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Welt im Wandel: 1989 – das Jahr, in dem alles anders wurde

Danach war die Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr aufzuhalten: Berliner Mauer und Brandenburger Tor am 10. November 1989.

Danach war die Wiedervereinigung Deutschlands nicht mehr aufzuhalten: Berliner Mauer und Brandenburger Tor am 10. November 1989.

1989 fiel die Mauer. Proklamiert wurde eine neue Weltordnung – die bereits wieder am Vergehen ist. Aber 1989 war auch das Jahr, in dem in China der Primat der wirtschaftlichen Entwicklung zementiert und der Grundstein für die heutige EU gelegt wurde.

Vor 30 Jahren – 1989 – ereigneten sich in der Weltpolitik innert zwölf Monaten Umwälzungen, die bis dahin unmöglich und undenkbar waren. Das gilt vor allem für das Ende des Kalten Krieges. Heute sind die damals entstandenen Machtverhältnisse ihrerseits herausgefordert: Stichworte sind Trump, Krise der Europäischen Union (EU) und der Aufstieg Chinas.

Das Ende des Kalten Krieges

Die Vorgänge 1989 in Osteuropa waren revolutionär. Zwar war die Krise der Sowjetunion und ihrer Verbündeten kein Geheimnis. Seit vier Jahren war der 54-jährige Michael Gorbatschow daran, unter den Schlagworten «Glasnost» und «Perestroika» Reformen anzukündigen und halbherzig durchzusetzen. Aussenpolitisch suchte er die Entspannung mit dem Westen, um sich innenpolitisch Luft zu verschaffen. Im osteuropäischen Imperium Moskaus gärte es, vor allem in Polen. Anfang 1989 berief das dortige Regime einen runden Tisch ein, der für Juni Wahlen mit frei zu vergebenden Sitzen im Parlament beschloss – ein Novum.

Als es zum Urnengang kam, gewann die antikommunistische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc fulminant 99 der 100 Senats-Mandate. Das war ein Fanal. Die Dinge gerieten nun überall ins Rutschen, Land für Land. Am 9. November fiel die Berliner Mauer, Symbol der Trennung Deutschlands und Europas. Und am 28. November, knapp drei Wochen später, sprach Bundeskanzler Helmut Kohl anlässlich einer Haushaltsdebatte erstmals von «konföderativen Strukturen» zwischen der Bundesrepublik und der damaligen DDR – Vorwegnahme der weniger als ein Jahr später vollzogenen Wiedervereinigung. Dass mit Ausnahme Rumäniens die osteuropäische Revolution friedlich blieb, war auf den Befehl aus Moskau an die sowjetischen Garnisonen zurückzuführen, nicht einzugreifen. Westliche Politiker ihrerseits versuchten, inmitten all der Dynamik kühlen Kopf zu bewahren und diplomatisch klug zu operieren.

Der Weg zu Euro und Europäischer Union

Das Ende des Kalten Krieges verzahnte sich eng mit der europäischen Einigung und lenkte sie in bisher ungeahnte Bahnen. Lange hatte die damalige Europäische Gemeinschaft (EG) im Schatten der Nato gestanden. Zwar sprach einer der Urväter der europäischen Einigung, der Franzose Jean Monnet, bereits in den 1950er-Jahren von den Vereinigten Staaten von Europa als Endziel.

Doch das schien ferne Utopie, solange der Kalte Krieg den Kontinent spaltete. Tagespolitisch bereitete damals sein ab 1984 als EG-Kommissionspräsident amtierender Landsmann Jacques Delors, mit Unterstützung der britischen Premierministerin Margaret Thatcher, den Boden für die Einführung eines europäischen Binnenmarktes. Als nächster logischer Schritt erschien ihm die Einführung einer Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) – was Thatcher allerdings vehement ablehnte. Dennoch legte Delors Anfang April 1989 den Plan für eine WWU vor.

Mit dem Mauerfall erhielt dieser unerwartet eine hochpolitische Dimension: Der französische Präsident François Mitterrand sah in der WWU – und in einem erweiterten und vertieften europäischen Einigungsprozess insgesamt – das Instrument, um ein grösseres und mächtigeres Deutschland zu bändigen. Kohl stimmt dem zu, um die Wiedervereinigung nicht durch ein Veto der eigenen Verbündeten zu behindern. Im Dezember 1989 beschlossen die europäischen Staatschefs mit Mehrheitsentscheid – gegen die Stimme Grossbritanniens – eine Intergouvernementale Konferenz zur Schaffung der WWU. Der Maastrichter Vertrag von 1992 schuf die Grundlage für die EU, ab 2002 war der Euro reale Währung.

China: Wirtschaft vor Demokratie

Wie in Moskau sassen in Peking 1989 Kommunisten an den Schalthebeln der Macht, die mit Reformen experimentierten. Die chinesischen Genossen hatten damit sogar schon früher begonnen: Durch seine «vier Modernisierungen» leitete Deng Xiaoping 1978 eine kühne, jedoch kontrollierte wirtschaftliche Kurskorrektur ein. Als Studenten Demokratisierung als fünfte Modernisierung forderten, wanderten ihre Anführer aber hinter Gitter.

Im April 1989 verlangten erneut Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking Demokratisierung. Die chinesischen Behörden liessen sie vorerst gewähren, da ein Staatsbesuch von Gorbatschow anstand. Die gespannten Beziehungen zwischen den ehemaligen kommunistischen Bruderländern sollten normalisiert werden. Zwar befleissigte sich Gorbatschow während seiner Visite strikter Neutralität. Doch die Symbolik des Besuchs war nicht zu übersehen – hier ein Kommunist, der politische Reformen anstiess, da die eigenen Herrscher, die sich solchen verweigerten.

Am 4. Juni 1989 räumte schliesslich die Volksbefreiungsarmee – welch sinniger Name in diesem Moment! – den Platz des Himmlischen Frieden mit Gewalt. Die chinesischen Kommunisten wagten, wovor ihre osteuropäischen Kollegen – mit Ausnahme der Rumänen – zurückgeschreckt waren: Sie liessen zur Machtsicherung auf das eigene Volk schiessen. Damit zementierte sich die Formel des chinesischen Reformweges: Marktwirtschaft ja, Demokratie nein. Sie hat sich in dem Sinn bewährt, dass China bis heute zur zweitgrössten Wirtschaftsmacht aufgestiegen ist. 

Geopolitische Tektonik wieder in Bewegung

1989 war ein Jahr historischer Zäsur. Im Zuge seiner Ereignisse publizierte der amerikanische Politologe Francis Fukuyama einen aufsehenerregenden Artikel mit dem Titel «Das Ende der Geschichte?» Seine These war steil: Mit dem Ende des Kalten Krieges hätten sich Demokratie und Marktwirtschaft als einzige verbleibende ideologische Modelle durchgesetzt. Der Artikel wurde kritisiert, auch belächelt. Doch in einem Punkt hatte er absolut recht: Nach 1989 schien es tatsächlich lange keine konzeptuellen Alternativen zu Demokratie und Marktwirtschaft zu geben – auch wenn die Realitäten vielerorts anders aussahen. Doch heute bieten sich Populismus und Nationalismus in Europa und den USA sowie das «chinesische Modell» in der übrigen Welt als populäre Alternativen an.

Im Gefolge Fukuyamas notierte 1990 der US-Journalist Charles Krauthammer auch einen «unipolar moment» – eine einmalige Gelegenheit für die USA, als einzig verbliebene Supermacht die Welt in ihrem Sinne zu formen. Der kürzlich verstorbene Präsident George Bush Senior proklamierte eine von Amerika geführte «neue Weltordnung». Doch Donald Trump und seine Wähler sehen heute in China, und nicht in den USA, den Hauptprofiteur der letzten 30 Jahre.

Noch mehr als die USA hat indes Europa an internationalem Gewicht verloren. Die EU steckt in einer Dreifachkrise mit Brexit, Flüchtlingsproblematik und den andauernden strukturellen Ungleichgewichten der Eurozone. Dazu kommen die Spannungen mit Russland – doch Moskau ist selbst ein Koloss auf tönernen Füssen mit einer schwächelnden Wirtschaft und einem Ewigherrscher Wladimir Putin. Derweilen stellt China machtpolitische Ansprüche; sein Vizepräsident Wang Qishan hat am WEF eben keinen Zweifel gelassen, dass es den ihm angeblich historisch zustehenden Platz als Königreich der Mitte wieder einzunehmen gedenkt. Die internationale, nach dem Kalten Krieg entstandene Ordnung verändert sich, die weltpolitische Plattentektonik ist in Bewegung geraten – ob die Veränderungen graduell sein werden oder sich in eruptiven, revolutionären Schüben, wie das 1989 geschah, entladen, wird sich noch zeigen. 

* Dr. Rolf Tanner ist teilselbstständiger Dozent und Publizist. Er unterrichtet u. a. an den Universitäten Basel und Zürich sowie an der Hochschule Luzern. Bei Swiss Re war er unter anderem Leiter von Political & Sustainability Risk Management / Socio-Political Risk Research.

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