Der Weg des Wildbiologen führt in eine Schlucht nicht weit von der iranischen Grenze. Der Pfad ist von dichtem Gestrüpp gerahmt. Christusdorn- und Wacholderbüsche, wilde Feigen, Mandel- und Walnussbäume ragen zwischen von Flechten überzogenen Felsbrocken auf. Ein aufgeschrecktes Chukarhuhn flieht gackernd ins Unterholz.

«Hier war heute Nacht ein Bär unterwegs», sagt Alexander Malkhasyan und deutet auf einen Kothaufen auf dem Weg, «er hat wohl von den Maulbeeren und Granatäpfeln in den Obstgärten weiter unten im Tal genascht.» Meister Petz hat längst reissausgenommen.

Der Wildtierforscher ist unterwegs in den Bergen im äussersten Süden Armeniens. Die Gebirgstäler und alten Eichenwälder des Arevik-Nationalparks und des angrenzenden Shikahogh-Reservats sind Heimat für etliche Tiere, die anderswo längst selten geworden sind. Neben Bären streifen noch immer Luchse und Wölfe durch die entlegene Bergwelt. Die bedrohten Armenischen Mufflons und Bezoarziegen haben hier einen Rückzugsort gefunden.

Malkhasyan ist heute jedoch wegen eines anderen Tiers in die Schlucht bei dem Bergdorf Nrnadzor gekommen. Auf lautlosen Pranken erobert der Kaukasus-Leopard sein altes Revier zurück. Vom Iran aus besiedelt er inzwischen wieder einige Gebiete in den unzugänglichen Bergregionen Armeniens zwischen Aserbaidschan und der Autonomen Republik Nachitschewan. Die Tiere, die einst über den Kaukasus bis nach Europa streiften, schienen um die Jahrtausendwende ausgestorben. Als 2003 ein Leopard in eine Fotofalle tappte, feierten Naturschützer dies als eine Sensation.

Neo sucht neues Territorium

Malkhasyan hat ebenfalls eine solche besondere Falle im Gepäck. «Mit den Kamerafallen können wir jedes einzelne Tier identifizieren», sagt er, «wir erkennen sie anhand ihrer Fleckenmusterung». Mindestens zehn Tiere kann der WWF Armenien inzwischen mithilfe der Aufnahmen unterscheiden. Streift eines davon vielleicht gerade durch die Berge gar nicht weit von hier?

Neben einem wuchtigen Felsklotz packt Malkhasyan seine Ausrüstung aus dem Rucksack. «An Stellen wie dieser lohnt sich das Aufstellen der Kameras, weil die Tiere sie nur schwierig umgehen können.» Der Wildbiologe entfernt das hohe Gras vor einem Busch und befestigt ein handgrosses Kästchen an einem Stamm. Tappt ein Tier in den Infrarotstrahl des Bewegungsmelders, löst das automatisch die Kamera aus. Meist erwischt der Forscher nur Füchse, Schakale oder Steinmarder. Erscheint tatsächlich ein Leopard auf dem Bildschirm, nachdem Malkhasyan seine Fotokarten in den Laptop schiebt, ist die Freude noch immer riesig.

Wie im Februar 2018, als eine Kamerafalle völlig überraschend im Chosrow-Reservat nahe der Hauptstadt Jerewan einen Leoparden knipste. Neo, wie Naturschützer den abenteuerlustigen Wanderer nannten, wurde wahrscheinlich als Erster seiner Art überhaupt seit Jahrzehnten im Zangezur-Gebirge an der Grenze zwischen Armenien und Nachitschewan geboren. Wie bei männlichen Leoparden üblich, machte er sich auf die Suche nach neuen Territorien auf uralten Wildpfaden über das armenische Hochland in Richtung Grosser Kaukasus. «Niemand weiss, wie Neo nach Chosrow kam», sagt Malkhasyan, «es ist wirklich unglaublich, dass er diese Reise überhaupt geschafft hat.»

Ob Neo einen der schwefelgrünen, nach Faulgasen stinkenden Gebirgsströme bei Meghri durchschwamm? Ob er von weitem einen Blick auf die Industrieruinen und verfallenden Arbeiter-Wohnblöcke von Kapan warf? Mit Sicherheit aber sah er die nackten Felshänge, die die Kupferminen wie klaffende Wunden in den Bergwäldern hinterlassen haben. Die politisch nach wie vor instabile Situation der Kaukasus-Länder hat auch für die Natur harsche Konsequenzen. Landminen und Stacheldraht entlang umstrittener Grenzen fordern auch von der Tierwelt ihren Tribut. «Wenn der Konflikt nicht beendet werden kann, sieht es auch für die Leoparden schwierig aus», sagt Malkhasyan.

Gesänge und eine Krone

Wer jedoch den alten Wanderpfaden der Leoparden von der armenisch-iranischen Grenze nach Norden folgt, durchquert nicht nur von Ausbeutung gezeichnete Landschaften. So hässliche Narben der Mensch mancherorts hinterlassen hat, so atemberaubend schön ist die Bergwelt andernorts. An einige der wolkenverhangenen Eichen- und Wacholderwälder im Arevik-Nationalpark wurde nie eine Axt angelegt. Im Rauschen der uralten Platanen von Shikahogh sollen weise Frauen einst das Schicksal von Pilgern gelesen haben. Über die windgepeitschten Hochebenen und Pässe Südarmeniens blickt man auf schneebedeckte Gebirge und bei klarem Wetter bis zum Berg Ararat, der heute jenseits der Grenze zur Türkei liegt.

An so manchem einsamen Wanderweg erinnern noch heute die berühmten Kreuzsteine mit ihren filigranen Ornamenten an eine fast vergessene Steinmetzkunst. Überall stösst man auf verfallene Kirchen und vom Gestrüpp überwucherte Ruinen. Das auf einem Felsvorsprung errichtete Tatew-Kloster und das hinter roten Klippen verborgene Kloster Norawank in der Amaghu-Schlucht sind besonders eindrückliche Zeugen der ältesten Staatskirche der Christenheit.

An einem Sonntagmorgen in einer der alten Kirchen die Messe mitzuerleben, ist ein eindrückliches Erlebnis. Wenn etwa die Gläubigen im Sewanawank-Kloster am gewaltigen Sewansee ihre Gesänge anstimmen, wähnt man sich fast auf einer Zeitreise. Weihrauch steigt zu der vom Russ Abertausender Kerzen geschwärzten Surb-Arakelots-Kirche auf, deren Fundamente aus dem 9. Jahrhundert stammen. Der mit einem goldenen Mantel gewandete Klostervorsteher trägt eine üppige Krone während der Liturgie.

Auf dem Markt von Sewanawank zeigen die Wölfe ihre Zähne.

Auf dem Markt von Sewanawank zeigen die Wölfe ihre Zähne.

Wie die Kulisse eines Märchenfilms versteckt sich das Kloster Haghartsin im Bergwald des Dilijan-Nationalpark. Die Anlage aus dem 10. Jahrhundert wurde in ihrer bewegten Geschichte mehrmals zerstört und wiederaufgebaut. Heute ist sie ein beliebtes Ziel von Touristen, die mit dem Reisebus oder auf einsamen Wanderwegen hierherkommen. Wer den Nationalpark im Frühling zu Fuss erkundet, wird beeindruckt sein von der Vielfalt und Farbenpracht der Wildblumen und Schmetterlinge. Vogelfreunde können hier mehr als 150 verschiedene Arten beobachten.

Naturschutz ohne Grenzen

In der seit Jahrhunderten umkämpften Vielvölkerregion des Kaukasus scheint ein friedliches Miteinander weiter schier unmöglich. Seit dem Genozid an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs hat es keinen nennenswerten Dialog zwischen Jerewan und der Türkei gegeben. Aserbaidschan und Armenien stehen sich wegen des ungelösten Konflikts um Bergkarabach ebenfalls feindselig gegenüber. An eine Lösung der angespannten Situation scheint derzeit niemand wirklich zu glauben. Touristen werden von dem Konflikt jedoch kaum etwas mitbekommen. Mit Ausnahme des unmittelbaren Grenzgebiets zu Aserbaidschan und in der Region Bergkarabach bestehen keine Reiseeinschränkungen. Armenien gilt weithin als sicheres Reiseland.

Anders als Politiker und Ökonomen halten Umweltschützer seit langem einen Dialog aufrecht, um das gemeinsame Naturerbe zu erhalten. Im Dezember trafen sich in Georgiens Hauptstadt Tiflis erneut Artenschützer, Wissenschafter und Regierungsvertreter aus Russland, Georgien, Armenien, Aserbaidschan und der Türkei, um einen Naturschutzplan für den Kaukasus weiterzuentwickeln. «Naturschutz kann dazu beitragen, Konflikte zu lösen», sagt Aurel Heidelberg vom WWF Kaukasus. «Wenn es um die Leoparden geht, sind sich alle einig, zusammenzuarbeiten.»