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Warum muss es immer sonnig sein? – Eine Hommage an den Regen

Grund zum Singen: Wir sollten den Regen wieder lieben lernen.Imago

Grund zum Singen: Wir sollten den Regen wieder lieben lernen.Imago

Früher freute man sich über einen Wolkenbruch. Heute jammern wir deswegen. Eine Hommage an den Regen.

In den Neunzigerjahren, in denen man mangels Netflix noch Privatfernsehen schaute, konnte man in den Nachrichten Wetterberichte sehen, die erstaunlich viel Sonne versprachen. Gute Laune war Programm, gutes Wetter wurde einfach verordnet. Deshalb war es üblich, selbst hinter dem dicksten Regenwolkensymbol noch eine Sonne hervorblinzeln zu lassen, auch wenn es den ganzen Tag durchschütten sollte. Der Wetterbericht sollte den Leuten gefallen, nicht den nächsten Tag vermiesen.

Ein Wettersymbol allerdings sorgt auch heute für schlechte Laune: dunkle Wolke, aus der dicke Tropfen fallen. Zieht Regen auf, ist es fast schon obligatorisch, dass sich Meteorologen für das schlechte Wetter entschuldigen. Als ob Regen eine Krankheit wäre, vor der man sich schützen müsse. Und so hören sich dann auch die Moderationen an: Achtung, Niederschläge: Dauerregen gefährdet das Wochenende. Bleiben Sie einfach zu Hause. Es scheint, als leide das ganze Land unter Ombrophobie. Der Angst vor Regen.

Seit wann hat der Regen dieses Imageproblem? Bis zur Industrialisierung fürchtete man sich nicht vor verregneten Tagen – aber sehr wohl davor, dass sie ausbleiben könnten. Ein Übermass an schönem Wetter bedeutete Trockenheit und drohende Missernten. Schon eine solche Missernte hatte nicht selten Hunger zur Folge, mehrere hintereinander meistens den Tod.

Die Dürre ist unser Feind

Für die ersten Zivilisationen war Regen eine Grundlage ihrer Existenz. Mit dem fruchtbaren Monsun blühte schon in der Frühbronzezeit die Indus-Kultur, doch vor rund 4100 Jahren blieb die Regenzeit plötzlich aus. Für Jahrzehnte herrschte Dürre, 1800 vor Christus war eine der ersten städtischen Zivilisationen der Erde am Ende. Das zeigt: Dürre, nicht Regen, ist der wahre Gegner der Menschheit – auch in unseren hochtechnologisierten Zeiten noch. Wassermangel bedroht heute zahlreiche Regionen der Erde, der Klimawandel verstärkt das Problem. Eine der schwersten dokumentierten Dürrekatastrophen kostete in den Jahren 1876/77 in Indien sechs Millionen Menschen das Leben. Denn anders als Hurrikane, wie sie kürzlich die Karibik heimsuchten, oder wie ein schweres Erdbeben tötet die Dürre in Zeitlupe. Sie ist ein «silent killer», eine Naturgewalt, die sich anschleicht. Wird sie spürbar, ist es meist schon zu spät.

In Anbetracht dieser Probleme ist das Jammern über einen verregneten Gurkensommer ein Witz. In unserer Weltgegend gibt es kaum einen Monat, in dem nicht ein Tief nach Mitteleuropa suppt. Doch während Starkregen in einer wärmeren Welt immer häufiger fällt, nimmt Landregen ab. Doch damit fangen die Probleme erst an, wie die vergangenen Jahre bereits gezeigt haben: In manchen Regionen wird immer häufiger das Wasser knapp. Regen fällt seltener und unberechenbarer, in der Nordschweiz herrscht seit Monaten eine aussergewöhnliche Trockenheit.

Kinderopfer und Regengebete

Dank klugen Wassermanagements muss sich in Mitteleuropa heute allerdings niemand vor Dürrekatastrophen fürchten. In der Antike war das anders: Die Weltgeschichte ist voller unter Trockenheit leidenden oder zugrunde gegangenen Kulturen. Man denke nur an die sieben mageren Jahre Ägyptens, von denen die biblische Josephsgeschichte berichtet. Die Maya litten am Ende ihrer klassischen Ära im neunten Jahrhundert unter grosser Regenarmut. Anschliessend begann auch ihr Niedergang.

Die Abhängigkeit von der höheren Macht dunkler Regenwolken hinterliess spirituelle Spuren. Um Regen wurde gebangt, gefleht, gebetet. Schon die Sumerer verehrten einen Regengott namens Ishkur, dem auch Akkader und Babylonier huldigten. Im antiken Griechenland war der «Wolkensammler» Zeus, wie Homer ihn nennt, auch für den Regen zuständig, für die Römer war er Jupiter Pluvius. Aus manchen Kulturen sind neben dem ubiquitären Regentanz auch zahlreiche unorthodoxe Bemühungen überliefert, um Nass von oben zu erbitten. Zum Beispiel nackte Frauen auf den Acker zu schicken, um mit obszönen Liedern die Götter anzurufen.

Blieb der Regen aus, kam es vor, dass Bauern ihre Frauen gleich zum Sex auf dem Feld überredeten. Unter den Aborigines wiederum war es üblich, ausgewählten Stammesangehörigen Blut abzuzapfen und die Männer des Stamms damit zu bespritzen. Wer an dieser Zeremonie teilnahm, musste anschliessend so lange sexuell abstinent bleiben, bis der erste Regentropfen fiel. Die entsetzlichsten Rituale gehen auf die Azteken zurück. Sie opferten ihre Kinder dem Regengott Tlaloc.

Doch auch die monotheistischen Religionen kennen das Bittgebet um gedeihliches Wetter. Juden bitten am Ende des Laubhüttenfests um eine gute Ernte. Im Islam war es der Prophet Mohammed persönlich, der während einer Trockenzeit ein Regengebet mit offenen Armen himmelwärts richtete. Und in Texas und Kalifornien haben vor ein paar Jahren Christen für Regen gebetet, als eine historische Dürre die Bundesstaaten in eine Staubwüste verwandelte.

Naturwissenschaftlich gesehen, ist das Wasser vom Himmel eines der Phänomene, die es – zumindest in unserem Sonnensystem – allein auf unserer Erde gibt. Im irdischen Wasserkreislauf verdunstet flüssiges Wasser, steigt als Dampf auf, lässt sich um die Erde tragen und erreicht auf diese Weise selbst entlegene Landflächen. Die Details dieses Prozesses sind bis heute nicht vollständig verstanden, vor allem was die Wolkenbildung angeht. In künstlichen Wolkenkammern versuchen dies Atmosphärenphysiker nun zu lüften.

Keine Lust auf verregnete Ferien

Lästig wurde Regen erst mit der Industrialisierung, die den Menschen zusammen mit der harten Maloche auch die Pausen von derselben bescherte, die Freizeit. Zuvor war in der Agrargesellschaft für Grillabende oder Tage am See keine Zeit. Und der Bauer war froh, wenn es genug regnete. Heute hingegen herrscht Sonnendiktat. Gerade der Sommer muss ausgekostet werden, heisst es. Und mit der Temperatur steigt auch das Freizeitangebot – und damit der Stress. Allein deshalb lohnt es sich, Herbst und Winter endlich lieben zu lernen. Da ruft nichts nach draussen.

Vielleicht ist Regen am schönsten, wenn man ihn riechen kann. Wassermoleküle allein haben zwar keinen Geruch, dafür wirbeln sie beim Aufprall auf den Boden andere Moleküle empor. Der leicht muffige Geruch warmen Sommerregens geht zurück auf Geosmin, das Stoffwechselprodukt eines Bakteriums. Es verleiht den Beeten erst den erdigen Geruch. In Nordindien, wo sich das von der Hitze ausgemergelte Land jeden Frühsommer nach dem Monsun sehnt, wird dieser Duft als Parfüm verkauft: Mitti attar – Duft des Regens.

Wie der Duft natürlich riecht, lässt sich nirgendwo besser testen als in Cherrapunji. Die kleine Stadt liegt in den abgelegenen Khasi-Bergen des ostindischen Bundesstaats Meghalaya. Cherrapunji gilt als nassester Ort der Erde. Als die Briten dort eine Wetterstation installierten, rechneten sie mit grossen Mengen, allerdings nicht mit jenen 9300 Litern pro Quadratmeter, die im Juli 1861 niederprasselten. Der Monsun war seinerzeit besonders ausgeprägt, insgesamt fielen in einem Jahr unglaubliche 26 461 Liter Wasser pro Quadratmeter. Die Stadt Cherrapunji ist stolz auf ihren Rekord. Vielleicht muss man dorthin reisen, um den Regen lieben zu lernen.

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