Coronavirus

Trotz Corona: Wie Grosseltern ihren Enkeln bei den Hausaufgaben helfen können

Ronja löst mit Grosstante Anne die Hausaufgaben.

Ronja löst mit Grosstante Anne die Hausaufgaben.

Anne (70) unterstützt Ronja (9) jeden Tag online beim Schulstoff. Daraus entsteht das Projekt «Enkelschule».

Zwischen Anne und Ronja liegen 50 Kilometer Distanz. Und das Coronavirus. Die 70- und 9-Jährige dürfen sich momentan nicht treffen. Dennoch beugen sie sich jeden Tag gemeinsam über die Hausaufgaben der Drittklässlerin. Jede vor ihrem Computer, verbunden durch einen Videoanruf.

Seit knapp zwei Wochen ist Rentnerin Anne zuständig für das coronabedingte Homeschooling ihrer Grossnichte Ronja. Gemeinsam üben sie Multiplikationen mit Zehnerzahlen oder besprechen die Tagebucheinträge, die Ronja für die Schule schreiben muss.

Nicht nur die Schülerin profitiert vom Unterricht

Jeden Nachmittag diskutieren und sehen sie sich im virtuellen Raum. Unter der Woche lösen sie die Aufgaben der Schule, am Sonntag lehrt Anne ihrer Grossnichte aus der Ferne das Nähen. Der erste Jupe ist schon fast fertig. Vor der Coronakrise hatten Anne und Ronja eher wenig Kontakt. Es ist die Pandemie, die ihre Beziehung vertieft.

Die Rentnerin hat keinen pädagogischen Hintergrund. Das sei auch nicht nötig, um Ronja zu helfen, sagt sie. Weitaus wichtiger als den Schulstoff erlebt sie den regelmässigen Austausch: «Ronja bekommt zwei Stunden pro Tag ungeteilte Aufmerksamkeit von mir. Das entlastet die ganze Familie.»

Nicht nur die Drittklässlerin und deren Eltern profitieren, sondern auch Anne. Im Alter von 70 Jahren gehört sie zur Risikogruppe. Sie ist gezwungen, zu Hause zu bleiben. Eine Situation, die ihre Freude selbst an jenen Dingen dämpfte, die ihr eigentlich Spass bereiten. Seitdem sie Ronja beim Schulstoff helfe, sei sie viel besser «zwäg», sagt Anne: «Das Coronavirus ist nicht mehr omnipräsent in meinem Denken. Und ich fühle mich lebendiger.»

Die «Enkelschule» hilft bei technischen Fragen

Die Idee für die Hausaufgabenhilfe ist spontan entstanden, bei einem Telefonat mit der Nichte. Der Sohn von Anne richtete die nötige Technik dafür ein und erklärte diese. Damit andere Seniorinnen und Senioren an der Technik nicht scheitern, hat Anne das Projekt «Enkelschule» angestossen.

Auf dieser Website findet sich eine Übersicht von Anbietern von Videokommunikation. Auch eine Anleitung zur Installation der Software «Whereby» ist aufgeschaltet. «Sie ist kostenlos und sehr einfach zu bedienen», sagt Urs Baumann, Projektleiter von «Enkelschule». Vor seiner Pensionierung hat er sich im Bildungsbereich mit digitalen Tools auseinandergesetzt.

Falls die Technik dennoch ihre Tücken zeigt, bietet «Enkelschule» telefonische Unterstützung. Die entsprechende Helpline wird in den nächsten Tagen freigeschaltet. Das Projekt soll die Epidemie überdauern. Eine Möglichkeit sieht Baumann in der Vernetzung von Senioren mit Kindern aus sozial schwächeren Familien.

Für Ronja beginnen bald die Frühlingsferien. Das gemeinsame Lernen setzen Grosstante und Grossnichte auch in der schulfreien Zeit fort. Eine Idee ist, zusammen Bücher zu lesen. Sobald der Jupe fertig genäht ist, möchte Ronja mit Hilfe von Anne zudem noch ein Jäckchen schneidern.

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