Wer rein will, muss durch ein altes Gartentor. Aber man bringt es nur mit einiger Mühe auf. Die Aufhängung ist aus dem Lot geraten. Die Holzlatten reiben auf dem rauen Steinboden und setzen dem Besucher einigen Widerstand entgegen. Die Frauen hinter dem Verkaufsstand grüssen einen dann aber umso freundlicher. Andere Kunden hat es zwar noch nicht. Die Damen am Stand raten einem trotzdem, den Einkauf nicht hinauszuzögern. «Unser Verkaufsstand hat einen guten Ruf, binnen Minuten kann plötzlich alles weg sein.»

Im Angebot findet sich das, was ein Garten in unseren Breitengraden im Sommer so hergibt: Cherry-Tomaten, Gurken, Bohnen, Zucchetti. Alles garantiert aus biologischem Anbau. Der Garten erstreckt sich auf dem rund 7000 Quadratmeter grossen Gelände hinter dem Verkaufsstand.

Die Einrichtung in Zürich Wollishofen ist alt und neu zugleich. Der Trägerverein «Garten am Grenzsteig» hat erst im April seine Tätigkeit aufgenommen. Doch die Infrastruktur steht schon seit einigen Jahren. «Vor uns hat der Verein Suneboge von Pfarrer Sieber den Garten bewirtschaftet und einmal in der Woche, am Samstag, gab es den Gemüsestand. Diese Tradition führen wir weiter», sagt Heiner Hasler, der Präsident vom Garten am Grenzsteig.

Handlungsraum in der Stadt

Doch geht es bei dem Wollishofer Gemeinschaftsgarten nicht nur ums Verkaufen. Eher um die Produktionsweise, wie und mit welchen Mitteln hier die Nahrungsmittel hergestellt werden. Aber auch das ist noch zu eng gedacht: «Es geht um Grün in einem geistig-intellektuellen Sinn, um den Garten und den Gärtner als eine komplexe Projektionsfläche, die ohne den erweiterten Kontext der Globalisierungsproblematik kaum zu verstehen ist», sagt Hasler im Gespräch.

Im weitesten Sinne geht es hier also um ein Projekt des sogenannten Urban Farming. Oder der Urban Agriculture. Also jener auf Selbstversorgung und Geselligkeit ausgerichteten Garten- und Gesellschaftskultur, die sich in unseren Städten breitmacht und um die herum sich seit einiger Zeit ein richtiger Medienhype entfaltet hat. Journalisten, Städteplaner und Buchautoren bietet sie angesichts der immer krisenanfälliger gewordenen globalisierten Weltordnung eine willkommene Projektionsfläche für hoch trabende Visionen der gesellschaftlichen Zukunftsgestaltung.

Zeitdiagnostiker wie der deutsche Kulturjournalist Hanno Rauterberg erkennen darin ein übergreifendes Merkmal unserer Zeit: «Während die Bedeutung der Nationalstaaten so rasch schwindet, wie sie im 19. Jahrhundert entstanden war, erblickt eine wachsende Zahl von Menschen in ihrem urbanen Umfeld einen Handlungsraum, der sich überschauen und gestalten lässt», so Rauterberg in seinem 2013 erscheinen Buch «Wir sind die Stadt».

Wer versucht, die ganz Bewegung zu fassen, ist schnell mit einer bunten Gruppe konfrontiert. Lukas Handschin, Pressesprecher von Grün Stadt Zürich, der Verpächterin des Gartens am Grenzsteig, ist auch mit anderen ähnlichen Projekten vertraut. Er umreisst wie folgt: «Urban Agriculture oszilliert zwischen dem klassischen Gärtnern in Familiengartenarealen, innovativen Stadtbauern, Gartenkooperativen, die Vertragslandwirtschaft betreiben, Stadtimkern, der Slow-Food-Bewegung, Quartierinitiativen und Gemeinschaftszentren, interkulturellen Gärten, Zwischennutzungen, Bau- und Wohngenossenschaften, die dafür ihr Wohnumfeld zur Verfügung stellen, bis zu sozialreformerischen Bewegungen wie Talent- und Tauschkreisen oder Gruppierungen aus dem Bereich Guerilla Gardening, Food for Free, Mundraub, aber auch jungen Wissenschaftern, die sich der Permakultur verschrieben haben wie die ETH-Studenten mit ihrem Projekt Seed City oder auch dem Spin-off-Projekt der ZHAW, Urban Farmers, das sich dem Gemüseanbau, kombiniert mit Fischzucht, widmet.»

Vor der Vielfalt könnte man kollabieren und zum Schluss gelangen, dass hier eine Bewegung manifest wird, die sich nicht schubladisieren lässt. Oder man erhebt die Vielfalt zu einem konstituierenden Moment der ganzen Bewegung: So wird aus dem wilden Haufen ein klassisches Phänomen der nach- oder postmodernen Gesellschaft, in der Pluralisierung, Fragmentierung, Dezentralisierung zentrale Ordnungsprinzipien darstellen.

Die Totalität wird aufgegeben

In dieser Perspektive werden die Stadtgärtner zu einer Art Nachhut, die an die Ideen anknüpft, wie sie Kunst, Literatur oder Philosophie nach dem Zweiten Weltkrieg hervorgebracht haben. Man verabschiedet sich von den holistischen Ordnungsprinzipien der klassischen Moderne und sucht neue Freiheiten. Anstelle der grossen Erzählung etwa, die die Welt allumfassend darstellt, treten fragmentarische Erzeugnisse, die Wahrheiten in beiläufigen Alltagsbegebenheiten aufblitzen lassen. die Figur dazu: Der in der Grossstadt planlos umherlaufende Flaneur. Er wird gleichsam zum Vorbild einer Architektur, welche die strenge Formen der Moderne mit Stilzitaten aus der Vormoderne zu ironisieren beginnt: Sie macht Schluss mit dem
horizontal und vertikal fixierten Rationalismus.

Das heisst: In der Postmoderne kam das Experiment mit unabgeschlossenen, offenen Formen zum Durchbruch. Es gibt keinen grossen Masterplan mehr, sondern mit Zitatfetzen wird Wahrheit nur noch punktuell in einem fragmentierten und dezentralisierten Weltverständnis hergestellt.

Der Flaneur hat inzwischen mancherlei Gestalt angenommen. Etwa im Guerilla Gardener, der Flash- oder Smartmobs über SMS oder soziale Netzwerke im Internet organisiert und sich mit Artgenossen zu spontanen Aktionen versammelt: Sie lassen Samenbomben platzen und sorgen so für temporäre Begrünung in den Städten.

Solche Aktionen haben symbolischen Charakter. Die Wirtschaft jedenfalls operiert in einem modernen Sinn: Das weltumspannende Supply-Chain-Management koordiniert die Warenströme in der Luft, auf der See und zu Lande und garantiert weiterhin die Grundversorgung der Menschen in den Grossstädten. Auch auf dem Schweizer Gemüsemarkt: 45 Prozent des Jahresbedarfs stammen aus dem Ausland, so die Zahlen des landwirtschaftlichen Informationsdienstes LID. Beim Inlandanteil dominiert der konventionelle Anbau mit 86 Prozent Marktanteil, Biogemüse kommt auf einen Anteil von 12 Prozent. Urban Agriculture ist mit geschätzten 0,5 Prozent für die Grundversorgung dagegen eher vernachlässigbar.

In den Kreisen der Stadtagronomen ist man darum aber nicht etwa verlegen. «Wir sind ein Tropfen auf den heissen Stein», sagt etwa Ueli Ansorge, Mitinitiant des Vertragslandwirtschafts-Projekts Dunkelhölzli. «Die konsumierten Mengen sind klein, aber darum geht es eigentlich gar nicht», so der studierte Agronom. Im Vordergrund stehe ein tieferes Verständnis von Ernährung und wie Esswaren auf unseren Tisch gelangten.

Ansorge ist kein Prophet, der sagt, dass das Abo-Modell im ganz grossen Stil angewandt werden kann. «Mit Gemüse geht das noch relativ einfach, aber mit Milch etwa gerät man schnell an die Grenzen des Möglichen. Das, was wir machen, bleibt ertragsmässig gesehen eine Nische.»

Bei anderen Gartenbewegten tönt es ähnlich: «Im Moment wird Urban Agriculture überschätzt, wenn man den tatsächlichen Output vor Augen hält», sagt Isidor Wallimann, Soziologe, Ökonom und Initiant von Urbanagriculturebasel.com, der auch Landwirtschaft studierte. Das Image ist hip und innovativ. Politiker nutzen Urban Agriculture deshalb gerne für ihre Standortpolitik, was mitunter auch merkwürdige Blüten treiben lässt. In der Stadt Utica etwa, in der Nähe von New York, habe eine Website das neu gefundene Lebensgefühl mit den Schlagworten «Health», «Good food» und «Local for local» prominent in Szene gesetzt, erzählt Wallimann, der an der Universität von Syracuse (NY) unterrichtet. Von einer städtischen Gartenkultur sei auf der dafür vorgesehenen Industriebrache aber kaum was zu sehen gewesen.

Problemlagen artikulieren

Es gäbe aber sehr viel mehr Möglichkeiten, in der Stadt mehr Lebensmittel zu erzeugen. «In diesem Sinn wird Urban Agriculture nicht überschätzt», sagt Wallimann. Aber auch er will den Wirtschaftsaspekt von Urban Agriculture nicht ins Zentrum der Bewegung stellen: «Es geht auch darum, das Denken der Menschen zu verändern, indem man Problemlagen artikuliert.»

In dieser Hinsicht habe die aktuelle Bewegung einen Vorteil gegenüber der Ökobewegung vor 40 Jahren. «Die für uns selbstverständlich gewordenen Bio-Label waren damals in den Läden undenkbar. Das musste man damals politisch radikaler artikulieren», sagt der heute 70-Jährige. Heute sei Bio Teil des Mainstreams, weshalb die Urban-Agriculture-Bewegung ein weniger radikaleres Auftreten habe.

Eines der zentralen Ziele sei die Verkürzung der Transportwege als Kriterium des nachhaltigen Daseins. «Die Qualität wird durch die langen Transportwege vermindert», sagt Wallimann. In der industriellen Landwirtschaft stehe nicht die Qualität eines Produkts im Vordergrund, sondern die Eignung für Transport und Lagerung.

Damit spricht er einen der grossen Schwachpunkte der industriellen Landwirtschaft an: Sie führte zu einem rasanten Verlust der Artenvielfalt. Gemäss der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) sind seit 1900 rund 75 Prozent der genetischen Vielfalt der Pflanzen verschwunden, weil Bauern auf der ganzen Welt ihre vielfältigen regionalen Sorten zugunsten von genetisch uniformen, dafür aber ertragsreicheren Sorten aufgegeben haben.

«Der Prozess droht die genetische Pyramide, an deren Basis die Vielfalt steht, umzukehren», sagt Heiner Halser. Und indem er das sagt, demontiert er gleichsam die Erzählung der globalisierten Wirtschaftsordnung: Statt Reichtum für alle hat sie Armut in der Pflanzenwelt hervorgebracht.

Und nicht nur das: Auch das Preisgefüge ist ausser Kontrolle geraten. Dass das ungeheure destabilisierende Dynamiken freisetzen kann, zeigte die Foodkrise von 2008: Rekordhohe Lebensmittelpreise trieben die Menschen in Nordafrika, im Nahen Osten und Asien auf die Strasse. Einen Monat vor dem Fall der Regime in Tunesien und Ägypten erreichten die Preise für Agrarprodukte Höchststände. Der Arabische Frühling als Extremvariante der Urban Agriculture. Oder: Die globalisierte Wohlfühlgesellschaft schlägt hier ins Gegenteil ihrer Versprechen um.

Frisch und respektlos

Die Urban Farmers haben sich auch deshalb vom System abgewendet. In ihren grünen Oasen geht es nur noch am Verkaufsstand ums Ökonomische. «Insgesamt sehe ich unser Projekt als ein Gemisch aus ökologischen, sozialen, wirtschaftlichen, pädagogischen und politischen Komponenten», sagt Hasler. Die verschiedenen Arbeitskreise verfolgten unterschiedliche Ziele, was zu Interessenkonflikten führe. Durch diese Differenzbereinigung sei der Garten vom Sozialen und Politischen her gesehen eine permanente Einübung in die Demokratie.

Die deutsche Soziologin Andrea Baier hat in diesem Zusammenhang den Begriff der Do-it-yourself-Bewegung geprägt. Damit werde ein neuer demokratischer Stil erfunden, der zugleich ein Lebensstil sei. «Man hat keinen Vertrag mit politischer Repräsentation und steht einer hierarchischen Struktur von politischer Machtausübung skeptisch gegenüber», so Baier in dem 2013 von ihr mit herausgegebenen Buch «Stadt der Commonisten». Es gehe aber nicht in erster Linie um Kritik und Revolte. «Man erkennt keinen Sinn darin, sich übermässig in Kritik und Opposition zu erschöpfen, und legt stattdessen ein frisches und respektloses Verhältnis zu allem Bestehenden an den Tag.»

Das ist offenbar so inspirierend, dass selbst im Kreise der herkömmlichen Wirtschaft mit Urban-Farming-Ideen experimentiert wird. Doch hier stehen nicht Demokratie, Geselligkeit oder Artenvielfalt im Zentrum. Im Fokus sind der Output sowie das Ertrags- und Kostenverhältnis. Das Zürcher Start-up Urban Farmers verkauft Bolt-on-Wasserkulturen. In ihnen werden in einem geschlossenen Kreislauf Fisch und Hors-sol-Gemüse auf Dächern von Grossbauten hergestellt. In Basel hat man mit städtischen Subventionsgeldern eine erste Anlage installiert. Die Rendite betrage ja nach Grösse der Anlage zwischen 8,1 und 11,9 Prozent, heisst es im Produktprospekt.

Der Grossverteiler Migros betreibt in Basel einen kleinen Verkaufsstand mit den Urban-Farmers-Produkten. Die Erfahrungen seien gut. Man überlegt sich, ob man die mit UF bezeichnete Ware ins ständige Sortiment aufnehmen soll und wie das zu finanzieren wäre. Doch wenigstens zur Problematik der verlorenen Artenvielfalt wird damit kein grosser Beitrag geleistet: Die technisch-sterilen Anlagen jedenfalls dürften nicht allen Fischgattungen das ideale Umfeld bieten.

Da experimentiert man in Wollishofen lieber mit alten Getreidearten und vorindustriellen Pfirsichsorten oder zeigt am Beispiel neuer Reben die Nutzpflanzenproblematik auf: Die genetische Degeneration ist so weit fortgeschritten, dass keine konventionelle Rebe mehr alleine überleben kann. Man probiert neue Kreuzungen zwischen zwei Sorten, sogenannte interspezifische Sorten, die eine höhere Resistenz gegenüber Pilzkrankheiten aufweisen.

Zurück beim Verkaufsstand, merkt man davon nichts. Knackig und kerngesund sieht das Gemüse aus. Und es schmeckt auch gut. So wird der Quartiergarten auch zum kulinarischen Erlebnis. Und am Schluss manövriert man das verrückte kleine Gartentor mit mehr Sachverstand zurück ins Schloss und freut sich darüber, dass hier nur dem Schein nach nicht alles reibungslos funktioniert. «Danke für den Besuch», schallt es beim Weggehen hinter einem her.