Getreide. Abends eine Gemüsesuppe. Im Programm enthalten sind Bauchmassagen, Leberwickel, Körperpackungen und eben Anastasia.

Müller sagt, früher seien nur dicke Männer-Manager zum Detoxen gekommen. Heute sind es viele schlanke Menschen, die sich etwas Gutes tun wollen. «Detox ist in aller Munde.» Ich denke: Ich wäre froh, hätte ich was im Munde. «Einmal im Jahr fasten, das tut jedem gut», sagt Müller.

Der erste Abend ist etwas belastend. Man macht sich hübsch, sitzt im Kaminzimmer mit Suppe und Wasser, während das Pärchen nebenan turtelt, Champagner schlürft und Pasta isst. Man fragt sich das erste Mal: Was mache ich hier? Nichts essen, und das auch noch allein. Man geht früh schlafen.

Ablenkung vom leeren Magen

Doch das Detox läuft gut, man hungert nicht. Man liest, sauniert, lässt sich verwöhnen, geht spazieren und versucht, das Kopfweh wegen des Koffeinentzugs auszuhalten.

Der zweite Abend gibt dem Single-Programm eine unerwartete Wende. Im Restaurant steht ein Kommunikationstisch. «Das ist ein Tisch für unsere Alleinreisenden», sagt der Geschäftsführer. Eine Minute später stecke ich in einem spannenden Gespräch über Wein. Während der Weinkenner Schluck für Schluck seinen Rotwein geniesst und Gabel für Gabel sein Steak in den Mund schiebt, schlürft der Detox-Gast wieder Suppe. Mit am Tisch eine professionelle Ballerina, ein Zahnarzt und eine Detox-Abbrecherin. Der Abend wird amüsant.

Der Weinfreund und ich schliessen uns am Tag danach einer geführten Wanderung an. Franz erkundet mit uns die Gegend. Er weiss alles, sogar warum die Tannennadeln unten weiss sind. Bei den meisten Diäten kriegt man am dritten Tag den Koller. So bestelle ich abends meine Suppe aufs Zimmer und esse sie im Pyjama vor dem Fernseher. Zu müde, zu genervt für andere Menschen.

Am vierten Tag schleicht sich so etwas wie Stolz ein. Nach den ersten Tagen verschwinden Kopfweh und Müdigkeit. Man entwickelt eine unbekannte Energie, fühlt sich fit und leicht.

Wir – mein Weinfreund nimmt mich ein Stück mit – fahren aus der Tiefgarage. Auf dem Tor steht: Vergessen Sie nicht, Ihr Handy einzuschalten.