Herr K. betreute seine Frau, die an multipler Sklerose erkrankt war. Der alte Mann aber mochte keine Veränderungen und pflegte sie nur unter der Bedingung, dass sie seine Ruhezeiten nicht störte. Sie durfte nachts und zwischen 13 und 16 Uhr, wenn er jeweils an seinem Modellbau arbeitete, keine Wünsche anmelden. Zu Beginn hielt sich seine Frau daran. Als sie aber auch noch an Demenz erkrankte, konnte sie seine Ruhezeiten nicht mehr einhalten. Herr K. versuchte eisern, seine Frau umzuerziehen: Er verweigerte ihr Essen und Handreichungen, wenn sie ihn zur falschen Zeit störte.

«In der Presse liest man immer wieder gross aufgemacht von Fällen von Gewalt in Pflegeheimen. Aber ich habe noch nie über einen Fall von Gewalt in der häuslichen Pflege gelesen. Diese Fälle kommen nicht ans Licht, obwohl sie häufiger vorkommen als in Pflegeheimen», sagt die deutsche Psychologin und Ethnologin Gerda Blechner. Während fast zwei Jahren hat sie vor allem in Deutschland, aber auch in der Schweiz, pflegebedürftige Senioren und ihre Pflegepersonen interviewt und beobachtet.

Gewalt häufiger, als man denkt

Ihre Kinder mussten Frau K. in einem Pflegeheim unterbringen, nachdem sie die Essensverweigerung entdeckt hatten, weil Herr K. sein Fehlverhalten partout nicht einsehen wollte. Frau K. ist kein Einzelfall: Die Unabhängige Beschwerdenstelle für das Alter (UBA) geht davon aus, dass in der Schweiz rund jede fünfte ältere Person Gewalterfahrungen macht. «Diese Schätzungen basieren auf einer europäischen Studie, die sich mit unseren Zahlen deckt», sagt UBA-Geschäftsführerin Ruth Mettler Ernst. 397 Personen haben sich vergangenes Jahr an sie gewandt, in 18 Prozent der Fälle ging es um Gewalt.

Die Gewalt in der häuslichen Betreuung hat viele Formen: Nicht immer handelt es sich um physische Misshandlung wie Schläge oder Schütteln. Am häufigsten treten psychische Misshandlungen auf, wie Drohungen, Demütigungen oder Liebesentzug. Auch finanzielle Misshandlung, zum Beispiel wenn eine Änderung des Testaments erzwungen wird, zählt als Gewalt. Genauso wie freiheitsentziehende Massnahmen wie Festbinden oder das Verabreichen von beruhigenden Medikamenten gegen den Willen. «Auch bewusste Vernachlässigung, wie das Ignorieren der Bedürfnisse des Gepflegten oder unbewusste Vernachlässigung wie zum Beispiel das Zulassen von Mangelernährung oder Dehydrierung, sind Formen von Misshandlung alter Menschen», erklärt Ruth Mettler Ernst.

In vielen Fällen entstünden die Gewaltsituationen aber nicht gewollt, sondern schleichend, erklärt Mettler Ernst. Vielfach übernehmen Angehörige oder Drittpersonen die Pflege einer betagten Person nach einer Diagnose oder einem Unfall, ohne sich bewusst zu sein, was auf sie zukommen wird. «Das resultiert oft in Überforderung der Pflegenden. Vielfach pflegen die Angehörigen, bis sie nicht mehr können. Manchmal kommt es dann ganz ungewollt zu verbalen Attacken oder einem Schubser», erklärt Mettler Ernst. Passiere das einmalig in einer Ausnahmesituation, sei dies noch nicht dramatisch. «Kommen solche Misshandlungen allerdings öfter vor, wird es problematisch», so Mettler Ernst. Gewalt in der Pflege geschehe gehäuft im häuslichen Umfeld, weil die Pflegenden da vielfach sich selbst überlassen sind mit der Betreuung. «In Pflege- und Altersheimen kommt es zwar auch zu Gewaltsituationen, allerdings viel weniger, weil die Pflegenden in ein Team eingebunden sind. Sie können sich austauschen und im Ernstfall über ihre Überforderung sprechen», erklärt Mettler Ernst.

Gerda Blechner warnt davor, Gewalt in der Pflege immer mit Überforderung zu erklären. Die Ursachen für die Gewalt, die sie in ihrer Forschungsarbeit angetroffen hat, seien sehr viel vielfältiger. «Die ständig propagierte Überforderung macht es schwierig, ein Bewusstsein für das Entstehen der Gewaltsituationen zu schaffen. Denn für Überforderung haben alle Verständnis, sie entschuldigt falsches Verhalten als einmalige Verfehlung, und schnell wird das Thema beiseitegelegt», sagt sie.

Oft spielten alte, schwierige Beziehungsmuster eine Rolle in der Entstehung von Gewaltsituationen. «Wie soll man jemanden gut pflegen können, wenn man die Person gar nicht leiden kann? Das ist nicht möglich», so Blechner. Sie hat Pflegende angetroffen, die eine schwierige Kindheit hatten und die Gewalt nun ihren pflegebedürftigen Eltern zurückzahlen. In anderen Fällen führten Alkohol, Drogen oder psychische Probleme der Pflegepersonen zu Gewaltausbrüchen.

Zu verhindern sind solche Vorkommnisse nur schwer. «Viele Pflegebedürftige schämen sich. Und durch die familiäre Abgeschiedenheit ist es schwierig, Einblick in die Pflegesituationen zu erhalten», erklärt Blechner, die ihre Erkenntnisse im Buch «Von wegen Überforderung» veröffentlicht hat. Auch sie schätzt, dass die Dunkelziffer von Gewaltfällen in der häuslichen Pflege noch viel höher liegt als angenommen. Denn oftmals fehle auch den Betroffenen selbst das Bewusstsein für Gewalt. «Es war erschreckend zu sehen, wie sehr psychische Misshandlung von Pflegenden und auch Gepflegten bagatellisiert wurde.» Zum Beispiel von einer älteren Frau, die Gerda Blechner für ihre Studie interviewt hat. Die alte Frau wurde von ihrer Tochter ständig gedemütigt wegen ihrer Inkontinenz. Darauf angesprochen, meinte sie: «Wieso sollte meine Tochter die Dinge nicht beim Namen nennen? Ich kann nun mal das Wasser nicht mehr halten. Das ärgert sie, deswegen sagt sie es bei jeder Gelegenheit. Aber daraus eine Misshandlung zu machen, ist doch weit hergeholt.»

Möglichst zu Hause bleiben

Das Problem wird in Zukunft wohl noch zunehmen. Die ständige Wohnbevölkerung der über 65-Jährigen wird sich laut dem Bundesamt für Statistik bis 2045 von 1,9 Millionen auf 3,8 Millionen verdoppeln. Das heisst, es wird auch mehr Menschen geben, die zu Hause gepflegt werden, und mehr Menschen, die jemanden zu Hause pflegen. Denn Umfragen zufolge wünschen sich 83 Prozent der Senioren, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Und sechs von zehn der zu Hause lebenden Senioren werden gemäss einer Analyse des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums von ihren Angehörigen betreut.

Das kann auch innerhalb der Familien zu Problemen führen. «Wir vermitteln immer wieder in Fällen, wo es innerhalb der Familie zu Unstimmigkeiten kommt, wer die Pflege übernehmen soll», so Mettler Ernst. Zum Beispiel, wenn der Bruder meint, dass die Schwester als Hausfrau ja gut Zeit hätte, sich um den dementen Vater zu kümmern. Oder der Ehemann nicht möchte, dass seine bettlägerige Frau von der Spitex betreut wird. «Es ist sinnvoll, die Pflege auf mehrere Schultern zu verteilen, um der Überforderung vorzubeugen», empfiehlt Ruth Mettler Ernst. Ausserdem sollen sich Angehörige vorgängig beim Arzt oder bei Beratungsstellen gut informieren, was die Pflege zu Hause im entsprechenden Fall bedeutet, und allenfalls ambulante Pflegeangebote prüfen.

Gerda Blechner sieht die Lösung in verstärkten Kontrollen durch die Gemeinden. Norwegen sei ein gutes Beispiel. «In privaten Pflegesituationen erscheint dort jede Woche jemand zur Kontrolle» sagt sie. Dort komme es seltener zu Misshandlungen in der häuslichen Pflege.