Polytepalum radians

Wächst in Bern eine Wunderpflanze?

Polytepalum radians.

Polytepalum radians.

In der Nähe eines Mobilfunkmastes wurde offenbar eine neue Art Nelkengewächs entdeckt.

«Ernährt sich diese Pflanze von den Strahlen einer Berner Handy-Antenne?» titelte ein Kollege des Newsportals «watson» gestern. Er war offenbar auf eine Site des Botanischen Gartens der Uni Bern gestossen. Bereits am Anfang des Textes wird gemunkelt, dass allenfalls die Biologie-Lehrbücher umgeschrieben werden müssten. Und das macht doch hellhörig.

Beim Käfersammeln sei einem Mitarbeiter des Naturhistorischen Museums eine fremdartig anmutende Pflanze aufgefallen. Es schien eine Pflanze zu sein, die zu den Nelkengewächsen gehört. «Unscheinbar» nennt Botaniker Beat Fischer die Entdeckung. Im Text auf der Website des Botanischen Gartens geht es dann weiter, dass es offenbar eine neue Art sei, der Wissenschaft bisher nicht bekannt. Die Leute vom Botanischen Garten haben es auch gewagt, dem grünen Ding schon einen wissenschaftlichen Namen zu verpassen: Polytepalum radians.

Der gute alte Carl von Linné (1707 bis 1778), von dem die Nomenklatur der Natur stammt, würde sich wahrscheinlich nicht nur dieser Frechheit wegen im Grabe umdrehen, sondern auch wegen der mangelhaften Lateinkenntnisse der Biologen des Berner Botanischen Gartens. «Radians» würde ja so etwas wie «strahlend» bedeuten. Und das tut die Pflanze nicht. Das behaupten die wackeren Botaniker auch nicht. Sondern nur, dass diese neue Pflanze die Nähe von Mobilfunkantennen suche. Jedermann weiss, dass es dort strahlt. Warum soll eine Pflanze nicht auch diese elektromagnetische Strahlung nützen?

Pflanzen leben vom Licht

Denn was die meisten Pflanzen tun, ist Photosynthese. Sie fangen Licht ein und wandeln in einem komplizierten Prozess die Lichtenergie in biochemisch verwertbare Energie um. Damit zerhacken sie das Kohlendioxid, das massenhaft in der Luft vorkommt (leider immer mehr, weil es ja auch ein Klimagas ist), und bauen daraus und aus anderen Stoffen ihre Stängel, Blüten und Blätter und was sie sonst noch brauchen für ihr Dasein auf Erden.

So weit, so richtig. Das ist aber bereits die zweite Behauptung, welche der Text aufstellt. Die erste ist schon, dass die Mobilfunkstrahlung überhaupt das arme Nelkengewächs zum Mutieren getrieben habe. Bisher haben das viele befürchtet, die Wissenschaft hält sich zurück. Die Handy-Strahlung (um 900 MHz) ist allerdings im nichtionisierenden Bereich des elektromagnetischen Spektrums angesiedelt, hier ist zu wenig Energie, um Elektronen aus Atomen oder Molekülen herauszusprengen. Solche Strahlung ist zwar nicht harmlos, dass sie sich auf Organismen auswirkt, ist ziemlich unbestritten, aber ob sie wirklich so stark ist, dass sie Mutationen hervorruft, schon. Dass sich Mutationen in der Nähe von strahlenden Objekten häufen (meist waren es Käfer bei AKW), wurde oft behauptet, wenn in der Nähe von Mobilfunkantennen Pflanzen mutieren, wäre das wirklich eine biologische Sensation. Nur: Ein Beweis dafür ist die Nähe zur Antenne nicht.

Wieder zur zweiten Behauptung. Diese Pflanze müsste also mit Strahlung umgehen, die recht energiearm ist. Pflanzen absorbieren Licht im Bereich blau und rot (grün reflektieren sie). Die Lichtabsorption geschieht in den Chloroplasten. Die Evolution hätte wahrscheinlich einen recht grossen Aufwand betreiben müssen, um die Chloroplasten derart «umzubauen», dass sie vom Mobilfunk profitieren können.

Dann stellen sich zwei Fragen: Warum ist die mutierte Pflanze immer noch grün? «Nascht» sie etwa auch noch am Licht? Und zweitens: Warum sind die Pflanzen nicht schon lange auf die Radiowellen als Energiequelle aufmerksam geworden?

Am Telefon meldet sich zwar ein Herr Fischer. Aber der falsche. Er heisse Roland Fischer und sei Direktor für ein Festival Kunst und Wissenschaft vom nächsten Wochenende. Der Botaniker sei Beat Fischer und der sei momentan im Busch (nicht erreichbar). Doch pünktlich zur Präsentation der Sensation am Freitag wird er zurückerwartet. Wir vermuten mal, dass hier «Kunst» vor «Wissenschaft» gekommen ist und dass mit dieser Pflanze nicht alles ganz im Grünen ist.

Hoax oder Fake oder was?

Medien sind leichtgläubig. Und Wissenschafter manchmal schadenfreudig. Oder auch einfach nur Witzbolde. Aber es gibt auch ernstere Fälle. 2005 produzierte der Südkoreaner Hwang Woo-suk einen Skandal. Er gab vor, einen Embryo geklont und aus ihm embryonale Stammzellen gewonnen zu haben. Ein halbes Jahr später musste er zugeben: Die Daten sind gefälscht. In den 1920er-Jahren behauptete der österreichische Biologe Paul Kammerer, er habe Geburtshelferkröten «Geburtsschwielen» anzüchten können. Das wäre eine Sensation gewesen. Leider war es Tusche und Kammerer wurde vom Bio-Popstar zum Lügner, obwohl nicht sicher war, ob er der Maler war. 1926 griff er zur Pistole.

Bleibt zu hoffen, dass die Fischer des Botanischen Gartens nicht auch zu weit hinausgefahren sind.

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