Lesezirkel im Trend

Unmerklich taucht der literarische Salon wieder auf

Achtung – Bücher bilden nie eine fugendichte Wand. Daraus ergeben sich wunderbare Seelenverwandtschaften und folgenschwere Dramen.

Achtung – Bücher bilden nie eine fugendichte Wand. Daraus ergeben sich wunderbare Seelenverwandtschaften und folgenschwere Dramen.

Die Literaturkritik leidet unter Artenschwund – die Leute besprechen trotzdem Bücher, gern unter sich. Lesezirkel liegen entsprechend im Trend.

Zwei Männer trafen sich zufällig an einer Veranstaltung, die ungefähr die Sphäre ihrer Liebhaberei berührte: Bücher, die Literatur. Beiden war es tief unangenehm, den anderen zu erblicken. Beide quälten ihren Zügen ein flüchtiges irres Lächeln ab: kein Wort, keinen Gruss. Und beide flohen sofort in die entgegengesetzte Ecke, als würden geheime Abstossungskräfte auf sie wirken.

Einst waren das dickste Freunde gewesen. Die Mühelosigkeit und Vielstimmigkeit ihres Gesprächs, dachten sie, schimmere wie ein Juwel im grossen Schutt von Beliebigkeit, Schwatzsucht und Gerede. Und dann – bumms! – explodierte zwischen ihnen etwas, das sie zunächst für einen Mikrofunken gehalten hatten, trieb sie anschliessend aber mit der Gewalt eines Urknalls auseinander. Nie wieder wollten sie sich begegnen.

Was war passiert, um Himmelswillen – oder in Dreiteufelsnamen?

Es war ein Eklat im kleinen Kreis gewesen, zwei Frauen, drei Männer – ein Lesezirkel, der sich regelmässig versammelte, jeweils zirkulär in der Wohnung von jedem, der oder die dann auch gleich einen Vorschlag machte, welches Buch besprochen wurde. Passiert war an jenem fatalen Abend «eigentlich nichts» – oder das Übliche: Der eine schlug einen Roman vor («Unter Null» von Bret Easton Ellis), die anderen hiessen die Wahl gut, oder sie fanden das Buch einfältig und abscheulich.

Irgendwie verlor einer der Männer im Lauf der Debatte die Fassung. Jedenfalls heulte er Rotz und Wasser. Es war kein Dammbruch wie auf einer freudschen Psycho-Couch – niemand plauderte hier über Privates. Es war nicht die rabiat kindische Verzweiflung eines Rechthabers – alle waren abgebrüht genug, um andere Wahrnehmungen des gleichen Texts für zulässig zu halten. So rätselhaft alles letzten Endes blieb, man kann es nicht anders als banal erklären:

So wirken nun mal Bücher. So schlägts halt dreizehn im Lesezirkel.

Trotz aller Fehden, obwohl niemand die Absicht hat, in Lesezirkeln irgendein Kriegsbeil auszugraben, auch wenn es gewöhnlich sehr lebhaft wird (um nicht «laut» zu sagen) – die Sache scheint spannend und anregend zu sein. Wenn der Augenschein nicht trügt, spriessen in letzter Zeit vermehrt solche Zirkel ins Kraut. Mit etwas nostalgischer Überspitzung könnte man gar von einer gewissen Renaissance des guten alten Salons sprechen.

Auf den ersten Blick wirkt das anachronistisch. Sind nicht alle Kanäle zu jeder Art Instant-Meinung offen? Nicht zuletzt im Bereich Literatur: Auch da hat sich die Kritik demokratisiert und vereinfacht bis zum Reflex mit Daumen, während in den Feuilletons die althergebrachte Kritik unter Artenschwund leidet. Im Internet kann jedermann zu jedem Thema etwas fahren lassen. Ohnehin scheint ein kollektiver Wahn die Leute erfasst zu haben, jedes noch so unappetitliche Stück privater Wäsche draussen an die Luft zu hängen.

Von daher pflegen Lesezirkel und Debattierklubs oft einen Sonderstatus mit elitärer Note. Nicht ohne Selbstironie werden «Auflagen» formuliert für «Aspiranten» und «Bewährungsphasen» definiert, ehe die «Novizen» definitiv aufgenommen werden. Feststeht, dass informell solche Salongebilde oder Abendklausuren wachsen – querbeet.

Das private Mitteilungsbedürfnis steht nicht im Vordergrund bei Lesezirkeln – das hat man an die sogenannten Sozialplattformen delegiert; wer will, mag sich da verlustieren. In immer weiteren Kreisen hat man generell für Privates jedes brennende Interesse verloren. Von sich selbst zu reden, hat sich vulgarisiert.

Auch die politische Debatte schuf sich ihre geeignet scheinenden Schreinischen und Polterarenen, wo sich dann öde Schlagabtausche beinahe schon im Tagestakt jagen, mit den immer gleichen Besserwissern, die nie einen Millimeter von ihrer zuvor schon sattsam bekannten Linie weichen. Das langweilt jeden quecksilbrigen Geist à la longue zu Tode. Auch dieses Genre also ist möbliert und dreht sich längst im Kreise.

Was aber bleibt neben politischen Themen und privaten Ergiessungen, die im schmalen persönlichen Kanal früher oder später versickern? Was bleibt, wenn man eine ganze Chilbi von Psycho-Sessionen und Selbsterfahrungs-Trips ebenfalls hinter sich gebracht hat, meist mit der Erfahrung, dass darin kein Feuer gelegt, nur solches ausgetreten wurde? Was bleibt, um alles in allem von allem zu sprechen, ohne sich in fader Beliebigkeit zu verlieren, ohne monomanisch von sich und doch immer mit eigenem Klang zu sprechen?

Es bleibt die Welt der Bücher.

Literatur kleidet jeden und nimmt ihm das letzte Hemd, ohne dass sich der Betreffende blossgestellt vorkäme. Bücher rauben Illusionen und geben Würde. Sie sind gleichermassen Brennpunkt wie Fluchtgestade aller Erfahrung. Sie ersetzen nicht das Leben – sie erweitern, variieren es. Gute Bücher erzählen keine Träume, aber lassen träumen.

Noch hat sich kein besseres Mittel gefunden, um sich darüber auszutauschen. So viel bleibt unerwähnt im öffentlichen Diskurs, der zwar an Breite gewann, nicht aber an Kontrast, nicht an Schraffur und Modellierung. Und zuletzt speist sich auch ganz kindlich etwas aus dem Gespräch mit Büchern: Abenteuer!

In der Höhle, alle noch eingepackt in Bärenfelle, gabs den ersten Lesezirkel, nachdem mal einer so begonnen hatte: «Als ich neulich im Fels vor einem Säbelzahntiger stand ...»

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