Man kennt ihn aus seinen Hunde-Fernsehshows auch in Europa, den TV-Hunde-Flüsterer Cesar Millan aus den USA. Seine Methoden sind ebenso umstritten wie sein Fachwissen rund um den Hund. Ein grosser Fan-Kreis vergöttert ihn nahezu, wogegen Verhaltensexperten und Fachleute kaum ein gutes Haar an ihm lassen. Warum - das bezeugen die zahlreichen Millan-Videos im Internet, und auch das Gespräch mit ihm in Zürich, wo kürzlich seine Promo-Tour haltmachte. Etwas ist unbestreitbar: Cesar Millan ist ein Profi im Show-Business. Ein cleverer Geschäftsmann, der sich zu verkaufen weiss. Beim Empfang gibt er sich ausgesprochen freundlich und gelassen, obschon er weiss, dass bald auch unangenehme Fragen auf ihn zukommen werden. Ein kräftiger Händedruck, ein «Nice to meet you». Dann setzt er sich hin und bleckt die weissen Zähne, als ob er schon den ersten Angriff erwarten würde.

Herr Millan, letztes Jahr waren Sie mit Ihrer Show in Zürich, im Dezember kommen Sie nach Basel. Was gefällt Ihnen an der Schweiz?

Cesar Millan: Ich liebe die Städte, sie sind wunderschön. Ich mag die Struktur des Landes und die Disziplin, die hier herrscht, und es ist ein sicheres Land.

Und die Schweizer Hunde?

Auch die mag ich. Sie profitieren in diesem Land. In einer Gesellschaft, die nicht lernen, sich nicht verbessern will und keine Disziplin kennt, leidet auch der Hund.

Welches sind die wichtigsten Punkte in der Hundeerziehung?

Ich trainiere keine Hunde, ich trainiere Menschen. Damit sie wissen, wie sie mit einem Hund kommunizieren können und ein klares Verständnis dafür haben, was ein Hund braucht.

Wie trainieren Sie den Menschen?

Sie müssen zuerst die Sprache der Hunde lernen, um mit Ihnen kommunizieren zu können. Dann müssen sie wissen, was die Hunde glücklich macht. Erst dann können die Menschen den Hund trainieren.

Und was braucht der Hund?

Bewegung, mentale Stimulation, Disziplin und dann Liebe. Er braucht jemanden, der ihm Energie antrainiert, ihm beibringt, wie man sich richtig verhält und ihn dann belohnt.

Cesar Millan (rechts) im Gespräch mit Roman Huber.

Cesar Millan (rechts) im Gespräch mit Roman Huber.

Ein Hund braucht primär Sicherheit, auch dass man seine Individualdistanz respektiert und ihn nicht in unangenehme Begegnungen mit Artgenossen hineinführt?

Einige Hunde bekommen Angst, wenn sie Hunden begegnen. Andere Hunde zeigen aggressives Verhalten.

In TV-Aufnahmen sieht man, wie Sie den Hund verängstigen, indem Sie ihn fixieren, bedrohen, ihn in eine Ecke drängen. Warum das?

Der Zwecke dabei ist, dass der Hund seinen Augenkontakt absenkt. Es geht hier um gefährliche Hunde. Ich nehme die Intensität weg. Denn das ist falsche Kommunikation. Der Hund hat gelernt, mit dieser Intensität zu kommunizieren.

Mit Ihrer Kommunikation versetzen Sie den Hund in Stress.

Am Anfang gibt es immer diesen Moment, in dem der Hund gestresst wirkt, aber das ist Teil der Änderung und des Prozesses. Du musst ihm dabei helfen.

Unter Stress kann der Hund aber nicht lernen – höchstens zubeissen. Wie häufig wurden Sie schon gebissen?

Viermal in meinen 46 Jahren. Und nicht von aggressiven Hunden, sondern eher von ängstlichen. Diese schauen nicht, sie beissen einfach zu (imitiert einen Biss).

Hundeflüsterer Cesar Millan

Hundeflüsterer Cesar Millan

Und wer war jeweils der Schuldige? Der Hund oder Cesar Millan?

Es war klar meine Schuld. Wenn du von einer Schlange, von einem Hai gebissen wirst, ist es immer deine Schuld. Du kannst die Natur nicht beschuldigen. Das brauchte für mich auch eine Zeit des Lernens.

Ein Beispiel sehen wir im bekannten Youtube-Video «Showdown with Holly». Sie wollten der Hündin das Fressen wegnehmen, sagten im Video, sie sei jetzt ganz ruhig – und wurden dann von ihr in die Hand gebissen.

Hunde werden oft eingeschläfert, wenn sie gebissen haben. Ich rehabilitiere diese Hunde, oft adoptiere ich sie, weil die Leute ihnen nicht mehr vertrauen. Holly ist seither bei mir und ein glücklicher Hund.

Hundeflüsterer Cesar Millan im erfolgreichen Youtube-Video: «Showdown with Holly»

Hundeflüsterer Cesar Millan im erfolgreichen Youtube-Video: «Showdown with Holly»

Obschon Sie nach dem Biss nach ihr getreten haben. Sie sagen, Hunde dürfe man nicht vermenschlichen. Wie meinen Sie das?

Meine Kunden wollen, dass ihr Hund ein Mensch ist. Sie stellen an den Hund die gleichen Erwartungen wie an Menschen. Ich finde, das ist respektlos. Ich sage ihnen, liebe Hunde, wie du Menschen liebst, aber respektiere den Hund so, wie er dich respektiert.

Sie nennen sich Rudelführer, obschon Sie kein Hund sind.

Du kannst dich Coach nennen oder Kapitän, Boss oder Besitzer. Es ist metaphorisch gemeint. Ein Hund oder Wolf möchte ein Rudel – also sei der Rudelführer. Aber wenn du mit Menschen arbeitest, sei der Teamkapitän. Es spielt keine Rolle, weil die Hunde es ja nicht verstehen.

Sie wollen aber den Hund dominieren.

Im Fussball willst du, dass dein Team dominiert, das hat nicht mit einer negativen Weise zu tun. Dominanz heisst, dass du professionell die Situation meisterst. Ich sage nicht, du sollst negative Energie benutzen, ich sage nicht, du sollst gemein zu Tieren sein. Für mich ist es grausam, wenn man dem Hund nur Zuneigung zeigt. Das macht einen Hund instabil.

Hundeflüsterer Cesar Millan

Hundeflüsterer Cesar Millan

Sie haben gegenüber «Daily Mail» bestätigt, dass Sie mit Strom und Stachelhalsband gearbeitet haben. Warum?

Ich komme aus einem Land (Mexiko), in dem niemand Hilfsmittel braucht. Dann kam ich in die USA, ein Land, in dem es solche Hilfsmittel gibt. Aber die Leute wissen nicht, wie man sie benutzt. Also sage ich: «Stopp, ich zeige dir, wie man es richtig macht, damit du die Hilfsmittel am Schluss gar nicht mehr brauchst.»

Ethisch gesehen sind solche Hilfsmittel ein «No go» und in vielen Ländern darum verboten.

Jedes Land hat seine Regeln für gewisse Dinge. Aber man bringt der Bevölkerung nicht bei, die Dinge richtig zu benutzen. Hoffentlich braucht man sie nicht. Es gibt hier zwei Seiten: Sie haben mit Ihren Artikeln nur eine Seite gezeigt. So verdrehen die Leute häufig die Wahrheit.

Zur Wahrheit, einem Video mit dem Malamute «Shadow». Obschon dieser Probleme beim Passieren eines Artgenossen hat, zwingen Sie ihn am Würgehalsband dazu.

Der Hund wollte ausweichen, also habe ich die Leine hochgezogen, bis sich der Hund beruhigte.

Und dann mit dem Absatz ihm in die Seite gekickt und ihn nochmals hochgezogen, bis er röchelte.

Jeder sieht es anders, jeder Profi ist anders. Darum heisst es in der TV-Show immer, dass man diese Methoden nicht nachmachen soll. Ich respektiere es natürlich, dass es andere Leute anders machen würden. Ich möchte, dass man auch meine Methoden respektiert.

Hundeflüsterer Cesar Millan

Hundeflüsterer Cesar Millan

Stars werden imitiert, Sie sollten darum solche Methoden nicht zeigen.

Darum mache ich die Live-Shows. Damit die Leute sehen, dass ich nicht einfach in eine heikle Situation hineingehe, sondern dass ich bestimmte Abläufe befolge. Die sind für mich nötig, bevor ich in Situationen gehe wie mit Shadow oder Holly. In einer TV-Show wird alles gekürzt.

Sie haben Fans, aber auch Kritiker.

Viele Fans und wenige Kritiker (formt zwei verschieden grosse Kreise und lacht). Es ist normal, dass Leute andere Leute kritisieren. Ich glaube, dass Menschen die Tendenz dazu haben, andere nicht zu mögen, die in einer gewissen Position sind.

Sie meinen Neid?

Neid, ja. Das würden die Leute aber nie zugeben. Warum wird dieser mexikanische Typ «Hundeflüsterer» genannt? Wieso ist dieser Typ, der nicht einmal eine Ausbildung hat, so berühmt? Leute aus 20 Ländern sehen meine Shows. Es gibt mehr Leute, die lieben, was ich tue.

Unter den Kritikern sind die Fachleute. Berücksichtigen Sie überhaupt wissenschaftliche Studien über den Hund bei Ihrer Arbeit?

Dort ist das wissenschaftliche Wissen, die Forschung. Hier ist mein Wissen, aus dem Leben, aus der Praxis. Was du jeden Tag machst, das ist wertvoll. Mein Wissen ist wertvoll für die wissenschaftliche Welt. Ich glaube nicht, dass sie besser ist. Wir könnten alle zusammenarbeiten.

Sie haben nur über Erfahrung und Beobachtung gelernt, ohne eine Ausbildung. Dann sind Sie ein Ausnahmetalent?

Ich glaube, Musiker sind mir sehr ähnlich. Die meisten von ihnen gehen in keine Schule. Musik fühlst du. Ich beobachte, ich fühle und dann fange ich an. Übrigens: Beobachten ist etwas sehr Wissenschaftliches. Eine Situation einschätzen, beurteilen und dann die richtigen Schlüsse ziehen. Ich bin auf einer Farm aufgewachsen. Du gehst nicht zur Schule, um Farmer zu werden. Du wirst zu einem Farmer erzogen. Wir wissen mehr als der, der zur Schule gegangen ist. Ich komme nicht aus der Buch-Welt. Ich entwickelte die Fähigkeit, ein Verständnis. Es ist eine Intuition, die kannst du nicht in der Schule lernen.