Auch wenn es für manchen so klingen mag, der heutige Welttoilettentag ist keine Klamauk-Veranstaltung. Denn das Stille Örtchen ist für über 2,6 Milliarden Menschen weltweit noch längst nicht selbstverständlich.

Anders als bei uns, wo das Klohäuschen jedoch kaum geschätzt wird. Dabei ist es doch viel mehr als ein blosser Ausscheidungsort.

Es gibt Momente, die wir nicht teilen wollen, weil wir sie unappetitlich finden. Und dazu gehört meist vieles, was mit dem Körper zu tun hat. Allein deshalb ist wohl kaum ein Ort mit so gemischten Gefühlen verbunden wie eine öffentliche Toilette.

Zwangsläufig haben wir uns an die visuellen und olfaktorischen Zumutungen gewöhnt, die uns auf Zug- oder Raststätten-Klosetts nicht selten erwarten.

Selbst eine abgebrühte Toilettengeherin sieht sich jedoch überfordert, wenn aus der Nachbarkabine plötzlich verstörende Geräusche dringen, bei denen der Verstand zunächst gar nicht einzuordnen vermag, was die Ursache für diese Mischung aus Stöhnen, Schreien und Pressen sein könnte.

Zumal, wenn sich herausstellt, dass sich die betreffende stark übergewichtige Frau weder in den Wehen noch kurz vor dem Ableben befindet, sondern offenbar schlicht an Verstopfung leidet. Als unfreiwilliger Zuhörer jedenfalls erstarrt man innerlich und will das heikle Örtchen nur noch verlassen.

Wir ekeln uns vor uns

Aber warum eigentlich? Die zentrale Funktion des Klohäuschens ist nun mal die Ausscheidung. Wie kommt es, dass uns die menschliche Verdauung so unangenehm, so peinlich ist?

Schliesslich sind wir eben auch Körper. Warum ist für uns die «authentische Materie» oder vulgo: die Scheisse, wie der Kulturwissenschafter Florian Werner ganz unverblümt sagt, die wir in unserem Inneren produzieren, für uns so widerwärtig, sobald sie einmal unseren Leib verlassen hat?

Werner weist darauf hin, dass die Ekelgefühle, die wir mit dem Kot von Menschen oder Tieren verbinden – historisch betrachtet – das Ergebnis einer Prägung jüngeren Datums sind.

Erst mit der Einführung der Kanalisation gegen Ende des 19. Jahrhunderts seien Fäkalien als «nutzlos» empfunden worden. Unser heutiges «Verständnis von Zivilisation ist daher an das Verschwinden der Scheisse gekoppelt», «Sicht- oder Unsichtbarkeit» stellen für uns «einen Gradmesser für die Entwicklungsstufe eines Landes» dar.

Entscheidend zum Ekel hat jedoch auch ein gewandeltes Körper-Verständnis beigetragen, erklärt Werner in seinem Buch «Dunkle Materie. Die Geschichte der Scheisse».

«Der Leib des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Menschen wurde nämlich noch nicht als etwas von seiner Umgebung Getrenntes, Abgeschlossenes verstanden, sondern galt als ein mehr oder minder durchlässiger Bereich.»

Dass wir heutzutage Ausscheidungen als den Inbegriff für unangenehmen Geruch wahrnehmen, lässt sich demnach vor allem darauf zurückführen, dass uns dank unseres modernen Selbstbewusstseins der «kollektive Stallgeruch» abhanden gekommen ist.

Ebenso wie wir Menschen des 21. Jahrhunderts gelernt haben, einander im übertragenen Sinn nicht mehr riechen zu können, haben wir das Thema Stuhlgang mit dem Abschluss der analen Phase im dritten Lebensjahr so gut verdrängt, dass wir verlernt haben, darüber zu sprechen.

Doch während bislang das Thema Darm eher zum reflexhaften und infantilen Herumalbern verleitet, scheint nun eine Art zweite und vor allem öffentliche anale Phase eingeläutet worden zu sein. Florian Werner spricht gar von der «Renaissance der Scheisse».

Zu verdanken ist das unter anderem einer jungen Autorin, die völlig unverkrampft vom Pupsen und Kacken redet. Die Nachwuchsmedizinerin Giulia Enders, bekannt geworden durch ihre diversen Science-Slam-Auftritte, hält sich mit ihrem klugen Sachbuch «Darm mit Charme – Alles über ein unterschätztes Organ» schon seit Wochen an der Spitze der Bestseller-Listen.

Die Darm-Expertin nähert sich dem Thema aber so launig, unverklemmt und versiert, dass man ihr in ihrem Aufklärungswillen bereitwillig zum Mittelpunkt unseres Körpers und tief hinein in die dunklen Zonen menschlichen Gedärms folgt.

«Wer den Darm eklig findet, denkt eben meistens an Stuhl und Krankheitserreger.» Deshalb habe sie sich auf die positive Rolle der Darmkeime konzentriert.

Giulia Enders ist überzeugt, «dass man mit Tabus besser umgehen kann, wenn man mehr Wissen zur Verfügung hat» – ein Satz, den die amerikanische Erfolgsautorin Mary Roach wohl sofort unterschreiben würde.

Während Enders Informationen liefert, inszeniert die Wissenschaftsjournalistin ihr Buch «Schluck – Auf Entdeckungsreise durch unseren Verdauungstrakt» als Potpourri spannender wie manchmal auch tragischer Begebenheiten der Medizingeschichte und so landet man unversehens bei Elvis Presley.

Elvis sass lange auf dem Klo

Der litt, wie die Medizin heute annimmt, an einem «Megakolon», einem abnorm erweiterten, teilweise gelähmten Dickdarm, ausgelöst durch Medikamentenmissbrauch, ähnlich wie Johnny Cash oder Nirwana-Sänger Kurt Cobain.

Damit lässt sich vielleicht auch die aufwendige Ausstattung des Badezimmers auf Presleys Anwesen Graceland im US-Bundesstaat Tennessee erklären. Fernseher, Telefone und ein gemütlicher Sessel spiegeln wieder, wie viel Zeit er dort verbrachte.

Das traurige Ende des «King of Constipation», wie Mary Roach ihn nennt, lässt nicht nur das Verhalten der bedauernswerten Dame auf der Nachbartoilette in anderem Licht erscheinen, es zeigt auch, wie stark der stille Ort eine biografische Konstante in unserem Leben ist.

Diese für uns so selbstverständlich gewordene Errungenschaft der Zivilisation ist weit mehr als ein blosser Ausscheidungsort, an dem wir im Laufe unseres Lebens zusammengerechnet mehr als ein Jahr verbringen. Ablesen lässt sich daran letztlich sogar unser Verhältnis zur Welt, wie Peter Handkes Buch «Versuch über den Stillen Ort» zeigt.

Anhand eindrücklicher Toiletten-Besuche lässt der Schriftsteller verschiedene Stationen seiner Lebensgeschichte Revue passieren. Es müsse, so schreibt er, «an der Schwelle zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter» gewesen sein, dass der «Stille Ort» ihm etwas zu bedeuten begann, «über das Übliche und Gewohnte hinaus».

Für Handke wird der Abort gar zum «Asylort», zu dem er sich flüchtet, wenn er die Nähe von Menschen nicht mehr zu ertragen vermag. In der Tat sind all diese Verklausulierungen wie «Ich bin gleich wieder da» oder «Ich verschwinde mal kurz» gesellschaftlich akzeptierte Ausflüchte für einen im Grunde «antisozialen Akt», wie Handke ihn nennt.

Denn das Verriegeln der Toilettentür ist für ihn gleichbedeutend mit einem Stossseufzer der Erleichterung: «Endlich allein!»