Unfallversicherung

Vorsicht beim Backflip: Wagemutige müssen sich richtig versichern

Bei absoluten und relativen Wagnissen droht eine Kürzung der Geldleistungen von der Unfallversicherung.

Beim «Dirt-Biken», den akrobatischen Sprüngen mit dem Fahrrad, kann das Risiko von Stürzen oder Verletzungen auch mit den besten Sicherheitsmassnahmen nicht auf ein vernünftiges Mass vermindert werden. Deshalb darf die obligatorische Unfallversicherung des Arbeitgebers einem verunfallten «Dirt-Biker» die Taggeldleistungen um die Hälfte kürzen (Bundesgerichtsurteil 8C_762/2014 vom 19. Januar 2015). 

Und wer entgegen den offiziellen Reisewarnungen ohne bewaffnete Eskorte durch Nordpakistan tourt und in Geiselhaft gerät, erhält wegen der besonderen Schwere des eingegangenen Wagnisses für seine posttraumatischen Störungen überhaupt keine Geldleistungen von der Unfallversicherung (Bundesgerichtsurteil 8C_605/2014 vom 6. Februar 2015). Diese Urteile sind ein Mahnruf für die Menschen jeden Alters, die in ihrer Freizeit Wagnisse eingehen.

Absolute Wagnisse

Das Unfallversicherungsgesetz hält fest: Bei Nichtbetriebsunfällen, die auf ein Wagnis zurückgehen, können die obligatorischen Unfallversicherer die Geldleistungen wie Taggelder, Renten oder Hilflosenentschädigungen um die Hälfte schmälern und in schweren Fällen sogar verweigern. Die vertraglich zugesicherten Kosten für die Rettung, die Behandlung, die Medikamente oder Transporte hingegen dürfen nicht gekürzt werden.

Es wird zwischen absoluten und relativen Wagnissen unterschieden. Absolute Wagnisse sind Sportarten und Tätigkeiten, bei denen sich das Risiko nicht auf ein vernünftiges Mass beschränken lässt. Dafür gibt es keine abschliessende Liste. Aber aufgrund der Erfahrung und der Rechtsprechung zählen dazu: Dirt-Biken, Downhillbikingrennen, wagemutige Rollbrettabfahrten, Rennen mit Autos, Motorrädern und Motorbooten, Quadrennen, Schneecrossrennen, Basejumping, Fullcontact-Kampfsport, ein Glas in der Hand zerdrücken, Tauchen über 40 Meter, Skigeschwindigkeitsrekordversuche, Speedflying, Wildwasserfahrten mit einem Schwimmbob. Anderseits hat die Rechtsprechung das normale Deltasegeln, Kartfahren und Canyoning nicht als absolutes Wagnis eingestuft.

Relative Wagnisse

Viele Menschen müssen sich wohl eher wegen relativer Wagnisse in Acht nehmen. Das sind voll unfallrisikogedeckte Sportarten und Tätigkeiten, bei denen eine schwerwiegende Missachtung der üblichen Regeln und Vorsicht zu einer hälftigen Kürzung der Geldleistungen führt. Dazu zählen der Schneesport ausserhalb markierter Pisten, das Bergsteigen bei schlechter Witterung oder im Alleingang trotz Warnungen, das Hängegleiterfliegen oder das Canyoning bei misslichen Verhältnissen. Hier schützt das vernünftige Verhalten vor einer verminderten Geldleistung bei Unfall.

Grundsätzlich muss in jedem Fall beurteilt werden, ob eine Kürzung der obligatorischen Versicherungsleistung berechtigt ist. In schweren Fällen kann es zur Verweigerung der Geldleistungen kommen. Das ist neben einer Nordpakistantour beispielsweise auch bei einer Bergtour im Alleingang der Fall, die trotz schlechten Wetters und Mahnung durch erfahrene Bergsteiger unternommen wird. Aber auch Dummheit oder Übermut kann eine Leistungsverweigerung auslösen: Ein alkoholisierter Festbruder setzt bei Dunkelheit an einer Hausfassade zu einer gefährlichen Klettertour an und verunfallt dabei.

Sonderrisiko abdecken

Viele Arbeitgeber verfügen über eine Unfall-Zusatzversicherung. Darin ist häufig die Kompensation der gesetzlichen Kürzungen mitversichert. Wer also eine Risikosportart betreiben oder ein besonderes Wagnis eingehen will, sollte bei seinem Arbeitgeber prüfen, ob möglich Versicherungskürzungen gedeckt sind. Bietet der Arbeitgeber diese Deckung nicht an, lohnt sich der Abschluss einer neuen individuellen Unfallversicherung. Das angepeilte Sonderrisiko muss dann beim Antrag explizit angegeben werden, weil dessen Deckung eine spezielle Prämienkalkulation erfordert.

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