Jetzt hats also auch der Rothirsch geschafft: Nach so skurrilen Viechern wie der Geburtshelferkröte (2013), der Feldgrille (2014), der Ringelnatter (2015) und der Wasserspitzmaus (2016) ist der röhrende Riese 2017 «Tier des Jahres», wie die Naturschutzorganisation Pro Natura gestern mitteilte. Nicht, dass der König der helvetischen Wälder die Publicity nötig hätte. Mit seinem bis zu acht Kilogramm schweren Geweih und seinen Brunftrufen verschafft sich der Rothirsch (mindestens die männliche Hälfte) auch ohne mediale Aufmerksamkeit den nötigen Respekt unter seinen Waldmitbewohnern. Er hat kaum natürliche Feinde und ist auf keiner roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten zu finden.

Wieso also hat Pro Natura ausgerechnet ihn zum «Tier des Jahres» gewählt? «Der Rothirsch ist der ideale Fahnenträger für eine Wildtierkorridor-Kampagne», gibt Roland Schuler, Medienverantwortlicher bei Pro Natura, zu. Die Organisation lanciert gerade die Kampagne «Freie Bahn für Wildtiere!» und fordert die Sicherung der hiesigen Wildtierkorridore. Da kommt der mächtige Werbeträger natürlich wie gerufen.

Die Wanderrouten, auf denen Rothirsche und andere Wildtiere seit je quer durch die Schweiz ziehen, sind vielerorts von Strassen, Schienen und Siedlungsgürteln unterbrochen. Das Bundesamt für Umwelt hat 2012 ein Inventar von 303 Wildtierkorridoren erstellt. Jeder sechste davon war verbaut und für die Wildtiere nicht mehr nutzbar. Rund die Hälfte der Korridore konnten nur noch eingeschränkt genutzt werden.

Mittelland ist Horror für Hirsche

«Es ist wichtig, die sogenannte ökologische Infrastruktur, also unter anderem durchgängige Wildtierkorridore, zu unterstützen», sagt Schuler. «Strassen und Schienen hindern die Rothirsche an der Wanderung. Das kann zu unnötigem Stress und in der Folge zu Waldschäden führen.»

Ununterbrochene Wanderkorridore seien aber auch aus genetischer Sicht ein Must-have für die Hirsche, sagt Schuler. Wenn sie nicht weiterziehen können und sich zu lange untereinander fortpflanzen, verschlechtert sich der Genpool, was die Gesundheit der Spezies gefährdet. Kurz: Die ganzen Autobahnen und SBB-Schienen führen zu einem Rothirsch-Inzest.

Rotwild Hirsche

Rotwild Hirsche

Besonders das Mittelland ist in dieser Hinsicht eine Problemzone, erklärt Pro-Natura-Wildtierbiologe Andreas Boldt. «Das Mittelland ist von Autobahnen und Eisenbahnlinien völlig zerschnitten.» Für Rothirsche, die von Südosten herkommend in Richtung Jura wandern wollen, ist hier Endstation. 440 Rothirsche werden im Schnitt jedes Jahr überfahren. Viele getrauen sich aber gar nicht über die Strasse und brechen die Wanderung vorzeitig ab. «Grosse Landesteile, in denen früher Hirsche lebten – etwa der Jura oder das Gebiet um den Wildtierokrridor im Aargauer Suret – sind heute immer noch hirschfreie Zonen», sagt Boldt.

Als vor vier Monaten bekannt wurde, dass das Bundesamt für Strassen im Gebiet Suret für 14 Millionen Franken eine Wildtierbrücke bauen will, wurde dennoch heftige Kritik laut. SVP-Nationalrat Ulrich Giezendanner etwa meinte mit Verweis auf eine aktuelle Amphibienstatistik: «Da kostet jeder Frosch, der über die Brücke hüpft, schon 100 000 Franken.»

Roland Schuler widerspricht: «14 Millionen Franken klingt nach viel Geld. Bedenkt man aber, wie teuer ein Kilometer Autobahn ist, ist das absolut verkraftbar für die Schweiz.» Mit dem Strassenbau zerstöre man Lebensräume. Da sei es nichts als rücksichtsvoll, den Tieren mit baulichen Massnahmen einen Teil ihrer Lebensgrundlage zurückzugeben.

Die rund 35 000 in der Schweiz lebenden Rothirsche sähen das wohl genau so. Solange sich ihr Argumentarium aber auf lautes Brunftröhren beschränkt, spielen sie im politischen Diskurs rund um die Wildtierkorridore eine rein symbolische Rolle. Als «Tier des Jahres» haben sie nun aber eine viel beachtete Plattform, auf der sie – nichtsahnend – für die «Freie Bahn für Wildtiere!» werben können.

Auf Hirsch-Pirsch mit den Profis

Wer die Tiere in freier Wildbahn beobachten möchte, sollte sich im Herbst in der Morgendämmerung an einen Bündner Waldrand stellen, möglichst nicht im Wind (Rothirsche haben einen guten Riecher und mögen keine Menschen) und abwarten, bis die Hirsche auf ihrer täglichen Wanderung vom Nacht- zum Tagquartier vorbeiziehen. Eine Alternative sind die Rothirsch-Tage, die das Pro-Natura-Zentrum Aletsch im September und Oktober veranstaltet und an denen man mit Wildtierprofis auf Hirsch-Pirsch gehen kann.

Und übrigens: Dass der Rothirsch 2017 «Tier des Jahres» ist, braucht Gourmets nicht zu verunsichern. Der Hirsch landet auch in der kommenden Wild-Saison wieder auf dem Teller. 2015 wurden 11 707 Rothirsche geschossen, 2017 werden es ähnlich viele sein. Die Jagd auf die Tiere ist aus Sicht von Pro Natura unproblematisch, solange sie zur Regulation der gesunden Rothirschbestände etwa im Bündnerland beiträgt.

Mit dieser Bedrohung hatten die Feldgrille, die Geburtshelferkröte, die Ringelnatter und die Wasserspitzmaus in ihren Ruhmesjahren noch nicht zu kämpfen.