Mal ehrlich: Können Sie sich noch en detail an die Fussball-Weltmeisterschaft 1990 erinnern? 28 Jahre ist es mittlerweile her, eine lange Zeit. Eine Frisur, die da über die Plätze Italiens wuselte, hat sich aber für alle Ewigkeit in die kollektive Erinnerung gebrannt: Jene von Carlos Valderrama, dem kolumbianischen Nationalspieler, mehr wegen seiner zitronengelben wilden Haarpracht als wegen seines genialen Passspiels bekannt.

Böse Zungen nannten seine Frisur Klobürste, insbesondere nach der bitteren Niederlage der Schweizer Nationalmannschaft gegen Valderramas Männer an der WM 1994. Andere fanden sie einfach nur legendär. Freilich: Valderrama hat damals wohl keine Sekunde in sein Styling investiert.

Genauso wenig der Holländer Ruud Gullit mit seinen unverkennbaren Dreadlocks oder jene Herren in den 1970ern und 1980ern mit den unsäglichen Vokuhila- und Kochtopf-Schnitten. Dazu unbedingt ein Schnauzer à la dem Argentinier Ruben Hugo Ayala oder nach Art des Deutschen Paul Breitner. Dass Fussballer begannen, fast mehr Zeit vor dem Spiegel als auf dem Platz zu verbringen und ihnen heute deshalb oft ein Tussi-Image anhaftet – siehe Cristiano Ronaldo –, daran ist ein Engländer schuld: David Beckham.

Millionenfach kopiert

Der fesche Kicker war es, der mit ständig wechselnden Frisuren für Aufsehen sorgte. Ja, sie machten ihn zur Stilikone, zum Popstar. Dabei dribbelte er sich hin und wieder ins Abseits. Mehr noch, mit einem ganz bestimmten Schnitt richtete er immensen Schaden an; die Protest-Frisur der Punks wurde wegen «Becks» unwiderruflich verweichspülisiert. Nachdem er 2001 und 2002 mit Irokesenschnitt seine Freistösse zelebriert hatte, wurde der Hahnenkamm millionenfach kopiert, jahrelang. Vom kleinsten bis zum grössten Fan.

Seit Beckham hat sich die haarige Angelegenheit schon fast zum wichtigsten oder zumindest interessantesten Nebenschauplatz eines grossen Fussballturniers entwickelt. Da war der Brasilien-Star Marcelinho, der Farbe und Schnitt im Halbstundentakt zu wechseln schien. Oder der wasserstoffblonde Portu- giese Abel Xavier mit seinen «Cornrows». Die am Ansatz anliegende Flechtfrisur wurde in den Nullerjahren schnell zum Trend, sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Grauenvoll.

Das Gegenstück bot unser Lieblingsstürmer und Vorreiter der metrosexuellen Kicker-Welle Alain Sutter mit seiner blonden Walhallamähne und später mit verkürzter Föhnwelle, die stark an den Style von Farrah Fawcett («Drei Engel für Charlie») erinnerte. Zum Trend wurde keine dieser Frisuren. Bedeutete den Männern dann wohl doch zu viel Aufwand.

Es wird wild

Und heute? Nun, es zeichnet sich ab, dass ein wilder Wuschel- kopf neben schick getrimmten Bärten und streng gegelten Haaren an der Weltmeisterschaft 2018öfter zu sehen ist; der Trendsetter Marouane Fellaini aus Belgien macht es bereits seit ein paar Jahren vor.

Mit den «Alles egal»-Wuschelfrisuren der 1970er-Jahre hat das aber gar nichts zu tun. Viele Starfussballer verbringen Stunden damit, ihre Frisur in Form zu bringen, und gönnen sich die besten Hairstylisten. Da muss jede Locke und jede Welle sit- zen, auch nach einem «Köpfler» oder einem explosiven Sprint.

Sehr angesagt bei den Kickern ist zurzeit die Lockenfritte mit «Undercut», also rasierter unterer Kopfhälfte. So, wie ihn der Brasilianer Neymar bei seinem brillanten Comeback im Testspiel gegen Kroatien vor wenigen Tagen zur Schau trug. Aber wie wir Neymar kennen, wird er zur oder sicher während der WM seine Frisur öfter wechseln. Er ist ja schliesslich ein Popstar.