Finsternis

Warum die Dunkelheit gut für uns ist

Die Tage werden kürzer, die Nächte länger. Der Mensch verbindet die Dunkelheit oft mit dem Bösen. Die Lichtflut der Städte verdrängt sie zunehmend. Dabei macht sie kreativ und birgt viel Potenzial.

Lord Voldemort hat eine, Sauron auch und Darth Vader erst recht: eine düstere Aura. Während Harry Potter gegen den «dunklen Lord» ankämpft und Frodo in «Der Herr der Ringe» den «dunklen Herrscher» Sauron besiegt, will Darth Vader im Heldenepos «Star Wars» von der «dunklen Seite der Macht» aus die Galaxie kontrollieren.

Die Reihe mit «dunklen» Bösewichten aus der Filmgeschichte liesse sich beliebig fortsetzen. Sie zeigt, was der Mensch gemeinhin mit der Dunkelheit verbindet: das Herrschsüchtige, das Zerstörerische, das Böse.

Dunkelheit gleich böse Kreaturen? Das ist Michael Lück zu einfach. «Der Wert der Dunkelheit wird vollkommen unterschätzt», sagt der Unternehmensberater aus Deutschland. Er veranstaltet seit fast zehn Jahren Seminare zur Team- und Strategieentwicklung und Personalauswahl in totaler Finsternis. Manager eines Autoherstellers, Bettwarenproduzenten und Möbeldesigner tappten bei Lück schon im Dunkeln. Daneben macht er auf Wunsch auch Konferenzsäle und andere Event-Locations komplett lichtlos.

Was Knobeln ohne Licht bringt

«In der Dunkelheit erkennen sich die Menschen selber, sie lösen sich von allen Fremdsteuerungen», sagt Lück. Kopf und Bauch finden zusammen. «Menschen fällen so bessere Entscheide.» Das sieht er zum Beispiel im Bereich Teambuilding: In der Dunkelheit müssen die Arbeitsteams gemeinsam Knobelaufgaben lösen. «Kindergartenspielchen», nennt Lück sie.

«Die Gruppen gehen praktisch immer gleich vor», erzählt er. Zuerst ergreifen die Alpha-Tiere das Wort, wollen ihre Lösung durchboxen. Wenn die Gruppe merkt, dass diese Ansätze unbrauchbar sind, wird es erst einmal still. Dann getraue sich die «graue Maus», vorzusprechen. «Oft haben genau diese Leute die durchschlagende Idee», sagt Lück. «Die Dunkelheit hilft, Abgrenzungen gegenüber Kollegen und emotionale Blockaden abzubauen.»

Lück bekommt nach den Workshops viele positive Rückmeldungen. Die Leute gehen im Arbeitsalltag achtsamer miteinander um, hören sich besser zu. Werden geschäftliche Entscheidungen bald im Dunkeln getroffen? «Es wäre zweifellos von Vorteil, wenn die Wirtschaft das Instrument der Dunkelheit mehr einsetzen würde», sagt Lück, fügt aber an: «Vielen Entscheidungsträgern ist das zu esoterisch behaftet.»

Dabei beeinflusst totale Finsternis die Stimmung von Menschen positiv und macht sie sogar kreativer, fanden Forscher der Technischen Universität Dortmund vor zwei Jahren heraus. Lück hatte die Studie in Auftrag gegeben. Er selbst verzichtet privat gerne auf Licht: «Ich höre zu Hause Schallplatten von 1927 auf einem Grammofon im Dunkeln. Das ist wesentlich emotionaler als in einem beleuchteten Raum.»

Von 3000 auf 100 Sterne

Auch der Anblick des Sternenhimmels ist wesentlich eindrucksvoller, wenn es stockdunkel ist. Nur verschwinden immer mehr nächtliche Himmelslichter hinter dem von Menschenhand produzierten Lichtsmog. Die Zahl der sichtbaren Sterne ist in europäischen Grossstädten von etwa 3000 auf rund 100 Sterne zurückgegangen.

In der Schweiz nahm die nächtliche Lichtbelastung laut Bundesamt für Umwelt in den letzten zwanzig Jahren um 70 Prozent zu. Das hat Auswirkungen auf Mensch und Umwelt: Unsere innere Uhr kommt aus dem Gleichgewicht, was Schlaflosigkeit, Stress und Folgeerkrankungen nach sich ziehen kann. Vögel werden vom Licht fehlgeleitet und prallen gegen erleuchtete Hochhäuser. Insekten verbrennen an Lampen.

Für mehr nächtliche Dunkelheit kämpft die Weltnaturschutzorganisation IUCN. Sie zertifiziert Naturpärke, in denen der Sternenhimmel besonders gut sichtbar ist und die vor noch mehr Lichtverschmutzung geschützt werden. Rund 50 solche Pärke liegen auf der ganzen Welt verteilt – vielleicht gibt es bald auch einen in der Schweiz.

Park muss zwei Kriterien erfüllen

Der Naturpark Gantrisch bemüht sich darum, das Zertifikat «Dark Sky Place» zu erhalten. Dafür muss der 400 Quadratkilometer grosse Park zwischen Bern, Thun und Fribourg zwei Kriterien erfüllen: geringe Lichtemissionen und einen Plan, um die Lichtemissionen gering zu halten. Ob er das Label erhält, kommt wohl 2016 aus.

Die Auszeichnung sei nur eines von mehreren Zielen des Projekts Nachtlandschaft, betont Geschäftsführer Thomas Gurtner. Ab 2016 sollen in den 26 Gemeinden im Naturpark Sensibilisierungsaktionen zum Thema Lichtverschmutzung stattfinden. «Wir wollen die Leute darüber aufklären, wie wichtig die Nachtfinsternis für Mensch und Natur ist. Und darüber, wie wir sie bewahren können», erklärt Gurtner und fügt an: «Wir sind schweizweit eines der Gebiete mit den geringsten Lichtemissionen. Dazu wollen wir Sorge tragen.»

Die Dunkelheit war lange vor Voldemort und Co. mit dem Bösen konnotiert. Schon in der Bibel sind die bösen Mächte in der Finsternis der Nacht aktiv. Die Dunkelheit hat aber zweifellos mehr Potenzial, als gruselige Kreaturen in Filmen zu beheimaten. Ihr Image als Begleiter des Bösen wird sie dennoch nie ganz verlieren – und uns in den Kinositzen schaudern lassen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1