Endlich ist der Sommer da und lockt uns ins Freie zum Grillieren und Wandern. Wenn da nur die Zecken nicht wären: Die Spinnentiere ernähren sich von Tier- und Menschenblut und können Krankheitserreger wie Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) übertragen. Eine Infektion mit FSME-Viren kann zur gefürchteten Hirnhautentzündung führen.

Nun haben Forscher erstmals nachgewiesen, dass neben dem Gemeinen Holzbock (Ixodes ricinus), der am häufigsten vorkommenden Zeckenart in unseren Breiten, noch ein weiteres Spinnentier FSME-Viren überträgt: die sogenannte Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus). Diese befallen normalerweise nur Haustiere und galten bislang als ungefährlich für den Menschen. Sie sind zwar seltener als der Holzbock, aber schon bei niedrigen Temperaturen, also früher im Jahr, aktiv.

Wie viele Auwaldzecken FSME-Viren in sich tragen, ist noch nicht bekannt. Beim Holzbock sind es gerade einmal 0,5–1,5 Prozent. Dennoch erkranken pro Jahr 100 und 250 Personen an FSME in der Schweiz. Der grösste Teil der Erkrankten leidet nur an grippeähnlichen Symptomen, bei 5 bis 15 Prozent dringen die Viren aber ins Nervensystem ein und können zu bleibenden Schäden wie Lähmungen, in seltenen Fällen auch zum Tod führen. Anders als bei Borreliose existiert bei FSME keine Therapie. Das Bundesamt für Gesundheit empfiehlt deshalb eine Impfung für Erwachsene und Kinder ab 6 Jahren.

Holzbock auf dem Vormarsch

Die Entdeckung, dass Auwaldzecken das FSME-Virus übertragen, lässt das Risiko, daran zu erkranken, nicht in die Höhe schnellen. «Die Auwaldzecke ist ein ‹Zufalls-Überträger›», sagt Rahel Ackermann, Leiterin des Nationalen Referenzzentrums für zeckenübertragene Krankheiten in Spiez.

Dafür ist der Holzbock in der Schweiz weiter auf dem Vormarsch. Und das nicht nur in Wäldern und Wiesen: «Wer aus der Haustür tritt, steht im Lebensraum der Zecke – auch im eigenen Garten», sagt Ute Mackenstedt, Leiterin der Abteilung Parasitologie der Universität Hohenheim.

Deswegen gibt es zunehmend Bemühungen, Zecken biologisch und sogar digital zu bekämpfen. Die biologische Strategie lautet dabei «Attract and Kill», also anlocken und abtöten. Grundsätzlich eignet sich diese Art der Bekämpfung nur für Gärten, Stadtparks oder beliebte öffentliche Grillplätze. «Eine grossflächige Zeckenbekämpfung ist nicht möglich, weil Zecken einen zu komplexen Lebenszyklus haben. Anders als Borkenkäfer können sie nicht gezielt mit Pheromonen in eine Falle gelockt werden», sagt Jürg Grunder, Leiter der Abteilung Phytomedizin der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften.

Als natürliche Feinde gelten bestimmte Pilze, die Zecken durchwachsen, Fadenwürmer und Erzwespen, die ihre Eier in der Zecke ablegen. Die daraus schlüpfenden Larven fressen die Zecke von innen auf. «An einzelnen Bekämpfungsstrategien wird an Hochschulen geforscht. Ein markttaugliches, effizient wirkendes Produkt ist aber bis jetzt nicht erhältlich», sagt Grunder. Was auch an der Biozid-Verordnung liege, die seit 2015 mit der EU harmonisiert sei: So müssen vor der Zulassung eines biologischen Zeckenbekämpfungsmittels, das mithilfe eines Nutzorganismus wie Pilz oder Insekt gegen Zecken wirkt, langwierige Labor- und Freilandtests durchlaufen werden. Dabei muss nachgewiesen werden, dass das Mittel nur auf den gewünschten Zielorganismus, also Zecken, wirkt. «Ob ein solches Mittel schliesslich zugelassen wird, ist ein zu grosses finanzielles Risiko, um mit aller Konsequenz in diese Richtung zu forschen und zu entwickeln», so Grunder. Aber: «Wird das Zeckenproblem immer grösser, könnte sich das ändern.»

Wirksame Selbstkontrolle

Die digitale Zeckenbekämpfungsstrategie hingegen ist bereits erfolgreich: Die App «Zecke» wurde bislang über 45 000 Mal heruntergeladen. Sie bietet neben zahlreichen Tipps, etwa zur Entfernung von Zecken, auch ein Zeckentagebuch. Darin kann man die Stiche notieren, und man wird in regelmässigen Abständen nach Borreliose-Symptomen gefragt. Ausserdem zeigt eine Gefahrenkarte – für welche die User Zeckenstiche melden – das aktuelle Zeckenstich-Risiko einer Region an.

Im Kampf gegen die Spinnentiere sollte man sich aber auch auf die einfachen und wirkungsvollen Hilfsmittel besinnen: Socken über die Hosenbeine ziehen, feste Schuhe, Zeckenschutzmittel und vor allem: die Ganzkörperbeschau.

Werner Tischhauser, der die App «Zecke» an der ZHAW mit Grunder mitentwickelt hat, sagt es deutlich: «Wenn die Leute sich jeden Abend auf Zecken absuchen würden, dann gäbe es die ganze Zecken-Problematik nicht. Aber die meisten Leute beschäftigen sich erst damit, wenn sie gebissen worden sind.» Tischhauser findet, das Absuchen auf Zecken müsse in der Schweiz zur Routine-Arbeit werden.