USA: Der Refrain lautet: «Takin’ Care of Business»

Die Wiedererkennung-Melodie eines US-Bürowaren-Discounters bringt das Credo der amerikanischen Arbeitswelt auf den Punkt: «Takin’ Care of Business», lautet der Refrain. «Sich ums Geschäft kümmern», das eigene oder das des Arbeitgebers, dafür leben viele Amerikaner. Sie verbringen freiwillig mehr Zeit im Büro, prahlen gegenüber Kollegen und Freunden mit ihren Überstunden oder verschenken zuweilen ihre ohnehin schon wenigen Urlaubstage. Sicher trifft das nicht auf alle zu, aber auf eine grosse Zahl.

Je nach Tätigkeit kommen da schon mal 50 bis 60 Arbeitsstunden in der Woche zusammen. Rechnet man die oft langen An- und Rückfahrten zur Arbeitsstelle hinzu, bleibt vom Tag nicht mehr viel übrig. Bei Paaren muss das mal zwei multipliziert werden, da Frauen wie Männer selbstverständlich beide arbeiten gehen.

Kommen Kinder oder Betreuungsbedarf bei anderen Familienangehörigen hinzu, wird das Alltagskorsett noch enger. Die Kleinen müssen zur Tagesbetreuung gebracht, die Schulkinder für den Bus fertiggemacht werden. Unter ehrgeizigen Eltern gehört es zum guten Ton, in diesen dichten Kalender noch ausserschulische Aktivitäten hineinzupressen. Schwimmen frühmorgens, Ballett am Abend, Base-, Foot- oder Fussball am Wochenende.

Natürlich gibt es auch diejenigen, die versuchen, aus den zwei bis drei Wochen bezahlter Urlaub das Beste zu machen. Wer es clever anstellt, benutzt die freien Tage, um in Verbindung mit den 16 offiziellen Feiertagen so viele lange Wochenenden wie möglich zu organisieren.

Doch so viel Freizeitplanung ist die Ausnahme. Zumal es dem Ruf ebenso schaden kann wie der Antrag auf unbezahlten Urlaub. Die verständnislosen Blicke der Kollegen sind garantiert.

Das Leben der meisten Amerikaner hat keine Balance, sondern eine Schieflage. Das Private rutscht automatisch nach unten, das Berufliche dominiert – «Takin’ Care of Business», eben.

Thomas J. Spang, Washington

Frankreich: Das Savoir-vivre hat Vorrang

Der Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit ist für die Franzosen Teil ihrer Lebenskunst – des berühmten «Savoir-vivre». Arbeiten ist Nebensache. Franzosen arbeiten weniger als der EU-Schnitt, das belegen alle Statistiken. Die in Frankreich seit 1999 geltende 35-Stunden-Woche führt dazu, dass Beamte und Angestellte urbaner Grossfirmen meist schon am Freitagmittag ins Wochenende fahren. Die Mütter nehmen dazu oft noch den Mittwoch oder Mittwochnachmittag für die Kinder frei.

Mehrere Umstände verstärken noch den Effekt der «35 heures». Erstens haben die Franzosen viele Freitage. Die Eisenbahner kommen auf zehn Wochen Ferien. Zweitens steigen junge Franzosen relativ spät ins Berufsleben ein. Und drittens verlassen sie dieses bei einem Rentenalter von 62 Jahren oder noch früher, denn es gibt generöse Regeln für die Frühpensionierung. Die Bähnler werden schon mit 52 Jahren pensioniert.

Die Franzosen, ein Volk von Faulpelzen und Freizeitfischern? Nein! Man steige in Paris um 20 oder 21 Uhr in einen Vorortszug: Er ist um diese Zeit noch gerangelt voll mit Büroangestellten aus dem Geschäftsquartier La Défense, die nach einem aufreibenden Arbeitstag erschöpft nach Hause fahren. Oder man schaue, wie lange die Freiberufler und Selbständigerwerbenden arbeiten – 51,2 Wochenstunden im Schnitt, also zwei Wochentage mehr als die Mehrheit mit 35-Stunden-Woche!

Jemand muss schliesslich den nationalen Wohlstand erarbeiten. Denn Frankreich ist ein reiches Land, mit Löhnen, die noch leicht über denen in Deutschland liegen. Mit ein Grund ist: Franzosen kommen auf eine bedeutend höhere Produktivität als Deutsche oder Briten. Sie arbeiten schneller und schlauer als ihre grossen Nachbarn mit der protestantischen Arbeitsethik. Vielleicht auch chaotischer und weniger präzis, aber alles in allem effizienter.

Kurzum, die Franzosen arbeiten weniger als andere, aber wenn, dann besser. Auch wenn nur, um möglichst viel Freizeit zu haben.

Stefan Brändle, Paris

Mexiko: Viel Arbeit, wenig Geld, niedrige Produktivität

Wenn man Roberto, den Schuhputzer, nach Work-Life-Balance fragt, dann erntet man einen fragenden Blick. Der 45-Jährige, der seit 23 Jahren an der Ecke Avenida Oaxaca und Valladolid in Mexiko-Stadt Schuhe putzt, kennt nicht einmal den Begriff. Seine Realität sieht so aus: morgens 90 Minuten von zuhause zur Arbeit fahren, abends 120 Minuten zurück. Dazwischen liegen acht bis neun Stunden bürsten, cremen und wienern von Schuhen. Wenn er nach Hause kommt, dann fällt er müde ins Bett. Für Roberto hat das Leben nur eine Work-Sleep-Balance.

Das Geld ist hart erarbeitet. Denn der «Lustrador» bekommt für jedes Paar Schuhe 20 Peso, umgerechnet Fr. 1.04 . Wenn Roberto 500 Pesos am Tag umsetzt (knapp 26 Franken), war es schon ein guter Tag. Und damit liegt er weit über dem staatlichen Mindestlohn von 88.36 Pesos (Fr. 4.58) am Tag.

Schuhe putzen in Mexiko: Jeder zweite Mexikaner arbeitet im informellen Sektor und ist damit nicht von Arbeitsgesetzen geschützt. (Symbolbild)

Schuhe putzen in Mexiko: Jeder zweite Mexikaner arbeitet im informellen Sektor und ist damit nicht von Arbeitsgesetzen geschützt. (Symbolbild)

Das OECD-Mitglied Mexiko ist das Land, das mit Abstand am längsten arbeitet. Vergangenes Jahr waren es im Schnitt 2257 Stunden. Der Durchschnitt der OECD liegt bei 1759 Stunden. Die gesetzliche Arbeitszeit in Mexiko liegt bei 48 Wochenstunden, der Urlaubsanspruch ist ein schlechter Scherz. Im ersten Beschäftigungsjahr besteht keinerlei Anspruch auf Urlaub. Im zweiten Jahr sind es sechs Arbeitstage. Aber da 30 Millionen Mexikaner, also 57 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung, im informellen Sektor arbeiten wie Schuhputzer Roberto, gelten diese rechtlichen Regeln lediglich für eine Minderheit. Im informellen Sektor arbeiten die Menschen oft ein Vielfaches mehr, um auf den lebensnotwendigen Verdienst zu kommen.

Bei derart schlechten Bedingungen für Arbeitnehmer wundert es nicht, dass es mit dem Arbeitsethos nicht weit her ist. Pünktlichkeit und Effizienz, wie man sie in der Schweiz kennt, darf man in Mexiko nicht erwarten. Es gibt Unternehmen, die zahlen einen monatlichen «Pünktlichkeitsbonus», wenn der Angestellte jeden Tag zur vorgeschriebenen Zeit auch wirklich am Arbeitsplatz ist.

Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt

China: Die emsigen Bienen stellen die Sinnfrage

Arbeitsbeginn erst nach zehn Uhr, zweistündige Mittagspausen, dann der anschliessende Mittagsschlaf auf dem Schreibtisch. Und bereits ab 17 Uhr ist das Büro nicht mehr besetzt. In China keine Seltenheit. Zumindest wenn es sich um eine Behörde handelt, einen Staatsbetrieb oder ein grosses Unternehmen, in dem der Firmenleitung der Überblick über ihre Tausenden von Angestellten abhandengekommen ist.

Ein solches Arbeitsethos dürfte viele verwundern – kursiert im Westen doch das Bild des emsigen Chinesen, der auf den Baustellen oder in den Fabriken 14 Stunden am Tag und selbst nachts oder an Feiertagen durcharbeitet. Zwei völlig konträre Vorstellungen von Arbeit in einem Land – das ist China.

Der Unterschied liegt darin, ob der Arbeitnehmer für jemanden anderes arbeitet oder für sich selbst. Für einen chinesischen Angestellten steht meist nicht so sehr die Kundenzufriedenheit an oberster Stelle, sondern ob der Vorgesetzte zufrieden ist. Schaut der Chef weg, lässt der Fleiss sofort nach. Da tickt China noch sehr kommunistisch. Wird hingegen der Bauarbeiter nach geleisteter Stunde bezahlt oder geht es um das eigene Geschäft, kennt das Arbeitsethos, die viel beschworene Bereitschaft zum «Bitternis essen», keine Grenzen. Urlaub kennen Wanderarbeiter oft nicht. Er schuftet, so viel er kann. So hat sich China zur zweitgrössten Volkswirtschaft entwickeln können, zur «Werkbank der Welt».

Doch mit zunehmendem Wohlstand fragen sich immer mehr Arbeiter, ob sie sich nicht übertrieben abmühen und darüber das Gute im Leben verpassen. In dem riesigen Land muss kaum einer mehr um seine blosse Existenz kämpfen. Zugleich steigen die Ansprüche nach mehr Freizeit. Chinas Arbeitsbienen stellen die Sinnfrage. Und so ist auch in privat geführten Unternehmen immer häufiger zu sehen, dass die Mitarbeiter zur Mittagszeit an ihren Schreibtischen schlafen.

Felix Lee, Peking

Griechenland: Arbeit ist für die Bürger kostbar

Arbeit – in der Krise haben viele Griechinnen und Griechen erfahren, wie wertvoll dieses Gut ist. Die Arbeitslosenquote lag im Jahr 2008 zu Beginn der Rezession noch bei 7,5 Prozent und stieg Mitte 2013 auf 27 Prozent. Inzwischen ist sie auf 19,5 zurückgegangen, aber das sagt wenig. Unter den 15- bis 24-Jährigen findet die Hälfte der Arbeitssuchenden keinen Job. Überdies: Bei zwei Drittel der neu geschaffenen Stellen handelt es sich um schlecht bezahlte Teilzeitjobs. Von den 1,7 Millionen Beschäftigten in der griechischen Privatwirtschaft arbeitet inzwischen jeder Dritte in Teilzeit – für durchschnittlich 394 Euro netto im Monat. Leben kann man davon nicht. Gerade von den Teilzeitbeschäftigten werden oft Überstunden verlangt – aber nicht bezahlt. Wer protestiert, riskiert den Job.

Auch die Vollzeitbeschäftigten verdienen wenig. Das statistische Durchschnittseinkommen beträgt nur 1148 Euro netto im Monat. Und es ist keine Seltenheit, dass Arbeitnehmer mehrere Monate auf ihren Lohn warten müssen.

Unvergessen ist in Griechenland die Kritik der deutschen Bundeskanzlerin Merkel, die zu Beginn der Krise gemünzt auf die Griechen sagte, es gehe nicht an, dass «einige ganz viel arbeiten und andere ganz viel Urlaub machen». Die Kanzlerin war schlecht informiert: Laut der OECD-Statistik arbeitet der Durchschnittsgrieche 2035 Stunden im Jahr, der Deutsche hingegen nur 1363 Stunden. Das Stereotyp von den «faulen Griechen» stimmt nicht.

Arbeit bleibt rar in Griechenland. Fachleute erwarten, dass es mindestens ein Jahrzehnt dauern wird, bis sich die Beschäftigungsquote erholt hat. Eine Zeitbombe sind aber die vielen Teilzeit-Arbeitsverhältnisse. Diese Beschäftigten haben kaum Chancen, nennenswerte Rentenansprüche zu erarbeiten. In drei oder vier Jahrzehnten droht Griechenland deshalb eine Explosion der Altersarmut.

Gerd Höhler, Athen