Coronavirus

Warum Cyberkriminelle jetzt Hochsaison haben und wie Sie sich schützen können

Wucherangebote für Atemschutzmasken finden sich derzeit im Internet zuhauf.

Wucherangebote für Atemschutzmasken finden sich derzeit im Internet zuhauf.

Atemschutzmasken für 200 Franken: Die Coronakrise ist ein Eldorado für Kriminelle und solche, die das schnelle Geld riechen. Während Plattformen wie Ricardo gegen die Flut an Wucherangeboten ankämpfen, sind Online-Meldestellen und Polizei auf die Hilfe der Bevölkerung angewiesen.

Die ergonomischen Atemschutzmasken haben zwei Kopfbänder und einen biegsamen Nasenbügel mit weichem Nasenkissen für einen guten Sitz. Das Atemventil verhindert Hitzestau und verringert den Atemwiderstand für maximalen Komfort. Sie erhalten zwei Stück für 20 Franken.

Mit der Angst anderer Menschen lässt sich momentan gut Geld verdienen. Scrollt man diese Tage durch Handelsplattformen wie Ricardo und sucht nach Atemschutzmasken oder Desinfektionsmittel, stösst man schnell auf Angebote wie das zuvor erwähnte. Normalerweise kosten Atemschutzmasken zwischen 10 und 50 Rappen pro Stück. Nun kosten sie bis zu 100 Mal mehr. Ein klassischer Fall von Wucher.

Bei Ricardo ist man sich der Problematik bewusst und versucht, dagegen anzukämpfen. «Ricardo hatte im März aufgrund der aktuellen Situation seine Massnahmen bezüglich solcher Angebote deutlich verschärft», sagt Mediensprecher Simon Marquard.

So dürfen Atemschutzmasken oder Desinfektionsmittel nur noch zum Fixpreis und nicht mehr als Auktion auf Ricardo gestellt werden. Auch dürfen keine Angebote mit den Begriffen «Corona» oder «Covid» gepostet werden. Bei überhöhten Preisen werden Annoncen gelöscht. Bisher wurden bereits über 3800 Inserate entfernt.

Doch ab welchem Preis liegt ein Wucherangebot vor?

Dazu könne man keine fixen Angaben machen, sagt Marquard. «Die Angebote müssen ungefähr im Rahmen des üblichen Marktpreises liegen.»

Polizei warnt vor Zunahme der Betrugsmaschen

Solche Wucherinserate im Netz können im schlimmsten Fall reale Konsequenzen haben. Laut Strafgesetzbuch drohen für das Ausbeuten von Personen aufgrund von Zwangslagen, Abhängigkeit oder Unerfahrenheit bis zu fünf Jahre Haft. Die Kantonspolizei Zürich berichtete in den letzten Wochen immer wieder von Fällen, bei denen Wucherer festgenommen wurden.

So wurde kürzlich eine 21-jährige Frau in Zürich-Altstetten verhaftet, weil sie zehn Masken für 100 Franken verkaufen wollte. Der vermeintliche Käufer war jedoch ein Polizist in zivil. Das gleiche Spiel vor zwei Wochen in Horgen: Ein 18-Jähriger wollte fünf Masken für 200 Franken verhökern.

Verglichen mit den 3800 gelöschten Angebote auf Ricardo, scheinen diese Festnahmen jedoch nur ein Tropfen auf den heissen Stein. «Opfer von solchen Angeboten müssen sich getrauen, Anzeige zu erstatten», sagt Stefan Oberlin, Mediensprecher der Kantonspolizei Zürich. Die Erfolgsaussichten sind zwar relativ gering, doch nur so könne man gegen die Wucherer vorgehen.

Überteuerte Hygieneprodukte sind jedoch nicht die einzige Masche, mit denen man Leute in Coronazeiten übers Ohr hauen will. Die Kantonspolizei Zürich hat eine ganze Liste mit Varianten von Cyberkriminalität veröffentlicht und eigens eine Website erstellt, bei der man sich als betroffene Person melden kann. Selbst Interpol warnt bereits vor Betrug in Zusammenhang mit Covid-19.

Zu den bekannten Betrugsmethoden gehören zum Beispiel mit Malware infizierte Phishing-Emails, die angeblich von der World Health Organisation (WHO) oder dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) stammen. Oder Spendenaufrufe von vermeintlichen Wohltätigkeitsorganisationen, die um Geldzustupfe für die Forschung nach einem Impfstoff betteln.

Die Kantonspolizei Zürich warnt sogar vor Erpressern, die ihren Opfern per E-Mail drohen, bei Nichtzahlung ihre Familie mit dem Coronavirus anzustecken.

«Betrüger nutzen Überlebensinstinkt der Menschen aus»

Um den Betrügereien Herr zu werden, setzt nicht nur die Polizei auf Meldestellen im Internet. Auch das Institut zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität ILCE hat letzte Woche eine Webpage eingerichtet. Auf coronafraud.ch können Betroffene anonym Betrugsfälle melden.

In der ersten Woche sind bereits rund 100 Tipps eingegangen. Knapp die Hälfte davon betreffen Fälle von überteuerten Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel.

Doch wieso fallen so viele Menschen auf diese Angebote rein? «Es ist nur natürlich, auf Ereignisse wie das der Corona-Pandemie mit Gefühlen der Angst, der Unsicherheit und manchmal sogar der Panik zu reagieren», sagt Luca Brunoni, Assistenzprofessor am ILCE.

Kriminelle wissen das und versuchen, diese Schwächen auszunutzen, indem sie neue Formen der Betrügereien erfinden oder gängige Methoden wie das Phishing an die aktuelle Sitaution anpassen. «Betrüger nutzen den Überlebensinstinkt der Menschen aus», sagt Brunoni.

Besonders Menschen, die zur Risikogruppe gehören, können ein erhöhtes Gefühl der Unsicherheit empfinden. Dieses lässt sich dann umso leichter ausnützen. «Jemand kann zum Beispiel wissen, dass die Maske, die er kauft, zu teuer ist. Aber er glaubt, dass er keine Alternative hat, also kauft er sie trotzdem, um sich sicherer zu fühlen.»

Brunoni ist der Ansicht, dass die Coronakrise Kriminellen die perfekte Möglichkeit biete, Leute über den Tisch zu ziehen. Sie würden einerseits Menschen ins Visier nehmen, die direkt betroffen sind, andererseits solche, die den Betroffenen helfen wollen. «Im Fall von Covid-19 stehen böswilligen Menschen beide Wege offen.»

Das ILCE selbst kann Betrügern nicht ahnden. Die Daten werden nur für wissenschaftliche Zwecke gesammelt. «Wir sind jedoch mit den zuständigen Behörden in Kontakt, um sie über neue Betrugsmethoden auf dem Laufenden zu halten.»

Wie kann man sich schützen?

Um sich vor Gaunereien aller Art zu schützen, kann man einige Vorsichtsmassnahmen ergreifen:

  • Überprüfung der Firma oder Person, die einen Artikel anbietet, bevor Käufe getätigt werden.
  • Auf gefälschte Websites achten – Kriminelle verwenden oft Webadressen, die legitimen Unternehmen fast identisch sind (zum Beispiel digitec.com statt digitec.ch).
  • Nicht auf Links oder Anhänge klicken, die man nicht erwartet hat oder die von einem unbekannten Absender stammen.
  • Vorsicht bei unaufgeforderten E-Mails, in denen medizinische Geräte angeboten oder persönlichen Daten für medizinische Untersuchungen angefordert werden - legitime Gesundheitsbehörden und Ärzte wenden sich normalerweise nicht auf diese Weise an Personen.
  • Die Polizei wird niemals unaufgefordert in einer E-Mail um Geld bitten. Auch werden sie nie unangekündigt bei einem zuhause vorbeikommen, um die Wohnung zu desinfizieren oder ähnliches.
  • Online-Rezensionen eines Unternehmens sollten überprüft werden, bevor man einen Kauf tätigt - gab es zum Beispiel Beschwerden anderer Kunden, die die versprochenen Artikel nicht erhalten haben?
  • Misstrauen ist angesagt, wenn man dazu aufgefordert wird, eine Zahlung auf ein Bankkonto in einem anderen Land als dem, in dem das Unternehmen oder die Person ansässig ist, zu tätigen.
  • Wenn man glaubt, Opfer eines Betrugs geworden zu sein, sollte man sofort seine Bank benachrichtigen, damit die Zahlung gestoppt werden kann.

Meistgesehen

Artboard 1