«Ich hatte mich auf drei Monate Eis und Kälte eingestellt. Doch unsere Expedition beginnt im südafrikanischen Kapstadt Mitte Dezember 2016 – und auf der Südhalbkugel ist Sommer. Bei 30 Grad Plus verbringen wir fünf intensive Tage damit, unser Forschungsschiff, den Eisbrecher «Akademik Tryoshnikov», reisefertig zu machen: Wir müssen die wissenschaftlichen Instrumente aller 22 internationalen Forschungsgruppen an Bord installieren. Was in Kapstadt nicht funktioniert oder nicht vorhanden ist, werden wir in den nächsten vier Wochen nur schwerlich reparieren oder beschaffen können.

Vier Wochen – so lange wird die erste Etappe bis nach Hobart dauern; insgesamt wird die gesamte Umrundung der Antarktis etwas mehr als zwölf Wochen in Anspruch nehmen. Was uns bevorsteht, ist die Antarctic Circumnavigation Expedition (ACE), ausgerichtet vom neugegründeten Schweizer Polarforschungsinstitut. Die mehr als fünfzig Forschenden, die hieran teilnehmen, kommen aus der ganzen Welt.

Ich bin eine von ihnen und habe mich und meine Instrumente seit Anfang 2016 auf diese abenteuerlichen Messungen vorbereitet. In den nächsten Monaten werde ich ein kleines Forschungsteam auf dem Schiff leiten: Wir sind drei Leute, die atmosphärische Messungen machen, unter der Leitung des Paul-Scherrer-Instituts PSI in Villigen, Aargau. Unsere Instrumente haben wir in einem roten Container installiert, den wir vom PSI mitgebracht haben. Auf diesem Container sind zwei sogenannte Lufteinlässe montiert, wie zwei Kamine, durch die wir die Luft über dem Südpolarmeer ansaugen.

21 andere Forschungsgruppen

Mit unseren Messgeräten werden wir die chemische Zusammensetzung der Luft erforschen und wie sich diese auf die Wolkenbildung auswirkt. Da Wolken eine entscheidende Auswirkung auf das Klima der Erde haben, werden wir damit zu einem besseren Verständnis des Klimas und des menschengemachten Klimawandels beitragen.

Derweil werden die anderen 21 Forschungsgruppen an Bord in den kommenden Monaten anderen Fragestellungen nachgehen: Gletscherkundler werden Proben mit Eisbohrungen nehmen, Biologen die Mikroorganismen der Antarktis untersuchen, Klimaforschende sind an den lokalen Wetterbedingungen interessiert. Was wir alle gemeinsam teilen, ist der Drang, die Antarktis besser verstehen zu wollen; erstens, damit diese Region in Zukunft besser geschützt werden kann, und zweitens, weil der Zustand der Pole eine grosse Auswirkung auf das Klima der gesamten Erde hat.

Die Antarktis-Route

Die Antarktis-Route

Pünktlich um 15 Uhr am Nachmittag des 20. Dezembers brechen wir in Kapstadt auf. Das Meer ist ruhig, es ist warm. Mein Team und ich fühlen uns gut vorbereitet. Unsere Geräte laufen und sammeln Daten. Nach zwei Tagen wird die See rauer, die Luft kälter und stürmischer. Am dritten Tag kommen wir zum unter Seefahrern berüchtigten vierzigsten Breitengrad und werden von einem Sturm Richtung Marion-Insel getrieben. «Rock ’n’ Roll» heisst es nun an Bord. In der Kantine darf der Suppenteller nicht zu voll sein, sonst schwappt er über, und oft rutschen alle im Wellentakt mit ihren Stühlen von links nach rechts und umgekehrt. Also dann, denke ich, willkommen in der Antarktis.