An sich ist die Bezeichnung Etiketten-Trinker unter den Weinliebhabern ein ziemliches Schimpfwort: Es bezeichnet Leute, die nur aufgrund der Etiketten auswählen. Dieser Weg ist nicht in jedem Fall falsch und wird oft auch von Profis gewählt, die dabei aber – wie vielleicht Laien – nicht nur aufs ansprechende Bild achten.

Besonders wenn ich auf Reisen bin, suche ich unbekannte Kredenzen: Wenn ich dann im Laden vor einem Sortiment mit mehreren hundert Flaschen stehe, spielt eben die Etikette, neben dem Preis, oft eine entscheidende Rolle. Ich lag meist richtig: Irgendwie weist die Gestaltung der Etikette auch auf die Philosophie des Weinproduzenten und damit auf den Flascheninhalt hin. Denn die Etikette ist wie die Visitenkarte des Weines oder vielmehr des Weinproduzenten.

Nicht zuletzt aus diesem Grund hat auch der Innerschweizer Weinproduzent Toni Ottiger die Etiketten seiner Weine radikal neu gestaltet: Ab sofort präsentieren sich seine Flaschen mit einer schlichten Etikette, die vom O seines Namens dominiert wird. «Meine Weine sollen auch optisch aus der Masse herausragen und den Wiedererkennungseffekt erhöhen», erklärt Ottiger.

Das Lesen einer Etikette wird dem Weinliebhaber oft nicht leicht gemacht: Die gesetzlichen Vorschriften sind je nach Land und Weinregion sehr verschieden und mehr oder weniger streng. So steht bei deutschen und österreichischen Weinen sowie Kredenzen aus Übersee die Rebsorte meist prominent auf der Etikette. Das erlaubt schon einen ersten, entscheidenden Hinweis auf den Flascheninhalt. In der Schweiz werden die Rebsorten zwar immer öfter angegeben, doch bei den mengenmässig grössten Weinen sucht man den Hinweis vergebens: Nicht allen Weintrinkern ist bewusst, dass die Fendants und Grands Crus aus der Waadt beide aus der gleichen Sorte (Chasselas) gekeltert werden und dass ein Dôle eine Cuvée aus Pinot noir und Gamay ist.

Bei Qualitätsweinen aus Frankreich, Italien und Spanien fehlt die Rebsorte meist (oder sie befindet sich im Kleingedruckten auf der Rückseite). In diesen Ländern zählen an erster Stelle die Lage und der Produzent. Bordeaux werden nicht als Cuvées von Merlot und Cabernet Sauvignons und die Burgunder als Pinot noir vermarktet, sondern unter dem klingenden Namen von Appellationen, Crus, Lagen oder Châteaux.

Wer wissen möchte, ob er es mit dem Wein eines Guts oder dem Produkt eines Massenabfüllers zu tun hat, sucht nach dem Abfüller. Wird auf den Erzeuger hingewiesen, handelt es sich meist um ein Einzel-Produkt. Steht da eine Nummer, eine Handelsgesellschaft oder «abgefüllt für», deutet dies auf grössere Quantitäten hin. Allerdings: Schmecken kann beides.

Eine Lagenbezeichnung kann eine Marketingmassnahme sein oder auf einen bedeutenden Weinberg verweisen. Da muss man sich gut auskennen, besonders bei Weinen aus dem Burgund. Da sind klingende Namen bekannter Lagen keine eindeutige Qualitätsgarantie. Vor allem kommt es auf den einzelnen Produzenten an. Man sollte sich von klingenden Fantasienamen oder Abbildungen von imposanten Châteaux nicht beeinflussen lassen, ausser man kann diese konkreten Produzenten oder offiziellen Klassifizierungen zuweisen.

Der Alkoholgehalt, der in Volumenprozenten angegeben sein muss, gibt einen Hinweis, ob es sich um einen leichten (bis ca. 12,5%) oder eher schweren Wein handelt. Dieser ist ein Naturprodukt, das jedes Jahr je nach Wetter ausfällt. Obwohl die Winzer die Tendenz haben, jeden Jahrgang als einmalig zu bezeichnen: Der Hinweis auf einen bestimmten Jahrgang kann aufschlussreich bezüglich der Qualität sein. Fehlt der Jahrgang, dann handelt es sich um mindere Qualität, ausser beim Champagner.

Auch Herkunftsbezeichnungen wie AOC, DOV oder ITG garantieren nicht für Qualität. Sie weisen nur darauf hin, dass der Wein auch einer bestimmten Weinregion stammt und gemäss gewissen minimalen Vorgaben produziert wurde.

Fast wichtiger als die Etikette auf der Vorderseite ist bei der Wahl eines unbekannten Weins diejenige auf der Rückseite. Sie sollte Hinweise auf den Wein enthalten: Besonderheiten einer bestimmten Lage, die Zusammensetzung bei Cuvées oder Dauer des Ausbaus im Eichenfass. Wird auf der Contre-Etikette nur allgemein von selektionierten Trauben und traditionellen Methoden ohne konkrete Angaben geschwafelt, heisst das: Hände weg, auch wenn die Hauptetikette grafisch noch so vielversprechend ist.

Im Weinmuseum im Château d’Aigle wurde dieser Tage eine Ausstellung «L’étiquette en folie – Les visages du vin» mit 600 Etiketten aus aller Welt eröffnet. www.chateauaigle.ch