Master of Wine

Wein, Libanon und Spiritualität

Master of Wine und «Schweiz am Wochenende»-Kolumnist Paul Liversedge beurteilt in seiner letzten Kolumne Weine aus dem Libanon. Sein Fazit: eine wirkliche Offenbarung.

Einige meiner besten Ideen und tiefsinnigsten Gespräche habe ich nach einem Glas Wein – oder nach deren drei. Wein hilft, die verborgenen Gedanken an die Oberfläche zu bringen. So endete vergangenen Monat ein zwölfstündiger Besuch in der Bodega Lopez de Heredia in Rioja mit einem Gespräch mit der charmanten Besitzerin Maria José über unsere Vergangenheit und das Jenseits. Das war so tiefsinnig, dass es mich noch immer schaudert! Ich glaube fest daran, dass Wein spirituell ist. Dass er uns helfen kann, sowohl unseren Geist als auch philosophische Fragen offener und kreativer zu erkunden, als es dem nüchternen Verstand möglich ist.

Deshalb nahm ich kürzlich mit grossem Interesse an einer «Weine des Libanon»-Verkostung teil. Der Libanon ist eines der ältesten Weinbaugebiete der Welt, es reicht in biblische Zeiten zurück. Bereits das Alte Testament verweist auf die Vorzüge libanesischer Weine! Die Stadt Byblos, 37 Kilometer nördlich von Beirut, nimmt für sich in Anspruch, die älteste ständig bewohnte Stadt der Welt zu sein und bis etwa 7000 vor Christus zurückzureichen. Wegen der langen Mittelmeerküste neigen die Libanesen dazu, sich nach aussen zu orientieren und offen zu sein. Das hat ihnen geholfen, eine vielfältige Kulinarik zu entwickeln.

Im Libanon befinden sich die am höchsten gelegenen Rebberge der nördlichen Halbkugel. Das Weingut Ixsir liegt am höchsten und produziert seinen exzellenten «Grande Reserve Red» auf etwa 1800 Metern über Meer. In diesen Breitengraden ist die Höhe mit ihren kühleren Temperaturen entscheidend für die Herstellung erstklassiger Weine. Die meisten Rebberge der berühmtesten Weinregion des Landes, dem Bek’aa-Tal, liegen zwischen 1000 und 1800 Metern. Das dortige Klima ist warm, trocken und windig. Zudem schwanken die Temperaturen im Sommer zwischen Tag und Nacht erheblich, um mindestens 20 Grad Celsius. Das trägt dazu bei, den Weinen ihre köstlichen reifen Aromen, ihre geschmeidigen Tannine und ihre überraschende Frische zu verleihen. Diese Bedingungen sind ideal für den Anbau reiner und von Erkrankungen freier Trauben. Deshalb produzieren viele der Weingüter in dieser Gegend biologisch.

Die interessantesten Weine aus dem Libanon sind eindeutig die roten. Die weissen neigen zu höchst reifen und attraktiven exotischen Fruchtcharakteren, aber auch zu einem zu geringen Säuregehalt. Dadurch erscheinen sie rund und nicht inspirierend. Die roten Weine hingegen sind beeindruckend. Die bedeutendste Sorte ist Cabernet Sauvignon. Die interessantesten Ergebnisse gibt es, wenn sie mit kleineren Anteilen von Merlot, Cinsault, Carignan und Syrah verschnitten wird. Einige sehr gute Beispiele sind der rote Château Musar vom berühmtesten libanesischen Weingut, dessen Weine dreissig Jahre oder länger in Flaschen reifen; oder der Rotwein Château Ksara, der Vorzeigewein der ältesten und grössten libanesischen Kellerei. Empfehlenswert sind auch der Litaj-Rotwein von Latourba, einer jungen Winzerei im westlichen Bek’aa-Tal, der volle, erdige und komplexe Rotwein Domaine Wardy Château les Cedres oder Domaine des Tourelles, ein lebhafter, dunkler, tieffruchtiger, roter Verschnitt. Etwas ganz anderes und eine wahrlich «spirituelle» Erfahrung bietet «Le Jardin Secret» vom sinnträchtig benannten Château Cana, gelegen im Libanongebirge, wo Jesus bei der Hochzeit zu Kana Wasser in Wein verwandelt haben soll. Der seidig-geschmeidige, dunkel-fruchtige, würzige Rotwein wird aus der lokalen Sabbaghieh-Traube hergestellt und ist eine wirkliche Offenbarung!

Tipps

> Domaine Wardy les Terroirs 2012, 17.90 Franken, www.terroir-ist.ch

> Ixsir Grande Reserve 2011, 35 Franken, www.globalwine.ch

> Château Musar rot 2010, 39.50 Franken, www.boucherville.ch

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