3750 Kilometer lang wäre ein Tunnel von Zürich nach Teheran. Ein Weltrekord, der so nie zustande kommen wird. Die Schweizer haben dieses gigantische Loch jedoch bereits gegraben – innerhalb der eigenen Landesgrenzen. Alle begehbaren unterirdischen Tunnels, Kavernen, Spitäler, Bunker und Stollen im Land ergäben aneinandergereiht diese Länge. Das gesamte herausgebrochene Material würde einen 10 000 Kilometer langen Güterzug füllen. Wäre dieser mit 60 km/h unterwegs, bliebe die Barriere eines Bahnübergangs sieben Tage lang geschlossen.

Nachzulesen ist diese anschauliche Hochrechnung im eben erschienenen Buch «Die Schweiz unter Tag». Der Autor und Journalist Jost Auf der Maur ist in diese helvetische Unterwelt hinabgestiegen. Sie riecht, wie er schreibt, nie frisch. Der Geruch sei stumpf, vor allem in den Militärfestungen herrsche eine unvergleichliche olfaktorische Mischung aus kaltem Rauch, Steinstaub, Scheuermitteln, Maschinenöl und feuchten Wolldecken.

Des Schweizers Unterwelt

Seit der Tessiner Baumeister Pietro Morettini 1707 einen Tunnel in den Kirchbergfels bei der Schöllenenschlucht sprengen liess, wird an dieser unterirdischen Schweiz gegraben. Auf der Maur hat für seine gross angelegte Recherche nicht nur die realen Stollen im Berg besucht, sondern auch die Geschichtsarchive durchforstet.

Zutage gefördert hat er eine Kulturgeschichte des gut schweizerischen Löchergrabens. Dicht und zupackend geschrieben, mit hohem Informations- und Unterhaltungswert. Neben den handfesten Reportagen versucht der Autor auch, den helvetischen Hang zum Untertagebau zu fassen. Natürlich ist dieser der Topografie geschuldet. Aber nicht alle Bergvölker reagieren auf diese gleich. Wer sich für die Schweiz interessiere, müsse auch das künstliche Land darunter berücksichtigen. Dort spiegeln sich Tugenden und Untugenden der Bewohner. Präzision, Vernunft, Erfindungsreichtum, praktisches Denken. Aber auch ein übersteigertes, in Berge von Beton gegossenes Sicherheitsbedürfnis. Dazu kommen unheimliche Seilschaften von Politik, Militär und Bauwirtschaft und ein unschöner Umgang mit den Einwanderern, welche die Unterwelt für uns graben.

Little Italy in Helvetia

Zum nützlichen Teil der unterirdischen Bauten gehören die 1238 Kilometer Verkehrstunnel im Land. Sie schenken uns Bewegungsfreiheit. Umso mehr sollten wir uns bewusst sein, dass es nicht Schweizer waren, die sie gebaut haben und bauen. Auf der Maur räumt diesen Menschen den gebührenden Platz ein. Sei es, wenn er mit den Kärntner Mineuren im Gotthard-Basistunnel sprengt. Oder wenn er ein ganzes Kapitel den Tunneldörfern widmet, die beidseits der jeweiligen Baustellen entstanden. In Göschenen, in «Tripoli» bei Grenchen oder «Tripolis» bei Trimbach entstanden helvetische Little Italys. Prekär zusammengezimmerte Slums, mit noch prekärerer Hygiene. Faszinierend verruchte Orte. Während die Italienerinnen Kinder grosszogen, musste sich manche Schweizerin im Getränke- und Sexgewerbe verdingen. Tunnels haben auch eine Frauengeschichte.

Neben den praktischen gibt es die absurden Löcher im Fels. Wie das riesige, heute fast gänzlich stillgelegte Festungsnetz, mit dem sich die Armee durchs Land grub, in Vorbereitung auf Kriege, die dann doch nicht stattfanden. Das mit Bildern illustrierte Kapitel über den nie genutzten Bundesratsbunker bei Amsteg hätte Gottfried Keller gerne in seine Seldwyla-Novellen aufgenommen.

Die für 20 000 Menschen gebaute, nie benutzte Bunkerstadt Sonnenberg mitten in Luzern wiederum ist eine kafkaeske Ruine. Der 5,5 Kilometer lange Bedrettotunnel ein Millionengrab. Laut Auf der Maur ist gut möglich, dass die Armee derzeit, versteckt von der Öffentlichkeit, an einem weiteren Finanzloch buddelt: das über mehrere Bunker verteilte, elektronische Führungsdispositiv NEO. Scheibchenweise und damit ohne Volksabstimmung finanziert, kostet es 12 bis 15 Milliarden.

Jost Auf der Maur: Die Schweiz unter Tag (Echtzeit Verlag), 144 Seiten.
Lesungen und Gespräche: Luzern, 10. Mai. Chur, 11. Mai, St. Gallen, 18. Mai, Bern, 8. Juni.