Selbsthilfe

Was Stotterer gegen die Angst vor dem Sprachfehler machen können

Stottern ist meist kein psychisches Problem, kann aber dazu führen, dass sich Betroffene zurückziehen.

Stottern ist meist kein psychisches Problem, kann aber dazu führen, dass sich Betroffene zurückziehen.

Stottern kann auf die Psyche schlagen. Aus Furcht vor Blamagen verdrängen viele ihre Redeflussstörung. Ein Besuch in der Selbsthilfegruppe.

Alle warten auf ihre ersten Worte. Die blonde Frau steht ruhig da, legt die Hände vor den Bauch und atmet tief ein. Dann beginnt sie zu reden. Sie spricht nicht zu schnell und nicht zu langsam. Ihre Worte sind betont, nicht mechanisch, aber bewusst. Ihre Gesten unterstützen den kurzen Vortrag über Lautbildung. Fast nicht vorstellbar, dass sie vor einigen Jahren kaum einen Satz ohne Stottern über die Lippen gebracht hat. Nach ihrem Vortrag setzt sich die Frau, die hier nur unter dem Namen Erika bekannt ist, zu den anderen Teilnehmenden der Selbsthilfegruppe Versta (Vereinigung für Stotternde und Angehörige) in Olten.

Erika hat eben eine Sprachklippe erfolgreich überwunden und nicht umschifft. Denn: Alleine in einem ruhigen Zimmer stottert niemand. Doch Reden unter Stress führt bei vielen Stotterern auch nach Jahren Therapie zu einem Stotteranfall oder zum Ausweichen auf Worte, die leichter über die Lippen kommen.

Unser Sprechen ist ein Meisterwerk neuromotorischer Koordination: Nur um den Buchstaben «A» auszusprechen, müssen sich 160 Muskeln in Millisekunden bewegen. Doch diese Koordination ist für die rund 80 000 Stotterer in der Schweiz ein Problem. Dabei sind Auslöser und Symptome von Person zu Person unterschiedlich. Die allermeisten stottern seit ihrer Kindheit. Dabei sind viermal mehr Buben als Mädchen von der Redeflussstörung betroffen. Die einen ziehen Buchstaben in die Länge, andere wiederholen einzelne Buchstaben und wieder andere haben eine Blockade mitten im Wort. Noch immer ziehen viele Zuhörer unbewusst den Trugschluss, dass Personen, die nicht flüssig reden, auch nicht klar denken können.

Tipps für Stotterer von Stotter-YouTuber P. Lechner:

Angst vorm Stottern? Warum? Tipps für Stotterer von Patrick Lechner.

Ein Vorurteil, das Wolfgang Braun, Dozent an der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich, ärgert. «Die Ursache für das Stottern ist meist organischer Art, nicht psychischer, wie man lange dachte», sagt er. Aus Angst, sich im nächsten Satz zu blamieren, können sich bei Stottern allerdings psychische Probleme entwickeln: etwa Angst vor Sprechsituationen, Scham oder Unsicherheit. Deshalb ziehen sich viele zurück oder vermeiden «gefährliche» Buchstaben.

Für die einen kann «B» ein gefährlicher Buchstabe sein, dann sagen sie beispielsweise «Tanne» statt «Baum». Bei den anderen ist es «G», «E» oder ein weiterer beliebiger Buchstabe. So wird es immer schwieriger, die Vermeidungs-Strategie durchzuführen. «Der eigene Namen ist die schlimmste Hürde für viele Stotterer», sagt Beat Meichtry, Abendleiter der Selbsthilfegruppe. Denn bei diesem ist Ausweichen unmöglich.

Sprechen soll Spass machen

«Ziel des heutigen Abends ist, dass die Teilnehmenden nicht vor Angst blockiert sind, sondern wieder Spass an der Sprache haben», sagt Meichtry. Deshalb beginnt der Gruppenabend mit einem Apéro und Smalltalk. Die Anwesenden erzählen von ihren Erlebnissen mit den unterschiedlichsten Therapieansätzen, die sie hinter sich haben. Tobias beispielsweise wurde in der Schule zusammen mit lernschwachen Kindern in einer Art Nachhilfe unterrichtet. Er verstand den Schulstoff zwar gut, konnte sich aber nicht so flüssig wie seine Mitschüler ausdrücken.

Nebst diesen Nachhilfestunden fuhren seine Eltern mit ihm durch die halbe Schweiz zu anderen Therapeuten. Irgendwann habe er sich geweigert, an weiteren Therapiesitzungen teilzunehmen. Erst als ihn sein Chef vor zwei Jahren auf die Sprechstörung ansprach, entschied er sich, nochmals einen Versuch zu wagen. «Man muss selbst wollen, sonst kommt man nicht weiter», sagt er im Rückblick. Er war damals Ende zwanzig als er endlich an ein Versta-Treffen ging und ihm zum ersten Mal bewusst wurde, dass auch andere Stottern.

Beratung und Seminare

Versta, die Vereinigung für Stotternde und Angehörige, entstand 1987. Sie bietet Beratung, Seminare und Erfahrungsaustausch für Betroffene in mehreren Schweizer Städten. Die Anlaufstelle wird mitunter von Bundesgeldern finanziert. Das Ziel der Methode von Versta ist, die Freude an der freien Sprache zurückzugewinnen, ohne die Sprechweise zu verändern. Dazu muss die Erwartungsangst vor dem Sprechen ins Gleichgewicht kommen.

Dabei dient die Atmung als Hinweis für Anspannung, die natürliches Sprechen verunmöglicht. Denn: Atemhemmung kann zur Sprachhemmung führen und diese wiederum zu Angst vor dem Versagen beim Reden. «Die Angst vor den Stolpersteinen muss ersetzt werden durch gute Erfahrungen und Spass an der Sprache», sagt Beat Meichtry. Dabei spricht er aus eigener Erfahrung. Bis 28 galt er selbst als therapieresistent. Das ist Jahrzehnte her, heute geniesst er die freie Sprache und leitet die Versta-Geschäftsstelle.

Atmung als Therapieansatz

Der Heilpädagoge und Dozent Wolfgang Braun sagt, die Atmung sei ein Therapieansatz, den man verfolgen könne. Doch grundsätzlich müsse jeder individuell therapiert werden. Den einen hilft das Dehnen von Vokalen, den anderen das gebundene Sprechen. Bei Letzterem werden die Wörter innerhalb einer Ausatemphase verbunden, sodass die Sprechorgane, wie die Lippen und die Zunge, dauerhaft in Bewegung sind. «In den letzten Jahren wurden viele neue Therapieansätze für Stotterer entwickelt und publiziert», sagt er. Heute wird viel Gewicht auf die Früherkennung von Redeflussstörungen gelegt. «Je früher man die Kinder therapiert, desto besser sind die Heilungschancen», sagt Braun. Von den neuen Erkenntnissen konnten die Teilnehmer der Versta-Selbsthilfegruppe in ihren Jugendjahren noch nicht profitieren.

«Ich stotterte wieder mehr diese Woche», sagt Tobias in der Befindlichkeitsrunde nach dem Apéro. «Ich habe dann einfach mehr geschlafen und wieder bewusster auf die Atmung geachtet.» Es habe wohl an der Frühjahrsmüdigkeit gelegen.

Rückfälle sind normal

Auch nach Kursen und vielen Jahren Übung gehören Rückfälle dazu. Die Teilnehmer scheinen diese aber sportlich zu nehmen. Als ein Teilnehmer während des Abends zu stottern beginnt, unterbricht ihn niemand. Es dauert nur kurz, schon hat er sich wieder gefangen und redet den Satz zu Ende.

«Ich hasse es, wenn jemand meinen Satz beendet», sagt Tobias. Dann fühle er sich total eingeengt. Stotterer wollen wie normale Gesprächspartner behandelt werden. Man solle ihnen nur ein wenig Zeit geben.

Für die nächste Übung stehen alle im Kreis und lesen vorgedruckte Sätze. «Was macht ihr hier überhaupt?», liest Erika scheinbar entsetzt und verwirft die Hände. «Ich muss jetzt nach Hause», antwortet Tobias und dreht sich auf dem Absatz. Beide lachen. Zugegeben, die Gesten und die Betonung sind überspitzt. Doch reden soll ja Spass machen.

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