Ein Jäger ist im Anmarsch, ein Schnäppchenjäger. Die Namen der Filme hat er auf einen Zettel notiert. Ein Western-Fan offensichtlich. Er legt einen Stapel leerer DVD-Hüllen auf den Tresen und fragt: «Rio Bravo hast du nicht?» Liliane Forster sucht in ihrer Kartei. «Nein», muss sie dem Mann antworten, «leider nicht mehr.» Und mit Blick auf die DVD-Hüllen fragt sie: «Bist du dir sicher, dass du diese Filme haben möchtest? Darunter sind auch Blu-rays.» Sie sieht ihren Kunden an, wenn sie mit der Weiterentwicklung der DVD nichts anfangen können.

Liliane Forster kennt ihre Kunden. Und ihre Videothek im Zürcher Quartier Wiedikon gehört zu der Sorte von Läden, in denen man sich duzt. Der Western-Fan besitzt kein Blu-ray-Abspielgerät, er hat sich im Regal – vertan. «Nur DVDs», sagt er, während Liliane Forster hinter dem Tresen nach den richtigen silbernen Scheiben sucht.

«Ich bin nicht im Netz»

In der letzten kommerziell geführten Videothek Zürichs herrscht Schlussverkaufsstimmung. Die Leihfilme müssen weg. Vor dem Eingang stehen Wühlkisten mit DVDs für einen Franken. Im Ladeninnern sorgt ein Deckenventilator für etwas Luft an diesem heissen Junitag. Der Schriftzug «Filmriss» prangt noch auf einem gelben Filmstreifen.

Dieser Film ist selbst gerissen. Schon länger als ein Jahr kann sich die 63-jährige Besitzerin, Liliane Forster, keinen Lohn mehr auszahlen. Die Einnahmen reichten zuletzt kaum mehr für die Miete. Nun lässt sich Liliane Forster frühzeitig pensionieren. «Beim Weiterbetrieb des Ladens hätte ich weiterhin nur draufgezahlt», sagt sie.

Wie der Westernheld decken sich seit dem Frühling viele Kunden, Film-Nostalgiker und Sammler mit Raritäten ein. Liliane Forster ist in ihrem Element, berät die Kunden, deren Vorlieben sie längst kennt, preist letzte Einzelstücke an, prüft die silbernen Scheiben auf Kratzer und Schmutz und kassiert die letzten Franken ein. Auch der Reporter erhält Hilfe. Forster empfiehlt den wenig bekannten Kurzfilm von Franka Potente «Der die Tollkirsche ausgräbt».

Tief graben muss auch, wer heute nach Videotheken sucht. Zwar kann man im «Les Videos» im Zürcher Niederdörfli noch immer Filme ausleihen. Der Laden kann aber nur noch als Verein überleben. Mitglied wird man für 365 Franken im Jahr. Dafür kann man so viele Filme ausleihen, wie man will.

Auch aus anderen grossen Schweizer Städten sind die Videotheken fast komplett verschwunden. Lässt man die auf Erotik spezialisierten Videotheken beiseite, kommt man auf weniger als eine Handvoll für die Deutschschweiz. In Bern gibt es mit Dr. Strangelove noch gerade einen Anbieter. Der Besitzer isst und schläft die meiste Zeit gleich in seinem kleinen Ladenlokal in der Altstadt, während er seine Mietwohnung untervermietet. Der Grund für den rasanten Niedergang liegt in der digitalen Transformation. «Wir wurden weggeklickt», sagt Liliane Forster, die von sich selbst stolz und etwas trotzig sagt: «Ich habe noch nie einen Film downgeloadet oder gestreamt.» Sowieso ist ihr das Internet suspekt. So wie auffällig viele Filmriss-Kunden, die betonen, sie seien nicht im Netz.

1999 eröffnete Forster ihren Videoverleih mit Videokassetten. Wenig später musste sie auf DVD umsteigen. Um die Jahrtausendwende sprossen DVD-Verleihe in Schweizer Städten wie Pilze aus dem Boden. Geschäftstragend war für viele der Verleih von Sexfilmen. Dieses Geschäft verlagerte sich aber als Erstes ins Internet, wo sich die Bedürfnisse anonymer stärker befriedigen liessen als in der DVD-Thek im Quartier.

Auch Liliane Forster hatte in ihrem ersten Lokal eine Schmuddelecke hinter dem obligaten roten Vorhang. Dahinter waren nicht nur die Sexfilme, sondern auch das Horrorgenre vor den Augen der nichtvolljährigen Kundschaft verborgen.

Der Gang in die Videothek des Vertrauens war für viele Pärchen Freitagabend-Standard-Programm. Im besten Fall konnte man sich auf den Film einigen. Im Schlechteren nicht, nahm zwei Filme mit nach Hause, sah sich den einen an, liess das Wochenende verstreichen, ohne den zweiten auch nur angerührt zu haben, verpasste die Rückgabefrist und bezahlte Strafgebühren.

Was taugen die Netflix-Tipps?

Auch auf dem Land lief das Geschäft. An Automaten von Tankstellen der Landi-Tochter Agrola hatte man (meist) die Wahl der Qual, gabs doch vor allem schlechte Teenie-Komödien. Es war eine Zeit, in der Liliane Forster sogar expandieren konnte. 2005 zog sie mit ihren 21 000 Filmen in das grössere Lokal in Wiedikon. Auf die Schmuddelecke hinter dem Vorhang verzichtete sie fortan. Doch schon zwei Jahre später stockte das Geschäft, weil immer mehr Konsumenten Filme von Online-Plattformen gratis auf ihre Festplatten luden. Die Preise zerfielen, und die «Alles ist gratis»-Mentalität führte nicht nur zu fallenden Umsätzen der Kinobetreiber und Videobranche (siehe Grafik), es wurde auch immer enger für die Videotheken.

Hinzu kamen gut gemachte TV-Serien, die Anbieter wie Netflix offensiv bewarben. Ironie: Netflix war in den USA einst selbst mit dem analogen Geschäft gestartet und verschickte DVDs nach Hause. Netflix hat aber geschafft, was für den Filmriss von Liliane Forster nie infrage gekommen ist: einen Online-Filmverleih aufzuziehen. Denn für sie dreht sich alles um die silberne Scheibe: «Menschen wie ich wollen etwas in den Händen halten. Ausserdem erhält man mit der DVD Bonusmaterial, etwas zum Lesen auf der Hülle und eine bessere Qualität.»

Mit den DVD-Theken verschwinden aber nicht nur die silbernen Scheiben als Datenträger aus unserem Leben, sondern auch die fachkundigen Videothek-Angestellten. Mehr und mehr sind wir auf uns allein gestellt. Zwar erstellen Rechner bei Anbietern wie iTunes oder Netflix personalisierte Profile, und es werden uns Filme vorgeschlagen, die uns gefallen könnten. Die persönliche Note aber fehlt. Liliane Forster erzählt von Stammkunden, die fragten «Liliane, was empfiehlst du mir?», blind ihrem Rat folgten und wenige Tage später glücklich die DVD wieder zurückbrachten. Wie oft geben wir auf Netflix – der Flatrate sei Dank – einem Film zwar eine Chance, um ihn noch vor der Hälfte abzubrechen und den nächsten anzuklicken?

Abgebrochen hat nun auch Liliane Forster. Am Freitagabend lief in Zürich Wiedikon der Abspann: Mit einem Apéro bedankte sie sich bei ihren Stammkunden. Die letzte Mohikanerin des privaten DVD-Verleihs hat dichtgemacht.