«Gut zwei Monate sind wir schon in der Antarktis unterwegs, die letzte Etappe liegt nun vor uns: Von der Südspitze Südamerikas geht es zurück nach Kapstadt. Der erste Stopp auf dieser Strecke ist die Insel Südgeorgien.

Südgeorgien ist eine der grössten Inseln im Südatlantik und berühmt für die Rettungsaktion, die den britischen Polarforscher Ernest Shackleton hierher führte: Nachdem während seiner Antarktisexpedition 1915 sein Schiff ‹Endurance› im Meereis zerstört worden war, sassen Shackleton und seine Mannschaft auf einer kleinen Insel am Rande des antarktischen Kontinents fest. Shackleton beschloss, auf Südgeorgien Hilfe zu holen, wo Norweger Anfang des 20. Jahrhunderts Wale jagten. Dorthin fuhren er und seine Crew mit einem sieben Meter langen Segelboot. Allen Widrigkeiten und den Stürmen des Südatlantiks zum Trotz schafften sie es – allerdings nur bis zur Südseite der Insel. Die Walfangstationen befanden sich aber im Norden, also überquerten Shackleton und seine Männer die Insel mit dem gletscherbedeckten Gebirge, dessen höchster Gipfel 3000 Meter über das Meer ragt. Alle Crewmitglieder konnten schliesslich gerettet werden.

Wir haben mit unserem Forschungsschiff ein unvergleichlich stabileres Gefährt als Shackleton und können direkt und problemlos zur Nordküste der Insel fahren. Hier liegt das Örtchen Grytviken, die inzwischen verlassene Walfangstation, bei der Shackleton einst die ersehnte Hilfe für seine Mannschaft bekam. Heute wohnen in Grytviken nur zwei britische Regierungsbeamte mit Ehepartnern dauerhaft. Sie stempeln uns die Genehmigungen für unsere Forschung auf der Insel ab.

Auf Südgeorgien ist es oft stürmisch. Unser erster Tag vor Ort ist mit Sonne und leichtem Wind eine willkommene Ausnahme, die wir sofort nutzen und uns an die Arbeit machen. Ein zentrales Projekt, das eine unserer Forschungsgruppen hier geplant hat, untersucht die genetische Vielfalt von Weichtieren in der Antarktis und den umliegenden Regionen. Zu den Weichtieren gehören Schnecken und Tintenfische, aber auch zahlreiche mikroskopisch kleine Arten, die unter extremen Umweltbedingungen leben. Einige sind unheimlich kälteresistent, man findet sie deshalb auch mitten auf dem antarktischen Kontinent. Manche Arten könnten sogar im Weltall überleben. Unser Team erforscht, wie sich die kleinen Weichtiere in der Antarktis genetisch entwickelt und angepasst haben.

Am zweiten Tag auf Südgeorgien fahren wir eine andere Bucht auf der Insel an. Das Wetter ist umgeschlagen, es stürmt und schneit und ist zugleich so nebelig, dass wir von unserem Forschungsschiff aus die Küste nicht sehen können. Wir nehmen die Gummiboote, um an Land zu gelangen – es ist eine Fahrt ins undurchsichtige Grau hinein. Wir hören und riechen die Bucht, bevor wir sie sehen, denn sie beherbergt eine Königspinguinkolonie mit über 200 000 Tierpaaren. Wir landen mitten unter den Pinguinen. Ein paar junge Seebären sind auch noch an Land, obwohl es für sie schon recht spät in der Sommersaison ist. Sie fauchen uns an, um ihr Territorium zu verteidigen. Unbeirrt gehen alle Forschungsteams ihren Weg, denn unter diesen Wetterbedingungen haben wir nur wenig Zeit.

Nach zwei Stunden müssen wir alle zurück: Der Sturm hat sich in einen Schneesturm verwandelt, es wird zu gefährlich. Zurück an Bord unseres Forschungsschiffes fahren wir auch schon weiter, lassen Südgeorgien hinter uns und setzen Kurs auf die Südlichen Sandwichinseln.»