Ein Rettungsdienstleiter sagt es direkt: «Wenn der Laie nichts macht, stirbt der Patient.» Markus Brun arbeitet bei der Ambulanz Käch im Kanton Solothurn. Er sagt es so dramatisch, wie es ist: Zwar sind die Ambulanzen heute schweizweit in durchschnittlich zehn bis fünfzehn Minuten vor Ort, aber bei Herzstillstand geht es vorher um Leben und Tod.

Trotzdem forderten die kantonalen Strassenverkehrsämter gestern auf Radio SRF, der Nothelferkurs solle nicht mehr Teil der Fahrprüfung sein. Dies, um die Ausbildung zu entlasten und weil das Kurs-Obligatorium nicht mehr zeitgemäss sei, da sich die Zahl der Verkehrstoten massiv reduziert habe. 1990 starben 954 Menschen, heute ist es mit 208 noch knapp ein Fünftel. «Das Risiko ist heute viel höher, einen medizinischen Zwischenfall im Sport oder im Privatleben zu haben als auf der Strasse», sagte Sven Britschgi, Mediensprecher des Verbands der kantonalen Strassenverkehrsämter. Und wenn auf der Strasse etwas passiere, seien die Rettungskräfte dank Handy viel schneller auf der Unfallstelle als früher.

Aber eben immer noch nicht schnell genug, wenn es um Herzstillstand geht. Andere würden den Kurs deshalb am liebsten ausbauen und eine Wiederholungspflicht einführen. Dies forderte der Direktor des Interverbands für Rettungswesen IVR-IAS, Martin Gappisch, Ende August in der Pendler-Zeitung «20 Minuten». Auslöser war eine Umfrage des Touring Clubs Schweiz (TCS). Demnach sind die meisten Personen in einer Unfallsituation überfordert. Nur sieben Prozent konnten spontan alle vier Grundregeln nennen, die bei einem Unfall gelten (ABCD-Schema siehe unten). Der TCS führt das ernüchternde Ergebnis darauf zurück, dass die meisten Personen den Nothelferkurs nicht auffrischen.

Immerhin: Erinnerungseffekt

Aber selbst wenn es beim einzigen Kurs in jungen Jahren bleibt, sei er wichtig, findet Remo Osterwalder, Verantwortlicher Rettungswesen beim Verband der Schweizer Ärzte FMH: «Er nimmt die Angst zu reagieren.» Und das ist laut den Rettungsdiensten das Wichtigste. Was genau gemacht werden muss, sagen die Notfalldienste den Helfern meist per Telefon und leiten sie Schritt für Schritt an, bis die Ambulanz eintrifft. «Hat jemand den Kurs gemacht, gibt ihm das einen Erinnerungseffekt und Sicherheit», sagt Urs Eberle von Schutz & Rettung Zürich.

Die Rettungsdienste wollen um jeden Preis verhindern, dass jemand aus Furcht gar nichts tut. Juristisch sind die Helfer auf der sicheren Seite, wenn sie handeln (siehe Box unten).

Erstaunlich ist: Die Jungen reagieren laut Osterwalder tendenziell schneller. «Ihnen kommt die Unbeschwertheit zugute», sagt er. Sonst aber ist er mit der aktuellen Situation nicht zufrieden: Die Ambulanz-Protokolle bei Herzstillständen zeigten, dass die Erste-Hilfe-Intervention oft sehr dürftig stattfinde.

Anders die Rückmeldungen der Rettungsdienste: «In unserem Einsatzgebiet machen wir durchweg positive Erfahrungen mit der Bereitschaft der Bevölkerung, Nothilfe zu leisten», sagt Kai-Simon Roloff, Leiter Rettungsdienst Paramedic. Seitens der Solothurner Spitäler heisst es: «Meistens werden die Patienten betreut, sei es nur durch guten Zuspruch. Angst, etwas falsch machen zu können, wird jedoch oft geäussert.» Schutz & Rettung Zürich belohnt die Mutigen aktiv und schickt jenen, die gewagt haben, eine Herzmassage zu machen, einen Dankesbrief. Egal, ob der Patient überlebt hat oder nicht.

Die Forderung der Strassenverkehrsämter stösst auch beim Schweizerischen Samariterbund, der die Nothelferkurse anbietet, auf Unverständnis. Direktorin Regina Gorza lässt die sinkende Anzahl Verkehrstote als Argument nicht gelten und sagt: «Jedes Unfallopfer ist eines zu viel.»

Seit Anfang Jahr hat der Samariterbund den Nothelferkurs verbessert: Neu müssen die Teilnehmenden realistische Unfallsituationen bewältigen, ohne davor eine Vorführung der Experten zu erhalten. Dies soll den angehenden Verkehrsteilnehmern helfen, das Gelernte besser abzuspeichern und dann auch wieder abzurufen, wenn es darauf ankommt, wie Gorza erklärt.

Musterkanton Tessin

Die Zweifel am Sinn eines einmaligen Nothelferkurses bleiben. Dass die Überlebenschancen in der Bevölkerung erst mit besser ausgebildeten Freiwilligen steigt, zeigt das berühmt gewordene Beispiel das Kantons Tessin. Die Stiftung «Ticino Cuore» hat ein Netz von rund 4000 ausgebildeten Freiwilligen (darunter auch alle Feuerwehren, Polizisten und Sanitäter), die bei einem Notfall via Handy und App kontaktiert werden und so schneller als die Ambulanz vor Ort sind. Insgesamt sind laut der Stiftung 16 Prozent der Tessiner ausgebildet, nicht alle sind solche «First Responder». Während die Überlebensrate von Patienten mit Herzstillstand in der Schweiz bei weniger als 10 Prozent liegt, konnte sie im Tessin auf fast 50 Prozent gesteigert werden.