Erklärungsversuch

Verschwörungstheorien: Warum glauben wir, hinter allem stecken Ausserirdische?

Vergils «Eine neue Ordnung der Zeitalter» steht auf der 1-Dollar-Note. Ein Wunsch für jeden Verschwörungstheoretiker.

Vergils «Eine neue Ordnung der Zeitalter» steht auf der 1-Dollar-Note. Ein Wunsch für jeden Verschwörungstheoretiker.

Ist die Flüchtlingswelle von Ägypten aus gesteuert? Steckt der westliche Geheimdienst hinter den Anschlägen von Paris? Warum ist der Mensch anfällig für abstruse Gerüchte und einfache Erklärungen?

Zu behaupten, Verschwörungstheorien seien populär, wäre eine glatte Untertreibung. Wenn irgendwo auf der Welt eine Katastrophe oder ein Ereignis mit grossen Auswirkungen geschieht, tauchen sie sofort auf, die alternativen Erklärungen, die behaupten, es sei nicht so, wie alle glaubten, und schon gar nicht, wie die Massenmedien verlautbarten. Vor allem im Internet sind sie fast allgegenwärtig.

Verschwörungstheorien – also der Glaube, dass eine einflussreiche Gruppe im Geheimen ein bestimmtes Ereignis erwirkt – gibts mittlerweile fast zu jedem Thema. Es gibt Menschen, die behaupten, die Terroranschläge in Paris im November seien nicht von Islamisten, sondern westlichen Geheimtruppen verübt worden – mit dem Ziel, bei den Franzosen die Zustimmung für Kriegseinsätze zu erhöhen. Auch zur Flüchtlingsdebatte verlauten bisweilen seltsame Thesen – und das aus höchsten Ämtern. Der tschechische Präsident Milos Zeman behauptete im Januar in einem Radiointerview, dass die Flüchtlingsbewegung aktiv von Ägypten aus gesteuert werde: «Ich bin der Ansicht, dass die Muslimbruderschaft diese Invasion organisiert, natürlich mit finanzieller Unterstützung einer Reihe von Staaten», sagte Zeman dem Sender CRO.

Der deutsche Philosoph Karl Hepfer, der an der Universität Erfurt lehrt und forscht, hat sich intensiv mit den «conspiracy theories», den Verschwörungstheorien, auseinandergesetzt. Die zunehmende Beliebtheit solcher Thesen ist für ihn klar erkennbar. Die Gründe führt er auf die aktuellen Krisen zurück und darauf, das wir in einer zunehmend komplexen Welt leben. «In solchen Zeiten suchen viele Menschen Orientierung. Sie suchen einfache Erklärungen und wollen klar festgelegt haben, wer gut und wer böse ist», sagt Hepfer.

Eine Art Abwehrreaktion

Der Glaube an Verschwörungstheorien sei eine Art Abwehrreaktion. «Wem es gelingt, sich davon zu überzeugen, dass eine einflussreiche Minderheit im Verborgenen das Weltgeschehen lenkt, gewinnt dadurch sofort ein Ordnungsmuster, das es ihm erlaubt, sich zurechtzufinden.» Zudem entlaste die Unterstellung einer Fremdsteuerung von der Verantwortung für eigene Entscheidungen. Wichtig ist dabei das Internet. Ohne Internet stehen Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, schnell alleine da. Online aber, da können sie Gleichgesinnte treffen.

Doch auch unfreiwillig wird man immer wieder mit ihnen konfrontiert, sei es auf Youtube, Twitter oder Facebook. Auf Youtube gehören Videos mit Schlagwörtern wie «Conspiracy» oder «Illuminati» zu den beliebtesten überhaupt. Sie tauchen deshalb auch oft auf der Startseite oder bei den vorgeschlagenen Videos auf. Zudem erkennen sowohl Youtube als auch Facebook, was sich der User am liebsten anschaut und füttern ihn entsprechend mit immer ähnlichen Beiträgen. Hinzu kommt eine spezielle Neigung des Users. Mehrere wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen, dass die Nutzer von sozialen Medien dazu tendieren, Informationen so auszuwählen, zu suchen und zu interpretieren, dass diese ihre eigenen Erwartungen erfüllen. Oftmals stammen aber Beiträge auf Facebook und Twitter aus sehr zweifelhafter Quelle. Viele Informationen sind schlecht recherchiert und nicht selten handelt es sich um Propaganda. Die Auswirkungen können drastisch sein. Im Bezug auf die Flüchtlingskrise können Falschmeldungen politische Entscheidungsprozesse beeinflussen und Gewaltakte auslösen.

Doch nicht alle Verschwörungstheorien sind Unsinn. Klar, jene zu den Flüchtlingsströmen sind es. Hinter dem Elend einen dunklen Strippenzieher mit einem Plan zu vermuten, der das aktiv lenkt, ist schon fast krank. Auch widerlegt ist mittlerweile die Theorie, dass die Amerikaner nie auf dem Mond gelandet sind. Bei anderen – gerade bei politischen Morden oder Terroranschlägen – ist das Entlarven nicht so einfach. So sind heute mehrere Historiker entgegen dem Fazit der offiziellen Untersuchung überzeugt, dass kein einzelner Schütze den US-Präsidenten John F. Kennedy 1963 in Dallas tötete, sondern dass es mehrere Schützen waren und diese von US-Behörden gelenkt wurden. Und auch zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gibt es eine Reihe von Fragen, die der offizielle Untersuchungsbericht nicht beantworten konnte. So hält sich standhaft die These, dass das «dritte» World
Trade Center, WTC 7, durch Sprengladungen zum Einsturz gebracht wurde.

Karl Hepfer findet die Verschwörungstheorien zum 11. September zumindest interessanter als andere: «Die gängigen Verschwörungstheorien hierzu überzeugen mich zwar nicht, aber ich denke, dass wir noch mit der einen oder anderen Überraschung rechnen können.»

Verschwörungstheorien sind also nicht von vornherein falsch. Das betont auch Hepfer: «Die Geschichte lehrt uns, dass es immer mal wieder grosse echte Verschwörungen gibt, die anfangs unglaublich klingen. Denken sie an die Fichen-Affäre in der Schweiz.»

Der Glaube an Verschwörungsthesen ist keine Intelligenzfrage. Grundsätzlich sind alle Menschen dafür anfällig. Es sind vor allem Denkfehler, die den Menschen zum Glauben an solche Thesen verleiten. Etwa die Neigung, grossen Ereignissen eine grosse Ursache zuzuschreiben.

Wahr oder unwahr

Die Schwierigkeit besteht also darin, wahre Verschwörungstheorien von unwahren zu unterscheiden. Und hierbei gibt Karl Hepfer eine Hilfestellung: Unwahre Verschwörungstheorien seien oft «zu schön, um wahr zu sein», sagt er. Misstrauisch sollte man gemäss Hepfer auch werden, wenn die Verschwörer übermässig dämonisiert werden.

Andere hilfreiche Tipps stammen von Michael Shermer, einem US-amerikanischen Psychologen und Skeptiker: Je komplexer die Verschwörung ist und je mehr Menschen daran beteiligt sind, desto eher sei sie blosse Fantasie. Zudem müsse man die Quelle unter die Lupe nehmen: Wer vertritt die These und was hat diese Person sonst schon an Behauptungen aufgestellt? Geht diese Person auf Kritik und alternative Erklärungen ein?

Der Mensch wird auch in Zukunft mit abstrusen Thesen und Falschmeldungen überschwemmt. Zumindest gibt es inzwischen Tools, welche dem User beim Filtern helfen. So ist im letzten Jahr die Website Hoaxmap.org online gegangen. Die Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, Falschmeldungen über Asylsuchende in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sammeln und zu kartografieren.

Was ist Ihre liebste Verschwörungstheorie? Schreiben Sie uns und geben Sie einen Kommentar ab!

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