Es heisst, die Lettinnen seien die attraktivsten Frauen Europas. Kühl-distanziert auf den ersten, herzlich-warm auf den zweiten Blick. Natürlich schön. Das zu lesen, setzt unter Druck. Was kommt mit auf die Reise in die lettische Hauptstadt? Immerhin verspricht man mir in Riga eine rauschende Party in einem Luxushotel. Sich für das frivole Schwarze zu entscheiden, wird sich als gute Wahl herausstellen. Etwas weniger feine Schuhe, warme Kleidung und einen Regenschirm eingepackt zu haben, auch. In die 700 000-Einwohner-Stadt reisten bisher vor allem Kulturinteressierte – Riga war 2014 Kulturhauptstadt Europas.

Nun weckt die Stadt immer öfter das Interesse von Wochenendausflüglern. Obschon das Wetter im Nordosten Europas selten einladend ist (während meines Aufenthalts wehte ununterbrochen ein eisiger Wind), ziehen zahlreiche Cafés, traditionelle Restaurants mit deftiger Küche, Galerien und Läden für junge Designermode jährlich eine halbe Million Touristen nach Riga.

Jugendstil und Folklore-Trash

An diesem Wochenende hat das Grand Hotel Kempinski eingeladen. Die Luxushotel-Gruppe erhofft sich mit einem Haus in Riga, wohlhabende Touristen aus Russland und Mitteleuropa in die grösste der baltischen Städte zu locken. Mit einer pompösen Eröffnungsparty im Oktober vergangenen Jahres startete der Betrieb.

Die glamouröse Szenerie im Prunkbau aus dem 19. Jahrhundert erinnert an eine Zeit, als Riga einen der grössten und bedeutendsten Häfen Europas besass. Als die Stadt noch reich war. Und es fertigbrachte, um 1900 rund 800 Häuser im Jugendstil zu bauen.

Nachdem sich Lettland 1991 von der Sowjetunion löste, erlebte die Bevölkerung in den folgenden Jahren den grossen Aufschwung. Seit dem Jahr 2004 gehört das Land zur EU. Vor zehn Jahren, um das Jahr 2008, ist dann die Blase geplatzt. 200 000 Fachkräfte sind ins Ausland abgewandert, das Land steht heute vor der Insolvenz. Dass die Stadt nun auf der Welle des Osteuropa-Tourismus-Trends mitreiten kann, tut Riga gut. Doch nicht nur. Die allzu herausgeputzte Innenstadt nennen Einheimische zuweilen «Disneyland», und auch Folklore-Trash kratzt an der propagierten Authentizität.

Eine Strasse, die sich zu besuchen lohnt, ist die vorbildlich renovierte Alberta Iela. Dort reiht sich eine farbige, verschnörkelte und nie um eine nackte Steinfigur verlegene Häuserfassade an die andere.

Dieses Gebäude, gebaut nach einem Entwurf vom Architekten Mikhael Eisenstein im Jahre 1905, zeigt eine groteske Kulissenlandschaft, verziert mit Fabelwesen, Dämonen, Masken und barbusigen Schönen. Auf der Kippe zum Schwülstig-Kitschigen ist dieses Viertel dennoch die 15 Minuten Fussmarsch von der Innenstadt aus wert.

Jugendstil in der Alberta Iela

Dieses Gebäude, gebaut nach einem Entwurf vom Architekten Mikhael Eisenstein im Jahre 1905, zeigt eine groteske Kulissenlandschaft, verziert mit Fabelwesen, Dämonen, Masken und barbusigen Schönen. Auf der Kippe zum Schwülstig-Kitschigen ist dieses Viertel dennoch die 15 Minuten Fussmarsch von der Innenstadt aus wert.

Im «Bauch von Riga»

Wer das Riga der Einheimischen sucht, muss auf den Rīgas Cent- rāltirgus, Rigas Zentralmarkt mit Ständen, so weit das Auge reicht: Die Markthallen, ehemalige Zeppelin-Hangars im Art-déco-Stil der 1920er-Jahre, werden als «Bauch von Riga» bezeichnet. Sie bieten den Besuchern einen spektakulären Anblick: Lebende Karpfen, Aale und Heringe winden sich in den Auslagen, Räuchermakrelen, Neunaugen und Fischrogen in grossen Eimern füllen die Luft mit einem wohl für manch verwöhnte Mitteleuropa-Nase stechenden Geruch. Vom Ballsaal auf den Fischmarkt ist kein Widerspruch, sondern das perfekte Kontrastprogramm für alle Riga-Reisenden. Die geballte Dosis Jugendstil.

Zwischen Rinderhälften, gegorenen Milchprodukten, eingelegten Gurken und Bernsteinketten sitzen aber auch alte, gebrechliche Menschen auf klapprigen Hockern. Sie verkaufen einzelne Zweige einer Fichte oder selbstgepflückte Blumen. Ein paar Cents verlangen sie für ihre karge Auslage. Dass sie im hohen Alter noch Ware feilbieten, ist eine Auswirkung der Rezession: Renten existieren in Lettland so gut wie nicht.

Wer sich in der Nacht zuvor mit Champagner einen Rausch antrank, kann den Anblick kaum ertragen. Zurück in die sauber gekehrte Innenstadt sollte man dennoch nicht gleich flüchten.

Der Zentralmerkt von Riga

Der Zentralmerkt von Riga

Fische aller Art verkaufen die Frauen hinter den Tresen in den endlosen Hallen des Zentralmarkts von Riga. Achtung, gewöhnungsbedürftiger Geruch in der Luft!