Hologramme

Tote Stars performen wieder auf der Bühne – gehört ihnen die Zukunft?

© Raffael Schuppisser

Whitney Houston ist wieder auf Tour. James Dean spielt in einem neuen Film.  Dank digitaler Technologie erstehen sie wieder auf.  Doch was macht das mit der Kunst?

Wenn die Pop-Queen ins Scheinwerferlicht der Bühne tritt und die ersten Töne von «Saving All My Love for You» erklingen, dann ist das ein Moment voller Magie: Nicht weniger als die Auferstehung einer grossen Sängerin. Vor acht Jahren verstarb Whitney Houston, seit dieser Woche ist sie wieder auf Tour. Sie ist zurück, nicht als Geist, aber als Hologramm (wie in diesem Video zu sehen ist).

Whitney Houston ist zwar nicht der erste Popstar, der als Hologramm aufersteht, aber es ist der bekannteste, der gleich eine ganze Tour spielt. Bereits 2012 erschien Tupac Shakur, sechzehn Jahre nach seiner Ermordung, auf der Bühne eines Hip-Hop-Festivals in Kalifornien. Es folgten Michael Jackson (gestorben 2009), die Opernsängerin Maria Callas (gestorben 1977) und der Country-Sänger Roy Orbison (gestorben 1988). Besonders gruselig: der Auftritt des mexikanischen Popsängers Juan Gabriel, der an seiner eigenen Beerdigung als Hologramm erschien.

Firma sichert sich Rechte an 400 verstorbenen Stars

Und nun also Whitney Houston. Ihre Auferstehung löste nicht nur Begeisterung aus. «Lasst sie doch in Frieden ruhen», twitterte ein Fan. Die Schwester der Sängerin beteuert in US-Medien, dass die Tour genau im Sinne von Whitney gewesen wäre.

Natürlich geht es bei der Sache auch um Geld: Über 75 Franken kosten die Tickets – einem toten Popstar zuzusehen, scheint ebenso teuer zu sein wie einem lebendigen. Doch die Tour ist nicht wunschgemäss gestartet. Das erste Konzert am vergangenen Dienstag in der City Hall im britischen Sheffield war nicht ausverkauft. Kurz danach wurde bekannt, dass die für den 19. März in Zürich geplante Show abgesagt ist. Den Grund «unvermeidbare Änderungen im Tour-Verlauf» will man bei einem Hologramm nicht so ganz glauben.

Dennoch: 2020 ist das Jahr der Auferstehung. Auch James Dean wird bald wieder bei uns sein. Der Rebell aus den 50er-Jahren, der nach seinem Autounfall zum Idol der Jugend wurde, soll im Vietnamkrieg-Drama «Finding Jack» eine tragende Rolle spielen.

James Dean starb 1955 bei einem Autounfall. Dieses Jahr gibt er im Film «Finding Jack» sein Comeback.

James Dean starb 1955 bei einem Autounfall. Dieses Jahr gibt er im Film «Finding Jack» sein Comeback.

Das wirft Fragen auf. Eine geht so: Mal angenommen, der James Dean 2020 legt eine unwiderstehliche schauspielerische Leistung hin, wer hat dann Anrecht auf den Oscar? Der verstorbene James Dean, der namenlose Schauspieler, der ihm seinen Körper zur Verfügung stellt, oder die Techniker, die alles zusammenfügen?

Technisch geht die Auferstehung so: Ein Schauspieler übernimmt den Part von James Dean, nachträglich werden sein Gesicht und sein Körper durch jene des verstorbenen Stars aus den 50er-Jahren ersetzt. Als Grundlage dafür dienen alte Filme und anderes Archivmaterial. Computer Generated Imagery, kurz GCI, nennt sich das Verfahren auch.

Was im Film funktioniert, klappt auch auf der Bühne. Hier werden die mittels GCI erstellten Filmaufnahmen der verstorbenen Sänger auf eine dünne Spezialfolie projiziert. Im richtigen Licht erscheinen sie dann als dreidimensionale Hologramme.

Dass verstorbene Stars auferstehen, scheint bestens in unsere Zeit zu passen. Wenn keine CDs mehr verkauft werden, aber mit Konzerten viel Geld verdient werden kann, dann drängen auch die Toten zurück auf die Bühne. Und wer schafft es heute überhaupt noch, die grosse Masse anzuziehen und ein Stadion zu füllen? Die Rolling Stones, The Who und Aerosmith wird es in zehn Jahren kaum mehr geben. Vielleicht ist es leichter, sie als Hologramme auferstehen zu lassen, als für ein mit Netflix und Spotify sozialisiertes Publikum von Individualisten neue zu erschaffen.

Im Film dominiert der Fortsetzungswahn. Gedacht und geplant wird nicht mehr in einzelnen Filmen, sondern in Serien. Der Tod eines Schauspielers mag vielleicht seinem Leben ein Ende setzen, nicht aber dem ganzen Projekt. Als der Schauspieler Paul Walker 2013 bei einem Autounfall tödlich verunglückte, hiess das nicht, dass er nicht nach wie vor Teil der Serie «Fast and Furious» sein konnte (wie im folgendn Video zu sehen ist).

Auch Carrie Fisher war längst tot, als sie letztes Jahr noch einmal in «Star Wars» in die Rolle der Prinzessin Leia schlüpfte.

Wird die Zukunft voller toter Schauspieler sein? Spielt es für einen Film bald keine Rolle mehr, ob einer noch am Leben ist oder nicht? Wenn es nach der US-Firma Worldwide XR geht, dann wird das so sein. Das Unternehmen hält die Rechte von über 400 verstorbenen Stars, darunter Schauspieler wie Bette Davis und Burt Reynolds, aber auch Sportlegenden und Musiker.

Doch nicht jeder will nach seinem Tod auferstehen. Der 2014 verstorbene Oscar-Gewinner Robin Williams hat in seinem Testament festgehalten, dass nach seinem Tod 25 Jahre lang kein Hologramm von ihm angefertigt werden darf. Heute scheint es nötig zu sein, einen solchen Wunsch festzuhalten. Und vielleicht ist dieser auch im Sinne der Kunst. Denn eine Unterhaltungsindustrie, die voller Verstorbener ist, hat einen modrigen Beigeschmack. Wie soll sich hier Kunst weiterentwickeln können, wenn bloss das Vergangene konserviert wird? Sich an Bestehendem festzuhalten, ist ziemlich das Gegenteil von Kreativität.

Werden Filmstudios ihre eigenen digitalen Stars erschaffen?

So fortschrittlich die Technologie der digitalen Wiederbelebung auch ist, so konservativ ist ihr Resultat. Wenn aus dieser technischen Spielerei etwas Neues entstehen soll, dann muss man sie noch eine ganze Umdrehung weiterbringen. Statt James Dean, Whitney Houston und Co. wiederzubeleben, sollte man aus der Untiefe der digitalen Möglichkeiten neue Wesen von Grund auf erschaffen. Der Deutsche Filmwissenschafter Rolf Giesen stellt sich so das Kino von morgen vor. In einem Interview mit dem Radiosender SRF 2 sagte er: «Digitale Schauspieler sind die Zukunft.» Filmstudios würden selber neue Schauspieler kreieren.

Klingt nach Science-Fiction. Doch in Japan gibt es das schon so ähnlich. Hatsune Miku füllt dort Konzerthallen. Dabei ist sie bloss ein Hologramm ohne reales Ebenbild. Ein Mädchen mit langem türkisfarbenem Haar in einer Schuluniform. Dass es sie nicht gibt, nie gegeben hat und dennoch gibt, das macht ihren Reiz aus. Dagegen wirkt Whitney Houston 2020 wie eine behäbige Kopie einer grossen Sängerin.

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