Karl Marx

Von Thomas Aeschi bis Cédric Wermuth: Wie Schweizer Persönlichkeiten Karl Marx verstehen

Thomas Aeschi, Karl Marx und Cédric Wermuth.

Thomas Aeschi, Karl Marx und Cédric Wermuth.

Bis heute diskutieren Historiker und Sozialwissenschafter seine Theorien. Mit seinen Analysen veränderte Karl Marx die Sicht auf die Welt und die Menschen. Wir haben bei Politikern, Philosophen und Professoren nachgefragt, wie sie Marx interpretieren.

Am 5. Mai 1818 wurde Karl Marx geboren. 200 Jahre später bewegt er immer noch die Gemüter. So interpretieren Schweizer Politiker, Ökonomen und Philosophen Karl Marx.

Thomas Aeschi: «Würde Marx noch leben, hätte er Ja zur Begrenzung der Zuwanderung gestimmt»

Thomas Aeschi ist Nationalrat, Fraktionspräsident SVP, Bundeshausfraktion, Baar ZG.

Thomas Aeschi ist Nationalrat, Fraktionspräsident SVP, Bundeshausfraktion, Baar ZG.

Das institutionelle Rahmenabkommen, das die EU von der Schweiz fordert, wäre von Karl Marx vehement abgelehnt worden. Denn durch das Diktat aus Brüssel (im Sinne von Marx entspricht die EU der «Bourgeoisie», also der Klasse des Grossbürgertums) wird dem Schweizer Stimmbürger (im Sinne von Marx sind wir die Klasse des Kleinbürgertums) das Stimmrecht entzogen – selbst mit einem Referendum könnten wir uns nicht mehr gegen die uns durch die EU und den EU-Gerichtshof aufgedrückten Vorgaben wehren.

Während das Grosskapital in Brüssel entscheidet (Barroso, der ehemalige Präsident der Europäischen Kommission, lobbyiert heute für Goldman Sachs), verarmt der Schweizer Bürger, weil durch die Zuwanderung immer mehr Ü50-Arbeitnehmer durch jüngere Ausländer ersetzt werden und das Volksvermögen mit immer mehr Menschen geteilt werden muss.

Statt sich um die Belange und Sorgen der Schweizerinnen und Schweizer zu kümmern, überweist die SP Schweiz lieber 1,3 Milliarden Franken als «Kohäsionsmilliarde» an Osteuropa (dorthin, wohin die Schweizer Stellen abwandern) und 3 Milliarden Franken (allein im Jahr 2017!) im Rahmen der Entwicklungshilfe an Länder in weiter Ferne. Würde Marx noch leben, hätte er Ja zur Begrenzung der Zuwanderung gestimmt und ein institutionelles Rahmenabkommen mit der EU entschieden bekämpft.

Thomas Straubhaar: «Man muss nicht zum Marxisten werden, um tiefste Bewunderung für Karl Marx zu entwickeln»

Thomas Straubhaar ist Ökonom und Migrationsforscher. Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg.

Thomas Straubhaar ist Ökonom und Migrationsforscher. Professor für Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Hamburg.

«Das Kapital» habe ich geschenkt erhalten – zum Abschied aus einem Aufsichtsrat, in dem ich den Ruf des Neoliberalen hatte. Die Arbeitnehmerseite war wohl froh, mich loszuwerden, und fand, ich sollte mich – nun da ich ja mehr freie Zeit haben würde – mit Karl Marx weiterbilden, dann würde ich erkennen, wie falsch ich sie die Jahre über mit meinen Forderungen nach mehr Flexibilität und Mobilität behandelt hätte. Die fast 1000 Seiten lange «Kritik der politischen Ökonomie» stand dann lange unberührt neben dem wesentlich leichter lesbaren und kürzeren «Kommunistischen Manifest» in meinem Büchergestell.

Als ich dann kurz nach der Finanzmarktkrise einen Vortrag zu halten hatte, ob «Marx doch recht hatte», musste es sein. Erste Versuche, mich mit den abstrakten philosophischen Gedankengängen wirklich auseinanderzusetzen, scheiterten. Dann aber halfen mir die Vorworte zu den verschiedenen Auflagen und zur französischen Ausgabe, die meinem Exemplar vorangestellt waren. Sie waren sowohl von Karl Marx als auch Friedrich Engels verfasst worden und erzählten sehr viel über die Entstehung des Monumentalwerks. Danach war das Eis gebrochen. Ich schaffte es, den ersten Band mit seinen 25 Kapiteln und 800 Seiten in einem Schwung durchzulesen.

Hat sich die Lektüre gelohnt? Absolut! Man muss nicht zum Marxisten werden, um tiefste Bewunderung für Karl Marx, sein Denken, sein Schaffen, seine Belesenheit und seine Fremdsprachenkompetenz zu entwickeln – selbst wenn aus heutiger Sicht Marx nicht in allen, aber halt doch einigen Punkten recht hatte.

Katja Gentinetta: «Von Marx habe ich gelernt: Ideologisch sind immer die anderen»

Katja Gentinetta ist Politikphilosophin und -beraterin.

Katja Gentinetta ist Politikphilosophin und -beraterin.

 Marx begegnet bin ich nie, wohl aber Marxisten, überzeugten, eingefleischten, vehementen. Und stets bin ich von neuem überrascht, irritiert, manchmal gar besorgt, mit welcher Vehemenz, Radikalität und zuweilen Aggression die Ansichten Marx’ verteidigt werden – gegen andere Meinungen, gegen die Evidenz der Geschichte, gegen die – so würde ich jedenfalls sagen – Realität. Immerhin kann ich diese Kompromisslosigkeit, ja Totalität der Weltanschauung mit dem in Verbindung bringen, was als «Arbeiter- und Bauernstaat», «langer Marsch» oder «Deutsche Demokratische Republik» in die Geschichte einging.

Nichts aber leugnen Marxisten mehr, als dass diese unmenschlichen, brutalen Experimente etwas mit Marx zu tun hätten. Nur bestimmt für Marx das Sein das Bewusstsein; es gibt also keine Idee unabhängig von der Realisation. Und das gilt auch für den Marxismus: Er ist dann wohl das, was aus seiner Idee geworden ist. – Von Marx habe ich gelernt: Ideologisch sind immer die andern. Dies erlaube ich mir, zu übernehmen – wenn ich mit Marxisten spreche. Wie wäre es mit der Überwindung des marxistischen Absolutismus?

Dieter Thomä: «Marx war ein Meister der Einmischung» 

Dieter Thomä ist Professor für Philosophie, HSG Universität St. Gallen.

Dieter Thomä ist Professor für Philosophie, HSG Universität St. Gallen.

Karl Marx lag oft daneben – und traf oft ins Schwarze. Er hat die ungeheure Wucht erkannt, mit der die moderne Wirtschaft sich globalisiert und unser Leben umwälzt. Die Verführungskraft und die Leistungsfähigkeit des Kapitalismus hat Marx freilich unterschätzt – und deshalb lag er auch ganz falsch damit, dass die Revolution geradewegs einer ökonomischen Krise entspringen würde.

Marx ist nicht schuld daran, dass in seinem Fahrwasser totalitäre Regimes gediehen. Eine Teilverantwortung dafür trägt er aber durchaus. Und doch war Marx ein richtig guter Theoretiker der Freiheit. Er hat nämlich verstanden, dass wir Menschen nicht nur Wahlfreiheit oder Vertragsfreiheit brauchen, sondern so etwas wie soziale Freiheit. Das heisst: Um frei zu sein, sind wir angewiesen auf förderliche Umstände. Man kann nicht schwimmen ohne Wasser, man kann nicht lernen ohne gute Ratschläge, man kann nicht singen und spielen, wenn der Magen knurrt.

Marx war ein Meister der Einmischung. Er hat versucht, Theorie und Praxis zu verbinden, und er hat die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen – Philosophie, Ökonomie, Geschichte, Soziologie – zusammengebracht. Heute setzt man nicht auf Einmischung, sondern auf Entmischung. Wissenschafter spezialisieren sich auf ihre Expertise und wissen ganz viel über ganz wenig. Social-Media-Nutzer bewegen sich in ihrer Echokammer und sind sich mit wenigen Gleichgesinnten über alles einig. Würde Marx heute leben, dann würde er die Filterblasen zum Platzen bringen.

Gerhard Pfister: «Die Analysen von Marx haben etwas Richtiges, genauso wie die von Adam Smith»

Gerhard Pfister ist Nationalrat und Präsident CVP Schweiz.

Gerhard Pfister ist Nationalrat und Präsident CVP Schweiz.

In der Woche, in der die Walpurgisnacht stattfindet, wird jeweils auch an manchen Veranstaltungen Karl Marx zitiert. Zu Recht. Denn der Sozialismus gehört zu den wirkungsmächtigsten Ideologien der Neuzeit, wie der Liberalismus. Wirklich erfolgreiche Gesellschaften wurden aber nur diejenigen, die auf die totalitäre und radikale Umsetzung der Ideologien verzichteten – und den Menschen ins Zentrum stellten.

Die evidenteste Widerlegung des Sozialismus ist die Realität, nämlich das Schicksal der betreffenden Staaten: Den Kapitalismus kann man nur kritisieren, wenn der eigene sozialistische Laden nicht zusammenbricht. Aber deswegen zu folgern, der Liberalismus habe über den Sozialismus «gesiegt», ist falsch. Denn die Analysen von Marx haben etwas Richtiges, genauso wie die von Adam Smith.

Der «Fehler» besteht weniger in den Analysen, als darin, was die Menschen daraus machten: Ideologien. Kennzeichen der Ideologie ist, dass sie den Menschen und seine Welt unter das Joch einer als absolut und einzig wahr behaupteten, manchmal sogar als «wissenschaftlich» bezeichneten Idee zwingen will. Man kann und sollte von Marx lernen. Auch von Smith. Aber man sollte das Richtige lernen.

Cédric Wermuth: «Marx zu lesen, als habe er eine heilige Schrift entwickelt, wäre zutiefst unmarxistisch»

Cédric Wermuth ist Nationalrat, Vize-Präsident der SP-Fraktion, Co-Präsident der SP Aargau.

Cédric Wermuth ist Nationalrat, Vize-Präsident der SP-Fraktion, Co-Präsident der SP Aargau. 

Es gibt nichts Bemühenderes als Leute, die versuchen mit Marx-Zitaten etwas zu beweisen oder zu beweisen, dass er falsch lag. Marx zu lesen, als habe er eine heilige Schrift entwickelt, wäre zutiefst unmarxistisch. Seine Methode besteht vielmehr in der dauernden Thematisierung von Kritik und Widersprüchen. Er plädiert strikt dafür, den Menschen als Potenzial zu sehen. Er ist fähig zur grössten Grausamkeit und zur grossartigsten Solidarität. Entscheidend dafür, welches Potenzial sich durchsetzt, ist die Frage, wie wir gesellschaftliche Institutionen und Macht verteilen.

Genauso befremdend ist, für was alles Marx bis heute verantwortlich gemacht wird, bis hin zur Katastrophe des Stalinismus. Marx ist 1883 gestorben – weit bevor sich der real existierende Sozialismus auf ihn berufen konnte. Er hätte sich im Grab umgedreht, wäre ihm das zu Ohren gekommen.

Im Kern marxistischer Kritik stand und steht die individuelle Freiheit. Diese ist genauso durch autoritäre Staaten, gesellschaftliche Mächte oder wirtschaftliche Ausbeutung gefährdet – bis heute. Marx stand immer auf dem Boden der bürgerlichen Freiheiten und der Demokratie. Aber er verschliesst im Unterschied zu den Liberalen und Konservativen nicht die Augen, wenn Menschen und die Natur durch andere Menschen ausgebeutet und unterdrückt werden.

Marx’ Verdienst besteht darin, gezeigt zu haben, dass eine Welt der systematischen Ausbeutung, der Kapitalismus, keineswegs unveränderbar ist. Ein Welt, in der die Menschen vor den Profiten kommen, ist jederzeit möglich und nötig. Darin bleibt er unverändert aktuell.

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