Jasmin schwebt wieder einmal im siebten Himmel. Diesmal sei es bestimmt der Richtige, schwärmt sie. Aber noch bevor man zu fragen wagt, fügt sie – leicht zerknirscht – an: «Er ist Polarforscher und fliegt in zwei Wochen für ein Jahr in die Antarktis.» Was auf den ersten Blick noch nach einem etwas unglücklichen Händchen in Liebesdingen aussieht, ist leider ein ziemlich treffsicheres Muster. Denn Jasmins Letzter war ein verheirateter Vater von drei Buben. Auch ihre Liebhaber davor waren nicht unbedingt das, was man als Garanten für eine tragfähige und beglückende Zweierbeziehung bezeichnen könnte: Einer war ein schwedischer Filmstar mit Drogenproblemen, ein anderer lebte in Scheidung, einer war hochgradig depressiv und einer schwul. Allen gemein war: Sie waren nicht zu haben. Mission impossible.

«Ich könnte Hunderte solcher Beispiele nennen», sagt Thomas Spielmann, Fachpsychologe für Psychotherapie FSP aus Villigen AG. «Man verliebt sich in Verheiratete, in wandelnde Barbiepuppen von Frauen, in zölibatär lebende Pfarrer, in Leute, die halb so alt sind wie man selber oder aus anderen Gründen keine Verbindlichkeit eingehen können.

So hat man zwar die grossen Gefühle und das Herzklopfen, aber das, was wehtut an der Liebe, erspart man sich letztlich.» Einige, aber längst nicht alle Betroffenen würden das mit vollem Bewusstsein so einfädeln. «Bei so einem Partner kann ich mir sicher sein, dass er auch garantiert nicht bei mir einzieht», habe einmal eine ältere Frau in einem seltenen Anflug von Selbsterkenntnis zum Psychologen gesagt.

Prinzip Selbstschutz

Dass man in der Jugendzeit ab und zu mal hoffnungslos in einen Filmschauspieler oder Fussballstar verknallt ist, ist keine Neuigkeit. Laut Spielmann ist dieses Verhalten völlig normal und «urgesund». Es gehe dabei, so der Psychologe, um ein Ausprobieren von Fantasien, sozusagen ein Probehandeln in sicherem Rahmen. «Das Durchdrehen vor Verliebtheit mit all den damit verbundenen Körperreaktionen kann so erfahren werden, ohne dass etwas passiert, wofür man noch nicht bereit wäre.»

Wenn sich aber Erwachsene immer noch und vor allem immer wieder in Unerreichbare verlieben, steckt im Grunde genau das gleiche Prinzip dahinter – ganz so unbedenklich ist es dann allerdings nicht mehr. Dieses Prinzip heisst Selbstschutz. Spielmann erklärt: «Es gibt nichts, was mehr wehtut, als wenn man sich auf eine Lebensbeziehung einlässt, und die wird einem entrissen.»

Das Risiko, verletzt zu werden

Wer eine tiefe Beziehung mit einem anderen Menschen eingeht, riskiert, verletzt zu werden, selber zu verletzen und sich verändern zu müssen. Lässt man wirkliche Nähe gar nicht erst entstehen, kann einem all das nicht passieren. Aber es entgehen einem auch all die positiven Aspekte einer Beziehung, etwa «das Gefühl, erkannt zu werden, sich geborgen zu fühlen, sich fallen lassen zu können», so Spielmann. Der englische Dichter Oscar Wilde sagte treffend wie immer: «Es gibt im Leben eines Menschen nur zwei Tragödien: die Nichterfüllung eines Herzenswunsches und dessen Erfüllung.»

Manche Menschen hätten eine wichtige Fähigkeit, die es für eine ernsthafte Beziehung braucht, nie erworben, sagt Spielmann. Und zwar, das Gegenüber so sehen zu können, wie es wirklich ist. Sie haben irgendein Idealbild des perfekten Partners, dem ein normaler Mensch aus Fleisch und Blut auf Dauer gar nicht gerecht werden kann. Irgendwann wird klar werden, so Spielmann, «dass auch Justin Bieber am Morgen Mundgeruch hat und es unter der Bettdecke mal stinkt».

Wenn Jasmin weiterhin für katholische Priester oder 17 Flugstunden entfernt lebende Surflehrer schwärmt, müssen ihre Traumbilder nie zerstört werden. Sprich: Diese Männer werden ihr und ihrem angekratzten Selbstwert nie gefährlich, sie muss sich auf das Ungewisse nie wirklich einlassen, die Möglichkeit einer Zurückweisung ist im Keim erstickt. Und: Es liegt garantiert immer am anderen, wenn es nicht geklappt hat. «Ich hätte für diesen Mann alles gegeben», pflegt Jasmin zu sagen. Sie muss sich dann mit der eigenen Unzulänglichkeit gar nicht erst befassen.

«Krankenschwestersyndrom»

Ebenfalls in den Topf der unerreichbaren Menschen fallen die sogenannt «Unrettbaren». Jene also, die man hofft, kraft seiner Liebe «retten» zu können – ihnen endlich ein schönes Leben zu ermöglichen. Prostituierte etwa, Alkoholiker, Straftäter, psychisch Kranke. Bei Jasmin auch alles schon da gewesen. Man könnte es als «Krankenschwestersyndrom» bezeichnen. Spielmann analysiert: «Wer Angst hat, punkto Erotik nicht genügen zu können, verliebt sich in jemanden, der Hilfe braucht, böse gesagt in letztlich beziehungsunfähige Problemhaufen.» Aber auf Dauer könne so eine Beziehung nicht partnerschaftlich funktionieren, weil sie per Definition immer hierarchisch sei – oben die verantwortliche Helferin, unten der hilflose Patient. Selbstverständlich pflegt man seinen Partner, wenn er mal krank wird, aber, so Spielmann: «Auf Dauer können Mann und Frau nicht gleichzeitig sexuelle Wesen und Krankenpfleger oder Sozialarbeiter füreinander sein.»

Ebenso zielsicher, wie sich Jasmin jedes Mal Männer ohne Happy-End-Potenzial aussucht, erteilt sie jenen, die zu haben wären, einen Korb. Wieso nur sind Verbindlichkeit und Zuverlässigkeit für sie so langweilig und «unsexy»? Spielmann meint: weil es gefährlich werden könnte. «Indem man schnell sagt: ‹Interessiert mich nicht!›, schützt man sich davor, diesen ‹Mann auf den zweiten Blick› so richtig gerne zu bekommen und sich diesem Gefühl auszuliefern.» Der «sportliche Wettkampf» um den sagenhaft gut aussehenden aber schlussendlich unerreichbaren Mann eignet sich besser, um den eigenen Selbstwert noch ein bisschen zu füttern.

Menschen, die dem Muster «Verliebt in einen Unerreichbaren» verfallen sind, leben ein Leben ohne Tiefen, aber auch ohne Höhen, sagt Spielmann. «Ein Leben, bei dem die Zuschauer in der Pause aus Langeweile wegliefen, wenn es verfilmt würde.»