Es ist dieses Stück der letzten Hoffnung, an die sich John klammerte. «Du kannst drei Minuten ohne Luft, drei Tage ohne Wasser und drei Monate ohne Essen auskommen», sagt der 61-jährige Amerikaner und rührt in seinem Kaffee in einer Bar in Interlaken. «Well, ... ich sagte mir, Luft hatte er, Wasser gibt es wegen des Schnees und Eises da oben zur Genüge, Essen ist rar.»

Fast ein halbes Jahr verging, bis sich John Fast entschloss, auch noch nach seinem verschollenen Sohn Harrison in der Schweiz zu suchen. Und als er in Denver (Colorado) die Koffer bereits gepackt hatte, da kam sie: die Nachricht.

Schweizer Bergretter fanden am 25. August während der Bergung eines am Eiger tödlich verunglückten Tschechen unterhalb eines frischen Gletscherabbruchs an der Jungfrau einen leblosen Körper. Am 26. August meldete die Berner Kantonspolizei: Beim Toten handelt es sich um den an Ostern verschwundenen amerikanischen Speedflyer Harrison Fast.

Teuer: Der Helikopterflug über das Gebiet, in dem die Familie Harrison Fast zu hofft.

Teuer: Der Helikopterflug über das Gebiet, in dem die Familie Harrison Fast zu hofft.

Er konnte sich das nicht antun

John erinnert sich an den Moment, als die Nachricht bei ihm zu Hause eintraf. «Wir waren traurig, aber vor allem erleichtert. Endlich hatten wir Gewissheit.» Die Suche der Fasts nach ihrem Sohn Harry hatte ein Ende. Diese hatte ein im Berner Oberland nie gesehenes Ausmass angenommen. Unter der Organisation von Harrys Cousine Cassie Carothers reisten die Mutter und Freunde nach Harrys Verschwinden am Karsamstag nach Lauterbrunnen und suchten auf eigene Faust nach Harry. Weil die Schweizer Retter nach mehreren Suchflügen und Suchgängen ihre aktive Suche bis auf weiteres eingestellt hatten, suchten freiwillige Helfer das Jungfraugebiet Perimeter um Perimeter mit Drohnen ab. Ohne Erfolg.

John selbst war zu Hause geblieben. Mit gutem Grund, wie er sagt: «Ein Besuch wäre der Sache nicht zuträglich gewesen. Ich bin zu heissblütig und hätte die Retter ihre Arbeit nicht in Ruhe machen lassen.»

John ging es sehr schlecht. Mit Harry verlor er seinen einzigen Sohn. Ein Abenteurer war er, wie er nun in Interlaken sagt. «Er war immer interessiert, was sich hinter der nächsten Ecke verbirgt und er war nicht fahrlässig», erzählt John. Im Gegenteil. Sie hätten über die gefährliche Sportart Speedflying eingehend diskutiert.

Beim Speedflying schnallen sich Wintersportler Skis an die Füsse und zurren sich an verhältnismässig kleinen Gleitschirmen fest. Damit können sie auch die unberührtesten Tiefschneehänge befahren. Kommt ein Cliff, so fliegen sie einfach darüber hinweg. «Harrison erklärte mir, dass ihn vor allem das Fokussieren in dieser Sportart reizte, die absolute Konzentration, nicht das Adrenalin. Harrison war nicht todessehnsüchtig.»

Mit der Urne im Gepäck

Als die Freiwilligen um Harrys Mutter und Cousine ihre Suche aufgaben, wussten sie alle, dass Harrison wohl nicht mehr zu retten war. Trotzdem: Ganz akzeptieren konnten sie und John es nie. «Es fehlte schlicht der Beweis.» Und so plante der Vater seine Reise in die Schweiz.

John wählte den Zeitpunkt bewusst: «Es war der Höhepunkt der Schneeschmelze. Wir hofften, Harry unter einem Lawinenkegel zu finden.» Fast genau so kam es. Der schmelzende Schnee gab die Sicht auf Harrys Überreste frei. Weder die professionellen Suchmannschaften hatten im Frühling eine Chance, den Sportler zu finden, noch die freiwilligen Drohnenpiloten.

Nach der Bergung wurde der Leichnam zum DNA-Abgleich ins forensische Institut nach Bern gebracht. Sehen wollte ihn John nicht mehr. «Das war ein nicht erkennbarer Körper in Wintersportbekleidung», sagt er. Lieber wollte er seinen Sohn lebendig in Erinnerung behalten. Der DNA-Test war ihm genug.

John liess seinen Sohn kremieren. Übrig war ein Rucksack, den das Lauterbrunner Hostel, in dem Harrison abgestiegen war, auf die Seite gelegt hatte, und das Lawinensuchgerät, das Harrison unter den Schnee- und Eismassen trug. «Eigentlich wollten wir aus den Skis eine Gartenbank zimmern, doch sie waren nicht mehr zu gebrauchen.» Durch den Absturz hatten sie Totalschaden erlitten.

Diese Woche flog John Fast zurück nach Colorado. Im Gepäck: die Urne mit seinem Sohn. Aus der letzten Hoffnung war Gewissheit geworden. John sieht ein: «Ich hätte nicht auf ein besseres Ergebnis hoffen können.»