Kunsthandwerk

Unter dem Messer entsteht aus alten der neue Teppich

.Neue Teppiche aus der Türkei gibt es kaum noch – Recycling und Patchwork sind angesagt. Zu bekommen ist das etwa in Sultanhani, im Herzen der Türkei, in einem unscheinbares Dorf in der kargen Hochebene Kappadokiens.

Wenige Häuser, staubige Strassen, eine Tankstelle, eine Moschee – in Sultanhani hält nur, wer die berühmte Karawanserei aus dem 13. Jahrhundert besuchen will.

Doch wir fahren ins Dorf, unser Ziel ist eine Teppichmanufaktur. Im einfachen Bau stehen allerdings keine Webstühle, und den Wänden entlang stapeln sich nicht Teppiche, sondern Berge mit Teppichschnipseln – geordnet nach Farben. Zwei Männer legen einen mächtigen gelben Teppich auf den Boden, zeichnen mit Meter und Schnur Quadrate ein, der dritte nimmt das elektrische Messer – und schneidet quer durch.

Da stockt einem der Atem. Doch zum Glück sind wir vorbereitet, besuchen wir diese Manufaktur doch gerade, weil sie Teppiche recycelt.

Design und Handwerk

«Dank dieser Wiederverwertung boomt die türkische Teppichindustrie wieder», sagt Nils Blättler. Er ist bei Möbel Pfister für Teppiche verantwortlich und hat einige Schweizer Journalisten zu einem Augenschein in die Türkei eingeladen.

Aus den Tausenden von bunten Stücken wählen die Männer Stücke aus und legen daraus ein Patchwork, mal wird es bunt, mal Ton in Ton. Im Nebenraum sitzen zwei Frauen am Boden und vernähen die nummerierten Teile mit groben Überwendlingsstichen. Dann wird das Patchwork unterfüttert, Stich um Stich wird von Hand der graue Stoff angeheftet, und zum Schluss legt der nächste Arbeiter das Stück unter die Nähmaschine, und vernäht den Rand.

Draussen waschen Männer die abgeschossenen alten Teppiche, legen sie an den Strassenrand zum Trocknen – und dann werden sie ins heisse, nach Essig riechende Farbbad getaucht. Blutrot ist es bei unserem Besuch.

Wir merken, dass auch Recycling aufwendig ist. Aber es ist ja nicht Selbstzweck. Nils Blättler betont: «Das Ziel ist es, etwas Neues zu kreieren, ein zeitgemässes Produkt.» Zusammen mit Designern und vor allem mit Ahmed Diller, dem Besitzer der Manufaktur, ist er ständig am Pröbeln und Experimentieren.

Doch was heisst Besitzer der Manufaktur? Ahmed ist vielmehr ein Tausendsassa! Teppiche, die türkische Geschichte und seine Heimat Kappadokien sind seine Leidenschaft. Neben Sultanhani hat er in Istanbul einen Betrieb und auch in Avanos, seinem Heimatort. Teppichhändler ist er nach seinem Französisch-Studium nur geworden, weil er sah, dass seine Grossmutter und seine Mutter für ihre aufwendig gewobenen Kelims nicht adäquat bezahlt wurden.

Tatsächlich ist es ernüchternd: In der Türkei werden kaum mehr neue Teppiche hergestellt. Man findet entweder alte Kelim oder dann die neugestalteten Vintage-Teppiche. «Der Mindestlohn in der Türkei ist 350 Euro», erklärt Ahmed. Ein mittelgrosser Teppich braucht zwei Monate Webarbeit, dazu kommen Ausgaben für Material, färben, den Finish und den Handel. «Der Welthandelspreis für einen solchen Teppich ist aber nur 800 Euro. Es geht also nicht auf.»

Kunsthandwerk retten

Patchwork-Teppiche sind im Handel im Moment in. Sie kommen nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Indien und China und sie werden von diversen Händlern in der Schweiz angeboten.

«Mit dem Wiederverwerten rettet man das Wissen und die Tradition. Die Leute bleiben so in Kontakt mit der Arbeit», sagt Ahmed. Damit das Webhandwerk nicht ganz vergessen geht, hat er eine kleine Fabrik eröffnet, wo immerhin 200 neue Teppiche pro Jahr gewoben werden.

Wenn Ahmed, seine Angestellten und Familienmitglieder einen Kelim finden, der noch einigermassen intakt ist, wird er nicht zerschnitten oder eingefärbt, sondern Stich um Stich restauriert. So stapeln sich die schönen alten Kelim mit ihren leuchtenden Farben und unzähligen abstrakten Mustern in den Kirkit-Teppichläden. Wenn Ahmed Stück um Stück auf den Boden legt, die Webtechniken und Ornamente erklärt, so ist er in seinem Element. Die Zackenmuster am Rand repräsentieren Ejder, den Drachen, der Pfeil den Vogel und die vielen Varianten der Raute sind weibliche Symbole. «Es ist die Frau mit den in den Hüften aufgestützten Händen», überall findet Ahmed sein Lieblingsmotiv wieder.

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