Reisen

Von Windhoek in Namibia nach Pretoria in Südafrika: Eine Zeitreise im Zug

Der African Explorer ist eine der raren Möglichkeiten, das Land auf Schienen zu entdecken. (Symbolbild).

Der African Explorer ist eine der raren Möglichkeiten, das Land auf Schienen zu entdecken. (Symbolbild).

Wer im Zug vom namibischen Windhoek bis ins südafrikanische Pretoria fährt, vergisst schon mal, wo er ist. Zu diesem Gefühl trägt der Zug selbst bei, der früher als Shongololo Express (deutsch: Tausendfüsser) durch das südliche Afrika schlängelte

Schon bald nach der Abfahrt in Windhoek tauchen neben den Gleisen Wildtiere auf. Zuerst sind es nur ein paar filigrane Springböckchen, die verschreckt aufschauen, bevor sie den Schutz des Dickichts suchen. Kurze Zeit später grast in Sichtweite eine grosse Oryx-Antilope unbeeindruckt weiter. Und während der Sonderzug African Explorer in gemächlichem Tempo weiter durch die Steppenlandschaft rumpelt, sind immer wieder ganz unterschiedliche Tierarten zu sehen. Sicher kennt man die meisten von Fotos. Trotzdem: In diesen ersten euphorischen Momenten der Aufregung fühlt man sich ein bisschen wie ein Entdecker. Ganz so, als wäre man hier nicht mit einer Reisegruppe auf einer komplett durchorganisierten Reise, sondern in einer ganz anderen Zeit unterwegs, als es globalen Tourismus bis in die abgelegensten Ecken der Welt noch nicht gab.

Zu diesem Gefühl trägt der Zug selbst bei, der früher als Shongololo Express (deutsch: Tausendfüsser) durch das südliche Afrika schlängelte. Denn läuft man einmal durch alle 18 Waggons, streift man auf rund 350 Metern viel Geschichte aus unterschiedlichen Jahrzehnten: Die Restaurants, in denen ein schwarzer und ein weisser Koch zweimal täglich gehobene Drei-Gänge-Menüs aus der engen Küche schicken, stammen aus den 50ern. Die Bar mit offener Beobachtungsplattform am Ende sogar aus den frühen 30ern. Und die Waggons dazwischen wurden einst in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren gebaut. Mittlerweile gehören sie zum südafrikanischen Luxus-Zugreise-Veranstalter Rovos Rail, der alles modernisierte. Trotzdem stösst man in den holzverkleideten Abteilen nach wie vor auf viele hübsche Details aus der Vergangenheit: die silbernen Armaturen, die alten Hinweisschilder oder das aus der Wand klappbare Waschbecken.

Wir tuckern durch die Zeit

All das lässt einen durch die Zeit taumeln, während sich der Zug schlenkerreich von der namibischen Hauptstadt Windhoek bis ins südafrikanische Pretoria schlängelt. Von Safaris zu wuchtigen Landschaften, von Städten mit Kolonialgeschichte zum gigantischen Diamantenloch in Kimberley. Dabei wird der African Explorer zur nostalgischen Zeitmaschine.

In der Diamantenmine Kolmannskuppe, wo anfangs die Diamanten einfach vom Boden aufgehoben werden konnten, blieb die Zeit schon 1938 stehen. Das war das Jahr, in dem der Abbau eingestellt wurde. Sperrgebiet ist die Gegend bis heute. «Sie dürfen hier nichts aufheben und in die Taschen stecken», warnt Fremdenführerin und Deutsch-Namibierin Ursula. Das Areal sei mit Kameras überwacht. Zur Blütezeit wurde – gemessen an der lebensfeindlichen Wüstenumgebung – eine luxuriöse Kleinstadt samt Krankenhaus und Turnhalle für die Arbeiter gebaut. Noch heute stehen in der Geisterstadt die Kegel auf der Kegelbahn. Die meisten alten Steinhäuser allerdings sind leer und strahlen eine Zeitverlorenheit aus beim stoischen Aufbäumen gegen die Natur, die sich alles zurückholt. Der Wüstenwind fegt den Sand durch die offenen Fenster der Häuser, wo er sich zu Zimmerdünen auftürmt.

Der African Explorer ist eine der raren Möglichkeiten, das Land auf Schienen zu entdecken. Schon im alten Bahnhof von Windhoek merkte man, dass der Zug in diesem Land kein besonders gefragtes Fortbewegungsmittel ist. «Es gibt wenige Züge in Namibia, vielleicht ein bis zwei pro Woche auf jeder Strecke», sagt Zug-Manager Senele Mkiza. Passagierwaggons werden oft einfach an Güterzüge angehängt. Die meisten Strecken seien einspurig. Weil die Züge sehr langsam fahren, nähmen ohnehin die meisten lieber das Auto. Für den African Explorer sind 20 bis 30 Kilometer pro Stunde allerdings gerade richtig. Denn wenn man nicht gerade vom ausführlichen Bordprogramm durch Trockenfleischverkostungen, Grillabend auf den Bahngleisen oder Vorträge der Reiseleitung abgelenkt wird, werden die breiten Fenster so zum Logenplatz für die wechselnden Landschaftspanoramen.

Umsteigen in der ältesten Wüste der Welt

Die Diesel-Lok zieht die Waggons durch Steppen, Wüstenausläufer, grosse Privatfarmen und vorbei an ziemlich leeren Strassen. Menschen sieht man vom Zug aus wenige, wenn er nicht gerade in einer der kleinen Städte hält, wo man im komfortablen African-Explorer-Kosmos mit einer anderen Seite von Namibias Gegenwart konfrontiert wird. Dann laufen Kinder um den Zug, klopfen an die Fenster und fragen nach Essen. Manche Mitreisenden versuchen, das zu ignorieren. Andere verstecken sich oder suchen die besorgte Diskussion über den Wohlstandsclash.

Nicht alle Orte können mit dem Zeitreise-Zug angesteuert werden. Immer wieder müssen die Reisenden umsteigen, um Landschaften zu erreichen: wie in der Namib-Wüste, der ältesten der Welt. Über eine Stunde schaukelt das winzige Propeller-Flugzeug über den rostroten, hohen Dünen, in denen mal ein verlassenes Haus oder eine bizarre Containerschiffruine zu sehen ist – und ansonsten einfach nur eindrucksvolles, sandiges Nichts.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1