Wer das Gruseln liebt, sollte Urlaub an Südafrikas Küsten machen. Dort werden derzeit weisse Haie angeschwemmt. Sie sind nicht nur tot – man hat ihnen auch präzise Leber und andere innere Organe entfernt. Wissenschafter gehen davon aus, dass Orca-Wale für diese OPs verantwortlich sind.

Wer ein Revolvergebiss mit bis zu zehn Zentimeter grossen Zähnen hat und eine Tonne schwer werden kann, steht gewöhnlich an der Spitze der Nahrungspyramide. Weswegen es eigentlich auch keinen gibt, der einen Weissen Hai auf seinem Speisezettel hat. Mit Ausnahme von einem: dem Orca, auch Schwertwal genannt, der genauso wie der Hai schon in Kinofilmen mitspielte. Wie etwa in «Free Willy». Darin kommt er jedoch eher sanft und lustig rüber, so wie seine engen Verwandten, die Delfine. Aber der grosse Zahnwal kann auch anders, wie man jetzt in Südafrika beobachten kann.

Der Orca als Gourmet

Seit Anfang Mai werden nahe den Küstenstädten Gansbaai und Struisbaai, südöstlich von Kapstadt, tote Haie angeschwemmt – und einigen von ihnen wurden offensichtlich innere Organe herausgetrennt. «Mit fast chirurgischer Präzision», wie Alison Towner vom Dyer Island Conservation Trust betont. Die Biologin hat sich die Haikadaver angeschaut, und zusammen mit den Berichten von Walwanderungen im Meer lassen sie nur ein Szenario als Erklärung zu: «Die entfernten Organe gehen auf das Konto von Orca-Walen.»

Die Meeressäuger haben mit bis zu fünf Tonnen nicht nur das Kampfgewicht, um im Kampf gegen Haie zu bestehen. Sie besitzen auch eine überragende Intelligenz und jagen in Rudeln, was sie dem Weissen Hai, dessen Gehirn und Sozialverhalten eher auf Sparflamme köcheln, weit überlegen macht. So drehen die Wale den grossen Raubfisch mit gezielten Flossenschlägen auf den Rücken, weil sie wissen, dass er dadurch starr und wehrlos wird. Sie wissen auch, dass er schnell skeptisch wird, weswegen sie immer wieder an neuen Orten zuschlagen, um ihn zu überraschen. Das alles ist Forschern länger bekannt. Neu ist aber die Entdeckung, dass Orcas den Körper ihrer Haibeute fast unversehrt lassen und nur bestimmte Organe fressen. In erster Linie die Leber, und manchmal auch Magen und Herz. Was die Frage nach den Ursachen dieses exquisiten Geschmacks aufwirft.

Meeresbiologen vermuten, dass es den Walen beim Magen vor allem um den Inhalt geht, der schon vorverdaut ist, sodass der Verdauungsapparat des Säugers damit keine Mühe mehr hat. Bei der Leber steht hingegen das Squalen als Hypothese im Raum. Die Haileber enthält grosse Mengen dieser öligen Flüssigkeit, die in der Alternativmedizin als Heilmittel bei Krebs und Dermatitis gilt. Orcas sind geradezu scharf darauf. Sie würden aber auch vom eiweissreichen Muskelfleisch des Hais profitieren, doch das rühren sie nicht an. «Letzten Endes wissen wir nicht wirklich, warum sie nur dessen innere Organe fressen», so Towner. So einfach sei ein Weisser Hai auch für Orcas nicht zu erlegen, sodass sie eigentlich mehr aus ihrer Beute herausholen sollten.

Derweil die Wissenschaft noch über den exquisiten Orca-Geschmack rätselt, sorgen sich die Hotels und Reiseveranstalter, dass Touristen jetzt einen Bogen um den Ort machen. Nicht nur weil zerlegte Haikadaver wenig appetitlich sind. Sondern auch, weil sich möglicherweise kaum noch jemand in die Käfige setzen will, von denen aus man Haien zuschauen kann. Denn die Raubfische lassen sich dort nur noch selten blicken – aus Angst, dass wieder ein Orca zum Sezieren vorbeikommt.