Erziehung

Wenn die Kinder zuhause plötzlich den Ton angeben

Wenn Kinder ihre Eltern anschreien oder schlagen, ist es höchste Zeit, professionelle Unterstützung zu suchen. Die schlechte Nachricht: Solche Fälle nehmen zu. Die gute Nachricht: Es gibt Hilfe.

«Schlampe! Idiot! Ich bring euch beide um!» Der 15-jährige Remo zittert vor Zorn, als er zur Wohnungstür stampft und seiner Mutter im Vorbeigehen einen groben Stoss versetzt. Mit einem lauten Knall schmeisst er die Tür hinter sich ins Schloss. Weg ist er, obwohl ihm die Eltern verboten haben, so spät noch auszugehen. Hilflos schaut die Mutter zum bleich danebenstehenden Vater. Beide atmen tief aus und sehen, dass ihre Hände ebenfalls zittern – vor Angst. Ihr kräftiger Sohn schüchtert seine Eltern inzwischen derart ein, dass sie kaum mehr wagen, ihm etwas zu verweigern. Und zugleich schämen sie sich entsetzlich. Welche Eltern lassen sich schon vom eigenen Sohn bedrohen und schubsen.

Remo gibt es nicht. Aber andere, die sich so verhalten wie der fiktive Jugendliche. Und Remos Eltern wären mit ihrem Problem nicht allein. Insgesamt 3517-mal klingelte letztes Jahr das Telefon bei «Elternnotruf.ch», der Beratungsstelle für Eltern der Kantone Zürich, Aargau, Bern, Zug und Graubünden. Und 180-mal davon waren verzweifelte Väter und Mütter am Draht, die berichteten, ihr Teenager habe sie aggressiv beschimpft, bedroht, ja sogar handfest angegriffen oder verletzt.

Elterliche Präsenz markieren

«Solche Telefonate sind nicht alltäglich», beschwichtigt Peter Sumpf, Familienberater ZAK und seit sechs Jahren Geschäftsleiter beim Elternnotruf. Aber er sagt nachdenklich: «Diese Anrufe zeigen nur die Spitze eines Eisbergs. Bis dahin ist immer schon sehr viel passiert.» Solche Fälle nehmen zu. Zwar schwanken die Zahlen jährlich, aber sie schaukeln sich immer höher hinauf: 2006 meldeten sich 132 geschlagene Eltern beim Notruf, 2010 waren es 244 und im Spitzenjahr 2013 sogar deren 323.

Eltern, die mit ihren Nerven am Ende sind, sind für Peter Sumpf Alltag. Er berät mit seinem Team Väter und Mütter, deren Babys wegen Koliken nächtelang durchschreien. Oder deren Kinder während einer Trotzphase partout nicht mehr gehorchen wollen oder sich mit dem Grösserwerden immer respektloser benehmen. Ihnen rät Sumpf: «Vermitteln Sie Ihrem Kind schon früh Ihre Werte, und achten Sie gerade in Krisen auf die Tonalität in der Familie!»

Und weiter: «Bleiben Sie so ruhig und fest wie möglich, auch wenn Sie sich nicht sofort durchsetzen können. Und kommen Sie auf Ihre Forderungen in einem weniger angespannten Zeitpunkt zurück.» Eltern, die es verpassen, ihrer Haltung Nachdruck zu verleihen und keine elterliche Präsenz markieren, warnt Sumpf, riskieren irgendwann, den Respekt ihrer Kinder zu verlieren.

Beim Elternnotruf melden sich Eltern erst, wenn sie keinen Schimmer mehr haben, wie sie die nächsten Jahre mit einem unerträglich gewordenen Jugendlichen durchstehen sollen. Oder wenn sie um Leib und Leben fürchten. «Hierarchieumkehrung» oder «Parentifizierung der Jugendlichen» nennen Fachleute solch verschobene Familienverhältnisse. Im Klartext heisst das, hier machen nicht mehr die Eltern die Regeln, sondern der Nachwuchs. Familienberater Sumpf musste schon ab und zu Eltern raten, die Polizei zu rufen. Damit diese die Gewaltspirale durchbrechen und endlich einmal klare Grenzen setzen.

Zu bequem, zu cool

Heute lassen Eltern oft die Zügel im falschen Moment schleifen. Weil es bequemer ist. Weil sie besonders cool sein wollen. Oder weil sie sich mehr auf die Karriere konzentrieren als auf die Kindererziehung. Alleinerziehende, die sich nicht auf einen Partner verlassen können, haben es doppelt schwer. Ihnen fehlt manchmal schlicht die Energie, ihrem Kind ständig entgegenzuhalten, oder sie kompensieren ein schlechtes Gewissen mit übermässiger Nachgiebigkeit.

Was viele Eltern nicht wissen: Indem sie ihre Kleinen gewähren lassen, behindern sie ihre soziale Entwicklung. «Kinder haben ein Recht auf klare Grenzen, und sie haben ein Recht auf Erziehung», sagt Klaus Schmeck klipp und klar. In den neun Jahren als Chefarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik der Universität Basel begegnete der Psychiatrieprofessor immer häufiger allzu nachgiebigen, kumpelhaften Eltern.

Sie hätten aber die Pflicht, ihren Kindern die nötigen sozialen Fertigkeiten mitzugeben. Sonst komme es spätestens in der Schule zu Konflikten. Werden dann Eltern zum Gespräch geladen, passiere es nicht selten, dass sie den Lehrpersonen in den Rücken fallen. «Gleich nochmals ein Fehler», sagt Schmeck. «Das stärkt die Grössenfantasien der Kinder nur weiter.»

Einfach ist das Kindergrossziehen heute wahrlich nicht, Ratgeberbücher türmen sich. Viel elterliche Liebe und Aufmerksamkeit, fordern die einen Experten. Die anderen raten: Klare Grenzen und Konsequenz. Was nun? «Beides gleichzeitig», sagt Sakari Lemola, Assistenzprofessor für Persönlichkeits- und Entwicklungspsychologie an der Universität Basel. Im ersten Lebensjahr, wenn Babys noch voll abhängig sind, sei das Grenzensetzen vielleicht noch nicht so wichtig. «Aber schon bald geht es darum, den Kindern auch Richtlinien zu geben, damit sie ihre Selbstregulation ausbilden können.» Darauf pocht auch Claudia Seefeldt, Organisationsberaterin und Mitinhaberin des Zürcher Instituts für systemische Impulse. Wenn Eltern so machtlos geworden seien wie im Beispiel von Remo, sagt sie, «dann müssen sie eine neue elterliche Präsenz aufbauen». Ihre Nachgiebigkeit hat Remo nicht friedlich gemacht, sondern immer fordernder. Nun müssen die Eltern diese Eskalationsspirale aufhalten. Bloss wie?

Mit Remos Eltern würde sich Seefeldt zusammensetzen und als Erstes herausarbeiten, welche Verhaltensweisen (Schlagen, Schreien) sie definitiv nicht mehr akzeptieren. Väter und Mütter müssten unbedingt eine entschiedene Haltung entwickeln und deutlich machen, dass sie so nicht weitermachen möchten.

Wir geben dich nicht auf!

Für einige Eltern in dieser Situation überraschend, aber sehr wichtig: «Eltern sollten ihrem Kind immer wieder Beziehungsangebote machen und ihm zeigen, dass es ihnen wichtig ist.» Das kann eine Schokolade in der Jackentasche sein oder ein Zettelchen auf dem Kopfkissen. Wichtig sei nicht, ob der Jugendliche das Angebot annehme, wichtig sei das Angebot an sich. Immer wieder.

Seefeldts wichtigster Grundsatz für Eltern lautet deshalb: «Wir geben dir nicht nach und wir geben dich nicht auf.» Hilfreich für die Eltern ist zusätzlich ein Netzwerk von nahestehenden, neutralen Personen, die sich ab und zu beim Jugendlichen melden und ihm unparteiisch rückmelden, was er heute toll oder weniger toll gemacht hat.

Wenn Eltern sich mitteilen und aus ihrer Isolation heraustreten, sagt sie, erhöhe das ihre Präsenz und Selbstkontrolle. Mit diesen Massnahmen werden Eltern wie jene von Remo Schritt für Schritt wieder handlungsfähig. Manchmal dauere es Wochen, manchmal Monate. Aber irgendwann verbessere sich in der Regel die Beziehung.

Vielleicht wird Remo noch lange hinausstampfen, obwohl er gar nicht in den Ausgang dürfte, und die Tür laut hinter sich zuknallen. «Aber er wird nicht mehr das gleiche Gefühl haben», versichert Beraterin Seefeldt. Auch die Eltern werden vielleicht noch eine Weile zurückbleiben und einander anschauen. «Aber sie werden sich nicht mehr gleich hilflos fühlen.»

- Elternnotruf 0848 35 45 55 www.elternnotruf.ch
- Netzwerk des Instituts für Systemische Impulse Kurse und Beratung: www.isi-netz24.ch

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