Flugsicherheit

Tödliche Gefahr für Helikopter-Piloten: Armee entfernt alte Seilbahnkabel

Nach dem Helikopterabsturz am Gotthard: Eine Sondereinheit der Armee entfernte diesen Sommer im Kanton Tessin über ein Dutzend alte Seilbahnen und Transportseile.

Nach dem Helikopterabsturz am Gotthard: Eine Sondereinheit der Armee entfernte diesen Sommer im Kanton Tessin über ein Dutzend alte Seilbahnen und Transportseile.

Alte Seilbahnen und Stromkabel sind für Helikopter gefährlich. Letztes Jahr haben schlecht sichtbare Kabel zum Absturz eines Super Pumas und zum Tod des Piloten geführt. Die Armee rückt nun zum Abriss aus.

Etwas mehr als ein Jahr ist es her, seit auf dem Gotthardpass ein Puma-Helikopter der Schweizer Armee mit einem Stromkabel kollidierte und abstürzte. Einmal mehr zeigte sich, wieso Helikopterpiloten die kaum sichtbaren Seile und Kabel von Transportanlagen und Stromleitungen fürchten. «Zusammenstösse mit Transportseilbahnen oder Freileitungen enden in der Regel mit einem Absturz und tödlichen Folgen», sagt denn auch Daniel Reist, Mediensprecher der Schweizer Armee.

Helikopter-Absturz: Weitere Aufnahmen des Unfallortes am Mittwochabend.

Helikopter-Absturz: Aufnahmen vom Unfallort.

Diesen Sommer hat deshalb eine Sondereinheit mit zwölf gebirgstauglichen Soldaten im Tessin in der Nähe von Bellinzona während dreier Wochen über ein Dutzend alte Seilbahnen und nicht mehr benötigte Transportseile abgebrochen. Bereits seit 2001 ist die Armee daran, nicht mehr benutzte und veraltete Seilbahnen oder Kabel für Heutransporte abzubauen. Seither hat diese Spezialeinheit schon gegen 400 Anlagen abgebrochen.

Bei der diesjährigen Aktion an der Spitze: Der Berner Oberländer Bergführer Daniel Dietler aus Stechelberg. «Früher waren die Mitglieder dieser für den Seilbahnabbau spezialisierten Truppe alle aus dem Haslital, heute kommen sie aus verschiedenen Bergkantonen, aber sie sind immer noch handverlesen, motiviert, zuverlässig und robust», erklärt der Oberleutnant. Der Bergführer ist voll des Lobes. Zivil arbeiten die Soldaten als Seilbahnfachleute, Baumaschinenmechaniker oder im Forst und bringen neben Kraft auch Kooperationswillen, überdurchschnittliche Einsatzbereitschaft und Improvisationsgabe mit. Ungefährlich ist ihre Aufgabe nicht. Der Arbeitsplatz der Soldaten befindet sich nicht selten an steilen Abhängen.

Gefragt sind klare Befehle

Besonders wenn es darum gehe, die tonnenschweren Tragseile zu demontieren, brauche es klare Befehle und eine «Kultur des Aufeinander-Hörens», sagt Dietler. Es sei eben Teamarbeit. Während Dietler dem Journalisten vor Ort bei einem Seilbahnabbruch Auskunft gibt, organisieren seine Kollegen die Sperrung der Passstrasse. Eine Kollision zwischen einem Auto und dem vom Himmel geholten Seil auf der Strasse muss unter allen Umständen verhindert werden. Ist das Kabel einmal weg und für den Abtransport bereit, geht es den Masten an den Kragen.

Auch diese Arbeit wird vom Seilbahneigentümer, dem 82-jährigen Angelo Besana, mit Argusaugen beobachtet. Er hat die Bahn auf die Alp vor 30 Jahren für 80 000 Franken bauen lassen. Für einen Abbruch fehlt ihm heute das Geld. Deshalb ist Besana für den «Abbruch-Service» mehr als dankbar. Als kleines Dankeschön serviert er der Truppe während einer Pause Espressi aus seiner Alpküche.

Zurückgebaut werden aber nur die Kabelanlagen mit Motor und Masten. Für den Abbruch von Stationshäuschen und nicht-technischen Anlageteilen sind die Eigentümer selber verantwortlich. Für den Einsatz des Spezialdetachementes wird den Bahneignern keine Rechnung gestellt.

Auf keiner Flugkarte vermerkt

Allzu oft werden nicht mehr benötigte Transportseilbahnen ihrem Schicksal überlassen oder ein Abbruch wird aus finanziellen Gründen hinausgeschoben oder vergessen. Besonders problematisch sind dabei Transportseile, die gar nicht gemeldet und auf den Flugkarten nicht erfasst sind. Sie machen den Flug- und Rettungsbetrieb in unbekanntem Gelände für Helikopterbesatzungen schier zum russischen Roulette.

«Es ist nicht böser Wille, eher Unwissenheit oder mangelnde Sensibilität der Seilbahn-Eigner», meint dazu Armeesprecher Daniel Reist. Umso wichtiger sei es, die Leute zu sensibilisieren, unbekannte Seilbahnen in die Karten einzeichnen und mitzuhelfen, dass nicht mehr betriebene Seilbahnen abgebrochen werden.

Kabel und Seilbahnen, die nicht mehr gebraucht werden, gibt es in der Schweiz noch zuhauf – Hunderte, wenn nicht Tausende. Landbesitzer, die nicht mehr benötigte Kabelanlagen besitzen oder gar vergessene Anlagen kennen, sind aufgerufen, diese der nächsten Rega-Basis oder über die Telefonnummer 1414 zu melden. Die Rega sammelt entsprechende Meldungen und Abbruchgesuche und führt diese auf einer Warteliste zusammen. Mit der Armee und dem Bundesamt für Zivilluftfahrt werden dann die Prioritäten gelegt.

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