Vor einem Jahr begann ein neues Pontifikat, das die katholische Kirche schon in den ersten Wochen grundlegend verändern sollte. Als der neu gewählte Papst Franziskus am 13. März 2013 um 20.22 Uhr in der Loggia des Petersdoms erschien, trug er statt des traditionellen Goldkreuzes ein einfaches Eisenkreuz vor der Brust. Er lächelte verlegen, bezeichnete sich als «Papst vom anderen Ende der Welt» und bat die Gläubigen demütig um den «Gefallen», erst still für ihn zu beten, ehe er den Segen spendet.

Viele ahnten schon bei diesem ersten Auftritt, was der «Corriere della Sera» am nächsten Tag so formulierte: «Die Kirche hat eine 2000-jährige Geschichte, aber sie kann in fünf Minuten revolutioniert werden: Genau das geschah gestern zwischen 20.22 und 20.27 Uhr.»

Das erschien zunächst etwas allzu euphorisch. Doch tatsächlich war an der Wahl des heute 77-jährigen Jorge Mario Bergoglio alles neu und historisch: Zum ersten Mal war ein Nicht-Europäer zum Papst gewählt worden, zum ersten Mal setzte sich ein Angehöriger des Jesuitenordens auf den Papstthron, zum ersten Mal wurde ein neuer Papst gekürt, während sich der alte Papst im Fernsehen die Wahl seines Nachfolgers zu Gemüte führte. Und zum ersten Mal hatte ein Papst den Mut, mit seinem Namen symbolisch in die Fussstapfen des heiligen Franz von Assisi zu treten. Der Bettelmönch aus Umbrien, sagte Bergoglio später einmal, sei für ihn «ein Mann der Armut, der Mann des Friedens, der Mann, der die Schöpfung liebt und bewahrt. Ach, wie möchte ich eine arme Kirche für die Armen!»

Die Dogmen bleiben

Franziskus forderte von seiner Kirche und besonders von der Kurie mit Worten und Gesten vom ersten Tag an ein radikales Umdenken: «Die erste Reform muss die der Einstellung sein.» Was die Kirche heute brauche, sei «die Fähigkeit, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen», betonte er in einem Interview mit der Jesuitenzeitschrift «Civiltà Cattolica». Das Volk Gottes wolle Hirten und nicht Funktionäre oder Staatskleriker.

Im gleichen Interview machte Bergoglio aber auch deutlich, dass er bei aller Offenheit nicht daran denkt, die Dogmen und die katholische Sexualmoral über Bord zu werfen: «Man kennt die Ansichten der Kirche, und ich bin ein Sohn der Kirche.» Aber: Wer ständig die Bestrafung in den Vordergrund stelle und «in übertriebener Weise die Sicherheit in der Lehre suche», wer sich verbissen nach einer «verlorenen Vergangenheit» zurücksehne, der habe eine rückwärtsgewandte Vision. Auf diese Weise werde der Glaube eine Ideologie unter vielen. Und auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro sagte Franziskus gegenüber Journalisten einen Satz, den vor ihm noch nie ein Papst gesagt hatte: «Wer bin ich denn, dass ich einen Homosexuellen verurteilen kann?»

Mehr Barmherzigkeit und Verständnis fordert Franziskus auch für Frauen, die abgetrieben haben, und für wiederverheiratete Geschiedene: Ein guter Beichtvater bewerte jeden Fall für sich und könne unterscheiden, was das Richtige für einen Menschen sei, der Gott und seine Gnade suche. «Der Beichtstuhl ist kein Folterinstrument, sondern der Ort der Barmherzigkeit.» An der ausserordentlichen Bischofssynode im Herbst könnte ein umstrittenes Tabu fallen, das Millionen von Gläubigen betrifft: das Verbot für wiederverheiratete Geschiedene, an der Kommunion teilzunehmen.

Keine einsamen Entscheide

Als alleiniger Souverän einer der letzten absoluten Monarchien der Welt könnte Franziskus seine Reformen einfach befehlen. Einsame Entscheide sind freilich nicht seine Art. Deshalb hat er eine Kommission von acht Kardinälen ins Leben gerufen, die ihn bei der Kurienreform berät. Mehr Mitsprache sollen auch die Ortskirchen erhalten: Franziskus will die Bischofssynode zu einer Art permanentem Beratungsgremium aufwerten. Auch die Gläubigen selber werden gefragt: Mit Blick auf die Synode im Herbst hat der Vatikan - ein einmaliger Vorgang in der Kirchengeschichte - einen Fragebogen verschickt, in dem die katholische Basis ihre Anliegen an die Kirche namentlich in Fragen der Sexualmoral formulieren konnte.

In einem Bereich hat der neue Papst schnell und gründlich durchgegriffen: Bei den Vatikanfinanzen und insbesondere bei der Vatikanbank IOR. Beim «Istituto per le Opere di Religione» wurde die gesamte Führung ausgewechselt, zwei von Franziskus eingesetzte Kommissionen, die US-Bankenprüfungsgesellschaft Promotory sowie der Schweizer Anti-Geldwäsche-Spezialist René Brülhart klopfen das IOR auf verdächtige Konten ab. Bereits wurden Hunderte von undurchsichtigen Kundenverbindungen gekündigt. Erstmals wurde auch eine Bilanz publiziert.

Mit seiner Offenheit, seinem Einsatz für die Armen, seinen permanenten Extratouren abseits des vatikanischen Protokolls, mit seiner einfachen, mitunter fast kumpelhaften Art hat Franziskus die Herzen der Katholiken und auch zahlreicher Nicht-Katholiken im Sturm erobert. Auf Twitter hat er zwölf Millionen Follower, er wurde «Man of the Year» des «Time Magazine», es gibt Franziskus-Comics und in Italien ein Papst-Klatschheft aus dem Hause Berlusconi.

Natürlich zählt Franziskus auch zu den Favoriten für den nächsten Friedensnobelpreis. Doch der Personenkult ist ihm zuwider. «Den Papst als Superman darzustellen, als eine Art Star, scheint anstössig», sagte Bergolio vor einigen Tagen dem «Corriere della Sera». Er möge diese «Papst-Franziskus-Mythologie» nicht.

Noch keine Hausmacht

Die Begeisterung der Massen auf dem Petersplatz und in der ganzen Welt erinnert den Papst daran, dass er im eigenen Apparat letztlich einsam geblieben ist. «Die Wahrheit ist, dass es in der Kurie, aber auch im Weltepiskopat und im Klerus noch keine kompakte Bergoglio-Mannschaft gibt, die bereit wäre, für die päpstlichen Reformen zu kämpfen», betont der renommierte Vatikankenner und Buchautor Marco Politi.

«Im Meer des Applauses, das ihn umgibt, ist der argentinische Papst allein geblieben, sehr allein.» Das liege auch daran, dass Franziskus dem höfischen, selbstverliebten und bürokratischen Verhalten vieler Kurien-Prälaten und Kleriker den Kampf angesagt habe. Einmal hat er den vatikanischen Hofstaat gar als «Lepra des Papsttums» bezeichnet. Die Römer Kirchenverwaltung reagiere auf die Reformbestrebungen wie eine «Wand aus Gummi», sagt Politi. «Und viele Konservative warten bloss auf einen falschen Schritt des Papstes.»

Feinde hat sich Franziskus auch mit seinen Transparenzbemühungen bei der Vatikanbank und der Finanzverwaltung des Kirchenstaats gemacht. Etliche Prälaten haben Angst, dass ihre Machenschaften auffliegen könnten. Auch in der organisierten Kriminalität herrscht Unruhe. «Besonders die Finanz-Mafia, welche während Jahren von ihrer Nähe zum Vatikan gelebt hat, ist nervös, aufgewühlt», sagte der Anti-Mafia-Staatsanwalt Nicola Gratteri vor einigen Wochen.

Bergoglio sei daran, die alten finanziellen Machtzentren und Seilschaften in der Kurie zu zerstören. Ob die Mafia in der Lage sei, den Papst daran zu hindern, könne er nicht beurteilen. «Aber die Bosse denken mit Sicherheit darüber nach. Und das kann gefährlich werden.»