Schweden

Was die Schweiz punkto Kinderbetreuung von Pippi Langstrumpf lernen kann

Keck und neugierig wie Vorbild Pippi Langstrumpf: In Schweden sind Vorschulen ein wichtiger Teil des Bildungssystems. www.plainpicture.com

Keck und neugierig wie Vorbild Pippi Langstrumpf: In Schweden sind Vorschulen ein wichtiger Teil des Bildungssystems. www.plainpicture.com

Schweden ist in Sachen frühkindlicher Förderung ein Vorbild. Hier ist nicht von Kosten die Rede, sondern von Investitionen. Die schwedische Vorschule ist fast nationales Heiligtum. Davon könnte auch die Schweiz profitieren.

Familienpolitik ist in der Schweiz «en vogue». Kaum ist die Abstimmung über den Familienartikel durch, stehen die verschiedenen Parteien mit weiteren Initiativen und Vorstössen an. Demnächst wird das Volk über die SVP-Familieninitiative abzustimmen haben. Zwei Volksbegehren der CVP kommen in den nächsten Jahren vor die Urne. Und auch die SP ist aktiv: Während sich Justizministerin Simonetta Sommaruga für einen Vaterschaftsurlaub starkmacht, setzt sich Innenminister Alain Berset für den Elternurlaub ein. Zudem will die Partei eine Initiative zur Familienförderung lancieren.

Noch viele Fragen offen

Es verwundert nicht, dass nach dem Nein zum Familienartikel im vergangenen März das Thema nicht einfach vom Tisch ist. Denn viele Fragen sind weiterhin offen: Wie viel Verantwortung und Kosten für die Kinder soll der Staat übernehmen? Sollen Krippenplätze in erster Linie wirtschaftlich schlechter gestellten Familien vorbehalten sein? Soll die Familienpolitik Berufstätigkeit und Wiedereinstieg von Frauen fördern? Einigkeit herrscht vor allem über einen Punkt: Alle sind für die Förderung von Familien und Kindern. Doch bitte mit möglichst wenig Kosten und Mitsprache des Staats.

Ein Blick über die Grenze zeigt, dass die Schweiz einiges an Nachholbedarf hat. Wer über Qualität in der frühkindlichen Förderung spricht, blickt nach Schweden. Ausgerechnet Schweden, das vor wenigen Monaten erst durch seine Jugendkrawalle für Schlagzeilen sorgte? «In Sachen Vorschulen, sprich Bildungskrippen, ist Schweden nach wie vor die Benchmark», ist SP-Politikerin Jacqueline Fehr überzeugt.

Die Familienpolitikerin reist beruflich und privat oft nach Schweden und setzt sich regelmässig mit Vertretern des schwedischen Bildungsministeriums über Bildungs- und Kinderbetreuungsfragen auseinander. So lud sie kürzlich im Auftrag des Vereins Stimme Q eine Handvoll Journalisten nach Stockholm, um ihnen einen konkreten Einblick ins schwedische Vorschulsystem zu geben. Der Verein Stimme Q hat sich zum Ziel gesetzt, die Diskussion über die Qualität in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung ins Gespräch zu bringen. «Einmal sehen ist besser als tausendmal hören», ist Fehr überzeugt.

Die staatliche Betreuung für Kinder zwischen einem und fünf Jahren besteht in Schweden bereits seit 1975. Die Umbenennung von Dagis (Kindertagesstätte) auf Förskola (Vorschule) zeigt, dass die Vorschulen ein wichtiger Teil des Bildungssystems sind. Der Besuch ist zwar freiwillig, doch sind rund 85 Prozent aller Kinder unter der Woche in einer Vorschule. Dies hat die schwedische Gesellschaft einschneidend verändert.

«Nur-Hausfrauen» gibt es in Schweden kaum mehr. «Das ist hier schlicht keine Option», sagt Benita Funke, fünffache Mutter, Politikerin und Kulturbeauftragte in der Schweizer Botschaft in Stockholm. Es sei für sie klar, auch ihren Teil zum Familieneinkommen beizutragen. Entsprechend liegt die Frauenerwerbsquote bei 85 Prozent, bei Frauen mit Kindern sogar noch höher. Teilzeitarbeit ist kaum verbreitet. In der Schweiz dagegen arbeiten rund zwei Drittel aller Mütter mit einem Kind unter vier Jahren gar nicht oder weniger als 50 Prozent.

Errungenschaft «Förskola»

«Schweden hat schon in den 1950er-Jahren erkannt, dass es eine gute Familienpolitik braucht, um die Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu haben», erklärt Ursula Armbruster, ehemalige Oberregierungsrätin im schwedischen Bildungsministerium. Entsprechend stolz ist man auf die Errungenschaft «Förskola». «Für uns Schweden sind sie ähnlich identitätsstiftend wie in der Schweiz die SBB», sagt sie. Das System und der Glaube daran, dass man den Kindern damit Gutes tue, sei enorm gross.

Das spürt man auch in der Förskola Täppan im Stockholmer Stadtteil Söder. In diesem Wohnquartier der Mittelklasse nimmt die Vorschule das gesamte Parterre der Überbauung ein. Man fühlt sich in die Welt von Pippi Langstrumpf versetzt. Bunt, fantasievoll, kindgerecht sind die Räume eingerichtet. «Die Kinder werden hier beim Spielen in ihrer Entwicklung gefördert und unterstützt», erklärt Betreuerin Yvonne Hohlén.

Jedes Kind hat ein eigenes, detailliertes «Portfolio», in dem Zeichnungen, Gesprächsaufzeichnungen, Fotos und Erzählungen mit und von den Kindern gesammelt werden. Zweck ist nicht allein, die verschiedenen Lehrstadien aufzuzeichnen, sondern vor allem auch, den Eltern die Entwicklung des Kindes zu dokumentieren. Der Einbezug der Eltern ist in den Vorschulen sehr wichtig und intensiv. «Schliesslich ist die Familie in Schweden trotzdem heilig», weiss Ursula Armbruster.

Günstig ist diese Art von Kleinkinderbetreuung nicht. Zwei Prozent des Bruttoinlandproduktes (rund 8 Milliarden Franken) investiert der schwedische Staat jährlich in die vorschulische Betreuung. Die Pisa-Studie, in welcher die schwedischen Grundschüler immer wieder mit Bestnoten herausstechen, und die gute Integration von Kleinkindern mit Migrationshintergrund sind Beweise dafür, dass sich dies lohnt. «So spricht man hier auch nicht von Kosten, sondern von Investitionen», sagt Jacqueline Fehr. Eine Haltung, die auch die Schweiz übernehmen sollte. «Es ist wichtig, einen Bildungsraum zu schaffen, der vom Kleinkind bis ins Erwachsenenalter geht.» Denn Lernen ist schliesslich umfassender zu verstehen, als bloss in der Schulbank zu sitzen.

Fehr hat deshalb ein Postulat eingereicht, das den Bundesrat beauftragt, einen Wissensaustausch mit Schweden im Bildungsbereich ins Leben zu rufen. «Es geht dabei darum, zu zeigen, dass in einem vergleichbaren Land eine andere Realität in Bezug auf die familienergänzende Kinderbetreuung herrscht.» Eins zu eins lässt sich diese nicht übernehmen, dessen ist sich auch die Politikerin bewusst. «Jedes Land hat politische Exportprodukte, Schweden die Vorschulpädagogik, die Schweiz das Berufsbildungssystem.» Davon könnten wiederum die Schweden profitieren.

Wirtschaft soll sich mehr beteiligen

Die Schweiz hat zweifellos in den vergangenen Jahrzehnten in Sachen familienergänzender Kinderbetreuung aufgeholt. Vor allem in den Städten, wo man die kritische Masse erreicht hat, damit solche Institutionen wirtschaftlich funktionieren. Durch die Finanzhilfe des Bundes wurden in den letzten zehn Jahren gesamtschweizerisch knapp 40 000 Betreuungsplätze geschaffen. Fehr: «Noch ist das aber längst nicht flächendeckend, vor allem in ländlichen Gebieten nicht.»

Rund 90 Prozent aller Kindertagesstätten sind privat organisiert. Die finanzielle Hauptlast liegt heute bei den Eltern. Schätzungen zeigen, dass sie rund 80 Prozent der Kosten für die familienergänzende Kinderbetreuung im Vorschulalter bezahlten. Die öffentliche Hand übernimmt den Rest. Zum Vergleich: In Schweden zahlen die Eltern 9 Prozent. Der Rest wird über Steuern finanziert, darunter 22 Prozent Unternehmenssteuern.

Deshalb hat Jacqueline Fehr zudem eine Interpellation eingereicht, die mehr Engagement seitens der Wirtschaft für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fordert. «Es kann nicht allein Privatsache und Staatsaufgabe sein, auch die Unternehmen müssen sich mehr beteiligen.» Schliesslich profitieren sie davon, dass insbesondere die Mütter den Job nicht aufgeben oder stark reduzieren müssen.

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