Es ist heiss. Mit einem alten Mercedes bin ich unterwegs auf einer holprigen Nebenstrasse südlich von Santa Fe, USA. In Gedanken sehe ich die Wildpferde schon vor mir, wie ihre Mähnen im Wind wirbeln und sie galoppierend den Wüstenstaub aufwirbeln.

Doch wer dann zuerst den Wüstenstaub aufwirbelt, ist Letizia Reato, genannt Zia, auf ihrer alten Harley, als sie aufs Ranchgelände braust. Die langen blonden Haare unter dem Cowboyhut wirbeln im Fahrtwind. Die 30-Jährige trägt Cowboystiefel, eine Lederjacke mit Armfransen und grosse Ohrringe. Das ist also die Pferdeflüsterin der Mustangs. Aber Zia lacht bloss: «Bin ich nicht wirklich, meine Anweisungen sind eher klar und deutlich.»

Zia ist in Surlej bei St. Moritz aufgewachsen. Ihr Vater ist Italiener, ihre Mutter Polin. Sie selbst spricht fünf Sprachen fliessend. Als Mädchen hat sie wie viele andere mit Barbie- Pferden und -Ponys gespielt. Freunde habe sie nicht viele gehabt, sagt sie. «Irgendwann begann ich mit Reiten und merkte, dass die Pferde die einzigen Lebewesen waren, die mich verstanden und mich fröhlich machten.»

Zia mit einem Pferd, das sie trainiert hat.

Zia mit einem Pferd, das sie trainiert hat.

Der Vater hatte ihr ein Pferd versprochen. «Wenn ich 17 würde, sollte ich eines bekommen. Leider haben sich die Dinge anders entwickelt, und ein Pferd kam nicht mehr infrage», sagt sie. Schweren Herzens entschied sich Zia, ihre Familie zu verlassen und in die Vereinigten Staaten zu reisen. Sie sagt, Fernweh, Lebenshunger und die Sehnsucht nach den Mustangs hätten gesiegt. Dort wurde sie zum Cowgirl und zur Pferdetrainerin. Das Handwerk des Hufschmieds beherrscht sie auch.

Wildpferde werden eingefangen

Büffel Clyde kommt auf uns zugesprungen. Ich weiche aus, aber Zia umarmt und knuddelt ihn. Dann gibt sie ihm einen Kuss auf die Stirn. Clyde ist ein Jahr alt, verspielt und anhänglich. Wild, wie sie ist, springt Zia auf Clydes Rücken und reitet mit ihm über das Ranchgelände. Dann springt sie wieder ab und kommt mit einem strahlenden Gesicht zu mir zurück. Sie liebt Tiere, nicht nur die Pferde. Sie sagt: «Weisst du, so wie die Pferde mir geholfen haben, so möchte ich nun ihnen helfen. Darum habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, gefährdeten Mustangs in der Wüste New Mexicos zu helfen.»

Die Mustangs und die nordamerikanischen Wildpferde würden in den USA leider als eine Pest angesehen, sagt sie. Sie vernichten angeblich das Grasland der Kühe, was zu Konflikten mit Viehzüchtern führt. Die Pferde werden zusammengetrieben und in Auffangstationen nach Alter und Geschlecht aufgeteilt. Die Herden werden auseinandergerissen. «Das kann bei Herdenmitgliedern zu grossem Kummer führen», sagt Zia.

Bis heute darf man Pferde in den USA zwar nicht schlachten. Aber in Mexico und Kanada ist die Schlachtung legal. Mustangs werden deshalb auf engstem Raum verfrachtet und ausser Landes gebracht. «Ihr Todesurteil», sagt Zia. «Viele sterben grauenvoll auf dieser Reise. Tiere, die keine Gitter oder Zäune kennen, geraten in Frachtern und Lastwagen in Panik.»

Präsident Donald Trump hat mittlerweile das Budget für Mustangs um 10 Millionen gekürzt. Das Geld wäre unter anderem zur Sicherung der Rasse und zur Bezahlung von Mustang-Trainern notwendig, damit die Tiere vermittelbar werden können. Einige der verstörten Pferde landen bei Zia. Sie kauft diese für einen Spottpreis von höchstens 125 Dollar von den Auffangstationen oder bekommt sie vom New Mexico Livestock Board, dem Amt für Nutztiere.

Die Mustangs sind nicht ungefährlich, wenn sie frisch aus der Wildnis kommen. «Du meinst es gut, aber du kannst es ihnen nicht erklären. Erst wenn du sie zum ersten Mal physisch berühren kannst und sie anfangen, dir zu vertrauen, dann ist das wie eine kleine Explosion mitten in deinem Herz», sagt Zia. «Ich habe schon viele Mustangs vermitteln und so retten können.»

Die Frau streicht sich durchs Haar, und mir fallen ihre Tattoos am Arm auf. Seltsame Zeichen. Es seien dieselben, wie sie den Mustangs eingebrannt werden, erklärt Zia.

Sie verdient ein bisschen Geld mit dem Vermitteln gezähmter Mustangs. Daneben macht sie Touristenausritte, gibt Reitlektionen und ist ab und zu Stunt-Frau für Western-Filme. Ihr Problem, sagt sie, sei nicht nur der Lohn, sondern dass sie als Frau überhaupt für solche Aufträge angestellt werde.

Zia arbeitet allein auf der Ranch in Elizabethan Town. Es ist nicht ihre eigene, aber sie sagt: «Ich brauche kein Haus, sondern nur eine Scheune, Weidefläche, einen guten soliden Platz zum Reiten und viel offenes Land.»

Kein Mann, der mithalten kann

Zia und die Pferde, die Kühe, Hirsche, Bären und Berglöwen. Wird es ihr nie zu viel? Beziehungsweise zu einsam? «Zweifel gibt es immer wieder. Aber jedes Mal, wenn ich ein neues Zuhause für einen meiner Mustangs finde, oder jedes Mal, wenn ich einen erfolgreichen Ritt mit einem Pferd hinter mir habe, dann sind die Zweifel weg. Oder auch wenn ich mit meinem Pferd Rosi ohne Sattel im Vollmond reite oder mit ihm in einem klaren Fluss schwimmen gehe.»

Und einen Partner, braucht sie das nicht? «Einen Mann, der mit mir mithalten kann, habe ich leider noch nicht kennen gelernt. Aber wenn einer aufkreuzt – warum nicht? Ich kann ja immer wieder wegreiten.»

*Karin Aebersold ist Fotografin aus Lenzburg. Sie traf Zia zufällig auf ihrer Suche nach Mustangs in den USA.